Es ist eine Einschätzung, die für Irritationen sorgt: Gerade erst verkündete Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) auf dem dritten Nordsee-Gipfel in Hamburg Milliarden-Investitionen in Windkraftanlagen in der Nordsee. Da zieht Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die Handbremse: Windenergie bezeichnete er auf dem Gipfel als „Übergangstechnologie“. Sein Fokus liege woanders.
Wie unter anderem „Bild“ berichtet, setze der Kanzler auf Kernfusion, die alle anderen Wege zur Stromerzeugung ablösen solle. Windenergie werde uns lediglich „zehn Jahre, 20 Jahre, vielleicht 30 Jahre begleiten“, wird der Kanzler zitiert. Deutschland werde den ersten Kernfusionsreaktor bauen. Andere Energiequellen zu Stromerzeugung brauche es dann nicht mehr. Derzeit werde daran aber noch geforscht. Widersprüchlich erscheint da, dass sich die europäischen Staaten auf den starken Ausbau von Windparks für die nächsten Jahre verständigt haben. Dazu schlossen die Energieminister beim Nordsee-Gipfel in Hamburg einen Investitionspakt mit der Windindustrie und den Netzbetreibern.
Windenergie: Fast 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze sollen geschaffen werden
Bedingungen für Investitionen sollen verbessert und Kosten gesenkt werden. Geplant sind Windparks mit einer Stromanbindung an mehr als ein Land. Die Nordsee-Staaten einigten sich darauf, bis zu 100 Gigawatt Erzeugungsleistung grenzüberschreitend zu vernetzen. „Unser Ziel ist es, den größten Energie-Hub der Welt zu entwickeln“, sagte Wirtschaftsministerin Reiche.
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Der Industrie werden mit der Vereinbarung Ausschreibungen für Windkraft-Anlagen in der Nordsee über 2030 hinaus zugesichert und damit Planungs- und Investitionssicherheit hergestellt. Im Gegenzug verpflichtet sich die Branche, die Gesamtkosten für die Stromerzeugung bis 2040 um 30 Prozent zu senken. Zudem sollen bis 2030 in Europa 9,5 Milliarden Euro in neue Produktionskapazitäten investiert und 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden.
Reiche: Saubere und sichere Energie durch Offshore
„Mit dem konsequenten Ausbau und der intelligenten Vernetzung von Offshore-Energie schaffen wir bezahlbare, saubere und sichere Energie, reduzieren strategische Abhängigkeiten und erhöhen die Resilienz Europas insgesamt“, sagte Reiche.
Gastgeber Merz hatte bereits vor dem Gipfel gefordert, die Nordsee solle zum „größten Reservoir für saubere Energie weltweit“ werden. Im Wahlkampf hatte sich der CDU-Chef aber noch abschätzig zur Windenergie geäußert. „Ich glaube sogar, dass wir, wenn wir was richtig machen, eines Tages die Windkrafträder wieder abbauen können, weil sie hässlich sind und weil sie nicht in die Landschaft passen“, sagte er im November 2024 im ZDF. Im Koalitionsvertrag mit der SPD wurde der Ausbau der Windkraft und auch die Kooperation mit den anderen Nordseeanrainern dann aber fest verankert.
Kritik der Umweltverbände: „Das Maß verloren“
An dem Gipfel nahmen zehn Staaten teil – sieben Nordsee-Anrainer sowie Irland, Island und Luxemburg, das zwar keinen Meter Küste hat, sich aber an der Windkraft-Finanzierung beteiligt.
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Die Umweltverbände fordern, dass der Ausbau der Windkraft nicht zulasten der Natur gehen darf. „Einige Akteure haben beim Ausbau der Windenergie auf See das Maß verloren“, sagt der Meeresexperte des Naturschutzbundes (Nabu) Kim Detloff. „Ökologische Auswirkungen von massiven Lebensraumverlusten vieler Seevögel bis zu irreversiblen Veränderungen des Ökosystems Nordsee drohen unbeherrschbar zu werden.“ Das Narrativ des „Kraftwerks Nordsee“ sei fatal.
mit dpa/jle



![Friedrich Merz (CDU) und Bärbel Bas (SPD) im Juni im Bundeskanzleramt. Pressekonferenz [press conference] nach der ?bergabe des Berichts der Altersicherungskommission zur Rentenreform in Berlin](https://img.sparknews.funkemedien.de/413277497/413277497_1790592399_v16_9_1200.jpeg)


