Die Rampensau ist nicht da, und dann schneit es auch noch: Keine guten Vorzeichen für das traditionelle Dreikönigstreffen der FDP. Immerhin lassen sich die Liberalen nicht vom Wetter abschrecken. Und so sind die 1400 Plätze des Stuttgarter Opernhauses gut gefüllt, als Christan Dürr, Ökonom aus Niedersachsen und neuer Chef der Liberalen, das Zepter übernimmt. Christian Lindner ist nicht mehr dabei.

Sich aus Lindners Schatten zu befreien, ist eine Herausforderung. Die FDP dümpelt in den Umfragen bundesweit zwischen drei bis vier Prozent – kein gutes Omen für die demnächst anstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg und auch in Rheinland-Pfalz, wo die FDP noch in der Regierung sitzt.

Dreikönigstreffen der FDP
Christian Dürr (M.) Vorsitzender der FDP, wird beim traditionellen Dreikönigstreffen der FDP im Opernhaus nach seiner Rede flankiert von Hans-Ulrich Rülke (l.), Landesvorsitzender der FDP Baden-Württemberg, und Daniela Schmitt (r.), Landesvorsitzende der FDP Rheinland-Pfalz.© Bernd Weißbrod/dpa | Bernd Weißbrod

In der Öffentlichkeit ist Lindner immer noch aktiv. Er taucht in Talkrunden auf, gibt Interviews. Dem Sender N-TV erklärte er jüngst, es sei jetzt „wirklich zu Ende“ mit seiner politischen Laufbahn. Den Werbeblock für Lindners neuen Arbeitgeber, einen Autohändler, streut er dazu gerne ein.

Christian Lindner bleibt dem traditionsreichen Dreikönigstreffen fern

In Stuttgart ist nichts von ihm zu sehen. Man habe ihn auch nicht explizit um eine Teilnahme beim Dreikönigstreffen in Stuttgart gebeten, sagt Christian Dürr, der sich ansonsten schmallippig über seinen Vorgänger äußert. „Nach der Wahl hat Christian Lindner seine politische Laufbahn beendet, um sich anderen Aufgaben außerhalb der Politik zu widmen.“ Er sei der Partei jedoch weiterhin treu und im Übrigen noch im Kuratorium der Friedrich-Naumann-Stiftung.

Auch interessant

Man hätte sich Lindner auch als Altvorderen in der zweiten Reihe der FDP gut vorstellen können. Einer, der Schützenhilfe für die liberale Idee leistet, wie es Gerhard Baum, Hildegard Hamm-Brücher, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger lange geleistet haben, mit klugen und auch kritischen Einwürfen. Diese Rolle passt dem früheren Frontmann der FDP offenbar nicht.

Und doch ist da noch ein wenig von seinem Geist beim Dreikönigstreffen zu spüren. Bemerkbar macht er sich bei der Gästeliste.

 Wird von einigen FDP-Mitgliedern vermisst: Christian Lindner, der frühere Parteichef.
Wird von einigen FDP-Mitgliedern vermisst: Christian Lindner, der frühere Parteichef. © AFP | Thomas Kienzle

Ein wenig Kettensäge: Mileis Staatssekretär ist zu Gast

Dazu ein Rückblick ins ausgehende Jahr 2024: In einer Talkrunde sagt der damalige Parteichef den provozierenden Satz, man solle in Deutschland vielleicht „ein bisschen mehr Milei oder Musk wagen – sprich: ambitionierter sein“. Mit dieser Aussage war Lindner der erste deutsche Politiker, der den argentinischen Präsidenten Javier Milei, der mit einer Kettensäge den Staatsabbau symbolisierte, salonfähig machte.

Und nun ist der Staatssekretär für Regulierung in Argentinien, Alejandro Cacace, zu Gast bei der FDP: Erst spricht er auf einer Tagung der Landes-Partei in Fellbach, dann wird er beim Dreikönigstreffen mit Jubel empfangen.

Auch interessant

FDP-Mitglieder vermissen Lindners Charisma und Redetalent

Da ist er, der Geist des früheren Parteichefs. Unter den Delegierten im Opernhaus haben manche noch Phantomschmerzen. Er vermisse den Lindner, sagt etwa Horst Mehrländer aus Baden-Württemberg. Er ist seit fast fünf Jahrzehnten FDP-Mitglied. „Der hatte ein großes Redetalent. Und er hat für seine Überzeugungen gekämpft.“

Andere sehen das ähnlich. „Lindner hatte eine gewisse Strahlefähigkeit“, meint Tim Nusser aus Heidelberg. Die gehe Dürr vielleicht ab, aber der könne mit sachlicher Politik punkten. Ein andere FDPler sagt, er sei aus Niedersachsen und von daher von Hause aus sehr für eine „sachliche Politik“. Die sei der jetzigen politischen Lage wohl auch angemessen.

