Das Wasser der Weser ist braun wie Nordseeschlick. Wer hier taucht, sieht selbst mit Taschenlampe oft kaum mehr als 30 Zentimeter weit. Im Hafen von Brake, ein paar Dutzend Kilometer südlich von Bremerhaven, fließt der Fluss mit einigen Kilometern pro Stunde, Ebbe und Flut wechseln sich ab. Und in dieser Nacht im März vergangenen Jahres ist die Weser auch noch ziemlich kalt, gerade ein oder zwei Grad über null.

Kälte, Strömung, schlechte Sicht – die Bedingungen für die Kokainschmuggler sind denkbar mies, als der Frachter „Tiger South“ an der Kaimauer von Brake anlegt. Versuchen wollen sie es trotzdem, schließlich sind zwei Männer extra aus Kolumbien angereist. Und sie brauchen das Geld, der eine für die Kinderwunschbehandlung seiner Frau, der andere – schon 65 – für Herzmedikamente.

1,7 Tonnen Kokain an Bord: U-Boot im Atlantik abgefangen

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    Sie haben alles in Transportern ans Ufer der Weser gebracht, die Neoprenanzüge, Schwimmflossen und Taucherbrille, die Sauerstoffflaschen, den Tauchscooter, der ihnen mit Elektromotor und Propeller Schwung geben soll. Sogar Jacken mit sogenannten „Rebreathern“ haben die Männer besorgt. Das sind Geräte, die den Atem unter Wasser in einem Kreislauf halten. Luftblasen tauchen nicht bis zur Oberfläche. Die Männer geben viel Geld aus, um nicht entdeckt zu werden.

    Es ist kurz nach Mitternacht, als sie ihre Tauchausrüstung überstreifen. Um etwa 1.15 Uhr steigen sie in die Weser.

    Brake ist gerade für die Landwirtschaft ein wichtiger Knotenpunkt

    Hier in Brake liegt ein Hafen, der kleiner ist als die großen Containerterminals in Hamburg, Antwerpen oder Rotterdam. Vor allem Getreide und Futtermittel werden hier umgeschlagen. Große Siloanlagen bauen sich hinter der Kaimauer auf. Kräne löschen die Schiffe, entladen die Ware auf Laufbänder. Brake ist gerade für die Landwirtschaft ein wichtiger Knotenpunkt – und doch, so lässt sich sagen, bleibt der Hafen im Schatten von Hamburg, Bremerhaven und Co. Es ist ein Schatten, den die Täter in dieser Nacht nutzen wollen.

    Drogenschmuggel Brake
    Im Hafen von Brake liegt ein Fischkutter im Nebel© FUNKE Foto Services | Michael Rauhe

    Wer mit erfahrenen Ermittlern spricht, hört in den vergangenen Jahren eine wachsende Sorge: Deutschland wird überschwemmt. Von Kokain. Die Kartelle in Südamerika produzieren immer reineren Stoff, der Dünger wird besser, der Anbau professioneller. Und: Die Kriminellen konzentrieren sich seit einigen Jahren auf den Markt in Europa. Die Nachfrage nach der Droge ist riesig, zugleich steigt der Preis kaum an. Ermittler von Zoll und Polizei beschlagnahmen immer wieder geschmuggelte Drogen, nicht selten sind es mehrere Tonnen, die in den Häfen von Antwerpen bis Hamburg landen. Oftmals getarnt in Bananenkisten oder versteckt in Kühlanlagen der Container.

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    Doch mittlerweile erreicht die Kokain-Schwemme auch andere Orte: Im April 2024 entdeckt eine Urlauberin auf der ostfriesischen Insel Borkum auffällige Pakete. Sie liegen überall am Strand. Bald wird klar: Es ist mehr als eine Tonne Kokain. Ähnliche Funde auf Norderney oder Juist machen den Strand immer wieder zum Tatort. Einige Seemeilen entfernt werfen Täter das Kokain in Taschen oder Paketen von Bord der Containerschiffe – und Komplizen gabeln es mit kleinen Motorbooten auf. Was sie nicht erwischen, landet an der Küste oder auf den Inseln.

    Frank Flohr ist ein erfahrener Ermittler am Landeskriminalamt in Niedersachsen, er spürt seit vielen Jahren Drogenkriminelle auf. Auch Flohr sagt, dass die Kartelle ihre Strategie ändern. Große Häfen wie Hamburg oder Antwerpen rüsten auf, verschärfen die Kontrollen, bauen Röntgenanlagen, um illegale Ware in den Containern zu entdecken, verstärken die Überwachung mit Kameras, überprüfen Hafenmitarbeiter. Also suchen die Täter nach Lücken im Sicherheitssystem. Und finden sie in kleinen Häfen. Wie Brake.

