Der Kaffeetisch ist schon gedeckt. Die strahlende Wintersonne schafft es an diesem Vormittag noch nicht hinein in die Berliner Residenz des israelischen Botschafters. Jemand hat Kaffee eingeschenkt, der gemütlich vor sich hin dampft. Ein grauhaariger Mann steht neben dem Tisch und wartet sichtlich angespannt: Es ist Kai Uwe Höss, 63 Jahre alt, Pastor, Vater von vier Kindern und Enkel des „schlimmsten Massenmörders in der Geschichte der Menschheit“, wie er es formuliert. Rudolf Höß, der Kommandant des Konzentrationslagers Auschwitz und des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau war sein Opa.

Kai Uwe Höss hat die Hände ineinandergelegt, streicht ab und zu über seine rote Krawatte. Was ihn hier erwartet? „Ich lasse es auf mich zukommen“, sagt er. Ron Prosor, der israelische Botschafter in Deutschland, geht mit ausgestreckter Hand auf ihn zu: „Guten Tag, ich begrüße Sie, darf ich Kai sagen?“ Höss nickt.

Sie stehen sich gegenüber und schauen sich in die Augen. Prosor, Enkel der jüdischen Familie Proskauer, die bis 1933 in Berlin-Wilmersdorf lebte und rechtzeitig nach Palästina floh. Höss, Enkel jenes Mannes, der im Zweiten Weltkrieg die Vernichtung von mehr als einer Million Menschen – die allermeisten von ihnen waren Juden – plante, organisierte und beaufsichtigte.

Prosors Großvater wollte nicht fliehen, Deutschland war seine Heimat

Prosor durchbricht die Stille, erzählt, dass diese Residenz früher einer jüdischen Familie gehörte, die vor den Nazis rechtzeitig fliehen konnte. Dann beginnt er, über seine Familie zu sprechen. Er hat Fotos mitgebracht. Auf einem trägt sein Großvater Berthold Uniform, er sei ein echter deutscher Patriot gewesen, der für sein Land im Ersten Weltkrieg gekämpft hat: „Sie waren so deutsch. Deutsche mit jüdischem Glauben“. Später wird Prosor mit Höss zum Haus der Großeltern an der Eisenzahnstraße fahren. Seit 2024 liegen vier Gedenksteine davor, Stolpersteine. Sie tragen die Namen der Großeltern Elfriede und Berthold Proskauer, die seiner Tante Liselotte und seines Vaters Ulrich: Geflohen 1933 nach Palästina. Sie haben überlebt, sind in der neuen Heimat aber nie richtig angekommen. Sein Großvater wollte das Land nicht verlassen: „Deutschland war seine Heimat“. Zum Glück habe er auf seine Frau gehört.

Als ich nach Hause kam, fragte ich meine Mutter, ob wir mit Rudolf Höß verwandt seien. Sie sagte nur: Das ist dein Opa. 

Kai Uwe Höss, Pastor und Enkel des Auschwitz-Kommandanten

Für ihn, so sagt es Prosor, habe sich mit seiner Ernennung zum Botschafter Israels in Berlin ein Kreis geschlossen: „Es war wie eine Rückkehr.“ Jetzt aber, fast 92 Jahre nach der Flucht der Großeltern, mache ihm der wachsende Antisemitismus in Deutschland große Sorgen. Juden in Deutschland hätten wieder Angst. „In Berlin wagen sie sich mit einer Kippa nicht mehr auf die Straße. Jüdische Schulen und Synagogen müssen bewacht werden.“

Höss hört zu, er nickt. Sie sprechen Englisch miteinander. So predigt er auch in seiner Gemeinde in Stuttgart, so unterhält er sich mit seiner indonesischen Frau und seinen vier Kindern. Er hat lange im Ausland gelebt und fühlt sich im Englischen sicherer.

