An angenehme Dinge gewöhnt man sich schnell. Und es dauert erfahrungsgemäß nicht lange, bis man sie nicht mehr missen möchte und für selbstverständlich hält. Die Politik stellt das regelmäßig vor Probleme: Will sie die ursprüngliche Situation wiederherstellen, sind Widerstände zu überwinden. Zum Beispiel dann, wenn Subventionen oder Steuervorteile gestrichen werden sollen. Auch die Debatte über eine Abschaffung der telefonischen Krankschreibung gehört in diese Kategorie.

Telefonische Krankschreibung: Eine Rücknahme wäre zu verkraften

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) jedenfalls hat diese Möglichkeit als einen Faktor dafür ausgemacht, dass der Krankenstand in Deutschland relativ hoch ist. Die Deutschen arbeiteten insgesamt zu wenig, meint der Regierungschef. Gesundheitsministerin Nina Warken (ebenfalls CDU) will die telefonische Krankschreibung nun auf den Prüfstand stellen. Ob das in der Corona-Pandemie eingeführte Instrument tatsächlich die Beschäftigten scharenweise zum Blaumachen animiert, sei einmal dahingestellt. Richtig ist aber auch: Eine Rücknahme wäre zu verkraften. Bis 2021 war es schließlich die Regel, dass man einen Arzt aufsuchen musste, wenn man sich nicht fit fühlte.

Kommentarfoto Thorsten Knuf
Politik-Korrespondent Thorsten Knuf© Funke Foto Services | Reto Klar

Unabhängig davon sollte niemand glauben, dass sich mit derartigen Schritten irgendwelche Probleme auf dem deutschen Arbeitsmarkt oder im Gesundheitswesen lindern oder gar lösen ließen. Viele Menschen arbeiten ohnehin mehr, als ihrer Gesundheit guttut. Gegen einen strukturellen Fachkräftemangel hülfe es auch nicht, wenn die vorhandenen Beschäftigten ein paar Tage pro Jahr mehr im Betrieb wären. Die großen Baustellen liegen woanders. Da haben Merz und seine Leute gut zu tun.