    Reportage "Kokain im Fischkutter"
    Kokain im Container: Immer wieder entdecken Ermittler große Mengen der Droge in Frachtgut aus Südamerika. Oftmals sind es sogar Tonnen. © LKA Niedersachsen | LKA Niedersachsen

    Allein in den vergangenen drei Jahren seien „mehr als zwei Tonnen Kokain“ mit Zielhafen Brake und auch Stade-Bützfleth sichergestellt worden, sagt Flohr. Polizisten entdeckten den Schmuggel bereits in Brasilien, oder in Italien und Polen. „Die Kartelle suchen sich neue und gefühlt sichere Routen für ihr Kokain.“ Die Drogenhändler steuern nicht nur die Nordseeküste an, sondern auch kleine Häfen an der Küste Frankreichs, Spaniens und Portugals. „Wie viel Kokain tatsächlich über diese Route eingeführt werden konnte, bleibt im Dunkeln“, sagt Flohr.

    Ein Frachter mit Sojaschrot – auch an Bord: eine Tonne Kokain

    In den Tagen Mitte März 2024 kreuzt ein Kutter durch die Gewässer bei den ostfriesischen Inseln, die Männer an Bord fischen nach Krabben und Garnelen. Doch eigentlich warten sie auf etwas anderes. Ein Frachter mit Sojaschrot aus Brasilien ist unterwegs in deutsche Gewässer. An Bord auch: eine Tonne Kokain.

    Drogenschmuggler auf dem Frachter senden Signale per Satellitentelefon an die Männer auf dem Fischkutter. Später analysiert die Polizei die GPS-Daten. Der Kutter kurvt durch das Seegebiet, empfängt Warnsprüche aus der Leitstelle, man möge einen Kollisionskurs mit anderen Schiffen vermeiden. Offenbar suchen die Männer an Bord vergeblich nach abgeworfenen Paketen. Ermittlungsakten, die unserer Redaktion vorliegen, zeigen, wie die Männer auf dem Kutter nervös werden. „Bro, we have a problem“, schicken sie per Handynachricht. Und kurz darauf: „Friend is not on the right track.” Die Route stimmt nicht. Anders als geplant, nimmt der Frachter eine Route weiter nördlich gelegen. Die Männer auf dem Fischkutter brechen die Suche nach den Drogenpaketen ab. Sie wissen nicht, dass sie längst von Sondereinheiten der Polizei beobachtet werden.

    Drogenschmuggel Brake
    Kurosch Moayad von der Hafensicherheit, gemeinsam mit dem LKA-Ermittler Frank Flohr im Hafen von Brake.© FUNKE Foto Services | Michael Rauhe

    Auch im Hafen von Brake läuft für die Männer in der Märznacht 2025 nichts nach Plan. Das Kokain soll im Seekasten der „Tiger South“ versteckt sein. Der Seekasten ist am Heck des Schiffes in den Rumpf eingelassen, er liegt unterhalb der Wasserlinie und soll Kühlwasser für den Motor sammeln. Mit Metallstangen ist der Kasten verschraubt.

    Die Taucher müssen die Weser queren, vom östlichen Ufer, rüber zur Kaimauer am Hafen, wo der Frachter parkt. Schon das schaffen die Männer kaum, zu stark ist die Strömung. Und in den dünnen Neoprenanzügen kühlen ihre Körper schnell aus, einer der Männer kämpft mit der Atmung, wie Gerichtsakten festhalten. Das Wasser treibt die Taucher zum Bug der „Tiger South“. Die Kraft schwindet – trotz einer Pause.

    BKA-Chef Münch: Kokain-Schwemme in Deutschland

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      184 Kilo Kokain sichern Taucher der Polizei später in dem Seekasten. Selbst bei einem „Großhandelsrabatt“, wie die Ermittler berechnen, und einem „moderaten Preis“ von 15.000 Euro pro Kilo lagern im Rumpf des Schiffes Drogen im Wert von knapp 2,8 Millionen Euro. Die Erlöse erklären den enormen Aufwand, den Kartelle betreiben, um ihre „Ware“ nach Europa zu verschiffen. Mittlerweile sind den Ermittlern Fälle bekannt, bei denen die Schmuggler das Kokain nicht mehr als Pulver verfrachten – sondern flüssig, etwa auf Pappkarton getröpfelt. In einem „Labor“ in Deutschland gewinnen Kriminelle die Droge dann mithilfe von Chemikalien aus der Pappe zurück.