Berthold und Elfriede Proskauer
Berthold Proskauer war ein deutscher Patriot, der im Ersten Weltkrieg gekämpft hat. Der Großvater von Ron Prosor, israelischer Botschafter in Deutschland, wollte das Land 1933 nicht verlassen, gab aber dem Drängen seiner Frau nach. Sie flohen nach Palästina, fühlten sich dort aber fremd.© Berthold und Elfriede Proskauer | Berthold und Elfriede Proskauer

Der Botschafter möchte wissen, wie er erfahren habe, wer sein Großvater ist. Höss erzählt von einem Schultag in der siebten Klasse. Auf dem Stundenplan stand der Nationalsozialismus. „Wir sprachen über den Holocaust.“ Und über Auschwitz. „Als ich nach Hause kam, fragte ich meine Mutter, ob wir mit Rudolf Höß verwandt seien. Sie sagte nur: Das ist dein Opa.“

Prosor fragt, wie er reagiert habe. „Ich habe mich geschämt, ich habe mich unendlich geschämt, ich wollte nie wieder in die Schule gehen.“ „Und dann?“, hakt der Botschafter nach. „Nichts“, sagt der 63-Jährige. Er sei weiter in die Schule gegangen, und zu Hause sei weiter geschwiegen worden. „Alle Fragen blieben unbeantwortet. Alles wurde aus Scham totgeschwiegen.“

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Die Männer haben sich auf Wunsch eines israelischen Videoteams auf die Stühle gesetzt. Ihre Begegnung wird für eine Konferenz in Israel aufgezeichnet, die am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, stattfindet. Der Tag erinnert an die mindestens sechs Millionen im Zweiten Weltkrieg ermordeten Menschen, die allermeisten waren Juden. Kai Uwe Höss sollte eigentlich persönlich nach Israel kommen, aber er ist an diesem Tag in der Synagoge in Freiburg. So kam es zu der Idee dieses Gesprächs – zwei Männer einer Generation, die ihre Geschichte tragen.

Der dunkle Schatten: „Wer will schon mit Rudolf Höß verwandt sein?“

Prosor fragt viel, Höss erzählt, und seine Lesebrille wandert immer wieder von einer Hand zur anderen. Der 63-Jährige hat einen weiten Weg hinter sich, seit er weiß, wer er ist und welch dunkler Schatten über seiner Familie liegt. „Wer will schon mit Rudolf Höß verwandt sein? Ich wünschte mir, es wäre anders, aber ich muss mit meiner Familiengeschichte leben.“

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Mit 17 Jahren nimmt er das Buch „Der Kommandant von Auschwitz“ aus dem Bücherregal seiner Eltern, das sein Vater bis dahin nicht angerührt hat. Rudolf Höß hat es nach dem Krieg in Gefangenschaft verfasst – im Angesicht des Todes durch den Strang. Das Buch, so sagt er, zeige den Techniker des Tötens. Im Lager Dachau habe er das Morden gelernt, in Auschwitz praktizierte er die Massenvernichtung jüdischen Lebens. Die Lektüre des Buchs „hat mir das Herz gebrochen“. 

Das 1940 errichtete Konzentrationslager war das Zentrum der NS-Vernichtungspolitik. Die Gleise nach Auschwitz, der Torbogen mit dem Schriftzug „Arbeit macht frei“, die Gaskammern und Verbrennungsöfen in Auschwitz-Birkenau sind zum Inbegriff des Holocaust, zum Synonym des Bösen geworden.

Auschwitz-Birkenau
Das Torhaus des früheren Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau. © Jens Wolf/dpa | Jens Wolf

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Lager. Die Soldaten fanden in dem von den Nazis geräumten Komplex noch 7600 Überlebende und 650 Leichen. In den Magazinen lagen 843.000 Herrenanzüge, 837.000 Damenmäntel und -kleider, 44.000 Paar Schuhe und 7,7 Tonnen menschliches Haar.

Wie lebt man mit dem Wissen, dass man der Enkel dieses Massenmörders ist, will Prosor wissen.

Höss erzählt, dass er, nachdem er das Buch seines Großvaters gelesen hatte, sehr verzweifelt gewesen sei. „Ich habe mich gefragt, was ich tun kann, ich habe auch meinen Vater gefragt, aber nie eine Antwort bekommen.“

Im Krankenhaus las Höss die Bibel, das einzige Buch, das er finden konnte

Der junge Mann stürzt sich ins Leben, macht beim Bund eine Kochlehre, studiert Tourismusmanagement, leitet Hotelprojekte in Thailand, Indonesien, China, Singapur, Ägypten. Er lässt das im Ausland unbekannte „ß“ in seinem Namen in ein doppeltes „s“ ändern und nennt seinen Lebensstil von damals „machiavellistisch“. Es war ein Leben auf der Überholspur.