      Fällt eine Schmuggelmethode auf, wechseln die Täter die Strategie

      Ein Problem für die Sicherheitsbehörden sind „Innentäter“, also Angestellte in den Hafenbetrieben oder bei den Logistikunternehmen, die den Kartellen gegen Geld helfen – etwa indem sie die Container mit dem Kokain über die Logistik-IT so buchen, dass die „Ware“ an den Kontrollen vorbeikommt, oder sie den Tätern Zugang zum Hafengelände verschaffen, damit sie die Lieferungen unbemerkt abtransportieren können.

      Die großen Häfen wie Hamburg und Antwerpen haben sich zu „Allianzen“ zusammengeschlossen, um den Drogenschmuggel besser zu bekämpfen. Die Behörden starten umfassende „Kampagnen“, um Angestellte vor Anwerbeversuchen der Kartelle zu warnen.

      Seit einiger Zeit weiten die Sicherheitsbehörden den Kampf gegen Drogenhandel auf kleine Häfen aus. Das Landeskriminalamt hatte Mitarbeitende der Hafenfirmen in Brake eingeladen und erklärt, wie Kartelle Mithelfer in den Hafenbetrieben rekrutieren. „Da hilft es, dass Brake ein kleiner Standort ist. Hier kennt jeder jeden. Das allein schützt häufig schon mehr gegen Anwerbungsversuche“, sagt Drogenfahnder Flohr.

      Für die Häfen aber ist der Kampf gegen Drogenkartelle ein Dilemma. Jede Kontrolle stört den Betrieb, den freien Verkehr der Waren. Jede Überprüfung von Mitarbeitenden kostet Zeit. „Es ist eine Gratwanderung für uns: Wir müssen Kriminelle stoppen, aber zeitgleich dürfen die Sicherheitsmaßnahmen nicht den laufenden Betrieb stören“, sagt Kurosch Moayad, polizeilicher Leiter der Hafensicherheitsbehörde in Niedersachsen. Und beim Drogenschmuggel hört es nicht auf. Sicherheitsdienste an den Häfen registrieren vermehrt verdächtige Überflüge mit Drohnen.

      Reportage "Kokain im Fischkutter"
      Versteckt in Kanistern oder Bananenkisten: Die Kartelle nutzen viele Maschen, um ihre „Ware“ nach Europa zu schmuggeln.© LKA Niedersachsen | LKA Niedersachsen

      Gerade zentrale Knotenpunkte der Logistik in Deutschland müssen sich zunehmend gegen Sabotageangriffe wappnen. Und in Brake – dem Standort für Tiernahrungsmittel – kommen manchmal noch andere Szenarien hinzu: „Im vergangenen Herbst hatten wir eine angekündigte Aktion von militanten Tierschützern“, erzählt Moayad.

      Ein Chat an „1111Boss“: Die Täter müssen ihren Tauchgang abbrechen

      Drogenfahnder der Polizei heben immer wieder hervor, dass der Kampf gegen die Kartelle für die Polizei kaum zu gewinnen sei – solange Kokain konsumiert wird und der Stoff so hohe Renditen verspricht. Verschärft ein Hafen die Kontrollen, weichen die Täter aus. Fällt eine Schmuggelmethode auf, wechseln die Täter die Strategie. „Organisierte Kriminalität und die Kartelle wissen sehr genau, wann große Häfen wie Hamburg, Antwerpen oder Rotterdam die Kontrollen hochfahren“, sagt Ermittler Flohr.

      In der Märznacht im vergangenen Jahr aber sind es die Drogenschmuggler, die nichts ahnen. Um 3:14 Uhr, so rekonstruieren es später die Ermittler, senden die erschöpften Männer in ihren Tauchanzügen eine Nachricht an die Hinterleute ab. Die Chatgruppe „1111Boss“ hatten sie vorher mit den Drahtziehern eingerichtet. Diese hatten ihnen bis zu 10.000 Euro für die Tauchaktion versprochen. Doch nun war sie gescheitert – die Kälte, die Strömung.

      Sie waren nicht mal in die Nähe des Kokains gekommen. Doch davon wollten sie ihren Chefs lieber nichts beichten und dachten sich eine Ausrede aus. Ein „Alarm“ auf dem Frachter sei losgegangen, man habe fliehen müssen.

      Kurz darauf, auf einer Brücke, die eine Weserinsel mit dem Festland verbindet, schlägt ein Sonderkommando der Polizei zu. Als die Ermittler die Drogenhändler festnehmen, stecken zwei der Männer noch in ihren Neoprenanzügen, an den Füßen tragen sie nicht mehr als ein Paar Plastiktüten.