SS officers in front of a building at an SS retreat, outside of Auschwitz. left to right; Josef Mengele, Josef Kramer, Rudolph Höss and Karl Hoecker.
Rudolf Höß war der Kommandant von Auschwitz. Er plante, organisierte und beaufsichtigte den Tod von mindestens 1,1 Millionen Menschen. © picture alliance / World History Archive | picture alliance / World History Archive

Eine Operation in Singapur, die ihn fast das Leben gekostet hätte, änderte alles. Außer einer Bibel gab es nichts zu lesen. Er fand über die Bußpsalmen des König Davids, die von Reue und Schuld handeln, zu Kraft und Glauben. Er sei nicht Christ geworden, weil sein Großvater ein Massenmörder war, sagte Höss in einem Interview, er büße auch nicht für die Taten seines Großvaters: „Schuldig werde ich, wenn ich sie leugne. Dann trage ich sie in die nächste Generation. So verstehe ich Erbschuld.“ Ihm gehe es darum, aus der Geschichte zu lernen, gerade aus der eigenen.

Der Kaffee ist längst kalt geworden, als Höss von seinem Vater Hans Jürgen erzählt. Der Sohn von Rudolf Höß erinnert sich an eine glückliche Kindheit und einen „guten Papa“, der sich Zeit nahm für die fünf Kinder, wenn er zu Hause war. Vom Aschestaub der verbrannten Menschen nebenan, von Schreien und vom Töten will er im Gartenidyll in unmittelbarer KZ-Nachbarschaft nichts mitbekommen haben.

Ich habe mich geschämt, ich habe mich unendlich geschämt.

Kai Uwe Höss, Pastor und Enkel des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß

Ein unterirdischer Gang verband das Familienparadies mit der Hölle. „Mein Großvater mutierte in diesem Gang vom Menschen zum Monster“, sagt der 63-Jährige. Bis ins hohe Alter hielt Hans Jürgen Höss am Bild vom guten Vater fest.

Vater und Sohn Höss besuchen gemeinsam Auschwitz

Aber der Dokumentarfilm „Der Schatten des Kommandanten“, der 2024 nach dem Spielfilm „The Zone of Interest“ in die Kinos kam, änderte das Bild. Kai Uwe Höss und sein Vater sind als Protagonisten gemeinsam in Auschwitz. Der Film zeigt den Vater am Fenster seines ehemaligen Kinderzimmers, beim Treffen mit einer Holocaust-Überlebenden und unter dem Galgen, an dem Rudolf Höß gehängt wurde. Man sieht im Film, dass Hans Jürgen Höss weint, und man hört die Worte: Sein Vater habe „die gerechte Strafe bekommen“. Kai Uwe Höss meint, sein Vater sei danach erleichtert gewesen. Er starb einige Monate später.

Holocaust-Mahnmal
Pastor Kai Uwe Höss, Enkel von Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß, legt dem israelischen Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, im Holocaust-Mahnmal die Hand auf den Rücken. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Für Pastor Höss ist das die Basis für die Befreiung von der Erbschuld: Die Fehler erkennen, benennen und umzukehren. „Wir müssen die Barriere vom Verstand zum Herzen durchbrechen“, es sei entscheidend, mit dem Herzen zu fühlen. Auch deshalb geht er in Schulen, spricht über die Vergangenheit, will das Leid fühlbar machen.

Das alles kann Höss dem israelischen Botschafter gar nicht erzählen. Die Zeit ist knapp, es ist ein behutsames Kennenlernen, das mit einem Foto am Holocaust-Mahnmal in Berlin endet.

Höss ist zum ersten Mal hier. Unser Fotograf lotst die beiden durch das Stelenfeld, und Höss legt behutsam seine Hand auf den Rücken des Botschafters.

Sagi Bin Nun macht auch ein Foto, bevor er den 63-Jährigen um ein Interview mit Walla, dem größten Internetportal Israels, bittet. Er ist mit dem israelischen Videoteam nach Berlin gekommen. Der Journalist zückt sein Tablet und zeigt ein Foto seiner Großmutter. Sie hat Auschwitz überlebt, die eintätowierte Nummer auf ihrem Arm ist nicht zu übersehen. Höss betrachtet das Foto und lächelt Sagi mit feuchten Augen an. Auch Sagi ist gerührt. Die beiden nehmen ein Foto auf: Der Enkel des Massenmörders und der Enkel einer Auschwitz-Überlebenden am Holocaust-Mahnmal in Berlin – das Leben, so meint Sagi, sei voller Wunder.