War etwa die Politik des Charismatikers Lindner nicht sachlich? Ein FDP-Politiker aus Baden-Württemberg mäkelt. Der Stil des früheren Parteichefs sei die One-Man-Show, sagt er. Und er erinnert an die glamouröse Hochzeit des Porsche-Fahrers auf Sylt – mit Einflug des Kanzlers in der eigenen Cessna. Das sei ein Fehler gewesen. Im Übrigen sei es „eine Mär“, dass Lindner der Retter der FDP gewesen sei mit seinem Wahlerfolg von 2017, als er die FDP nach vier „Schattenjahren“ (Lindner) außerhalb des Parlaments wieder in den Bundestag geholt habe. Denn das Comeback sei damals in den Ländern vorbereitet worden: mit Wahlsiegen der FDP in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Und so könnte es jetzt wieder laufen.

213160_1325_213160_cover.jpg
#25 Christian Dürr über Alzheimer, Delmenhorst und den anderen Christian der FDP
Meine schwerste Entscheidung
 

Guido Westerwelle: Den vermisst ein alter Liberaler mehr

Hans-Ulrich Rülke, FDP-Chef in Stuttgart, wird konkret. Als „Mutter aller Wahlen“ bezeichnet er die bevorstehende Landtagswahl in Baden-Württemberg. Im Stammland der Liberalen bröckelt offenbar das Denkmal Lindner. Dazu passt, dass Dirk Niebel, Ex-Entwicklungsminister, am Stehtisch beim Bunten Abend der baden-württembergischen FDP in Fellbach die Ansicht vertritt, dass er den Guido Westerwelle in der jetzigen geopolitischen Situation mehr vermisse als den Lindner. „Westerwelle war ein großartiger Außenminister.“

Dazu passt auch die Aussage von Birgit Homburger, Ex-Fraktionschefin der FDP im Bundestag: Die Partei müsse sich jetzt auf ihre Themen besinnen und mit „Feuer und Flamme“ dafür einstehen. Der Glamour-Faktor, so Homburger lachend, bleibe den Liberalen erhalten. Den besitze sie ja auch selbst. Einmal sei sie im Parlament im lila Blazer erschienen, da sei aber was los gewesen.

Hinter den Kulissen rechnen die FDP-Mitglieder ab: Was lief schief mit Lindner? Man habe in der Ampel zu oft nicht gewusst, ob man „staatstragende Partei oder krawallige Opposition“ in der Regierung sein wolle, die Partei sei als „Spieler“ wahrgenommen worden, der die Partei wichtiger war als das Land: Mit solchen Aussagen hatte Henning Höne, der Vize-Bundesvorsitzende der FDP, vor dem Dreikönigstreffen in einem FAZ-Interview Breitseiten auch auf den früheren FDP-Chef abgefeuert.

Dreikönigstreffen der FDP
Mit den Sternsingern: Die FDP Politiker (v. l.) Christian Dürr, Vorsitzender der FDP, Hans-Ulrich Rülke, Landesvorsitzender der FDP Baden-Württemberg, und Nicole Büttner, Generalsekretärin der FDP, stehen vor dem traditionellen Dreikönigstreffen der FDP mit Sternsingern vor dem Opernhaus in Stuttgart. © Bernd Weißbrod/dpa | Bernd Weißbrod

Strack-Zimmermann und Kubicki sind die Stimmungsbomben

Christian Dürr verpackt die Kritik netter: „Anders als 2013 werden wir jetzt konkrete Reformprojekte vorschlagen, um die Menschen davon zu überzeugen, wie liberale Politik das Land mutig verändern und ihren Alltag spürbar verbessern kann.“ In seiner Rede – die von einem medizinischen Notfall im Publikum unterbrochen wird – ruft er zu „Mut, Veränderung und einem radikalen Aufbruch in Deutschland auf“. Die Liberalen sollten jetzt raus aus dem warmen Opernhaus. Sie sollten raus in das Schneetreiben, zu den Menschen auf der Straße, um zu wissen, „wo die der Schuh drückt“.

Dem FDP-Chef geht es um Bürokratieabbau, um Migrationspolitik. Er verlangt einen „starken Staat“ für die Bildung. Das Wort „Lastenrad“, mit dem Lindner bis zu einem Dutzend Mal die Grünen kritisierte, erwähnt er nur einmal. „Gut“, „eloquent“, „sachlich“ – so lauten Urteile aus dem Publikum nach Dürrs Ansprache. „Dürr ist faktenbezogen und macht keine populären Sprüche“, sagt ein älterer Liberaler.

Aber der Höhepunkt des Dreikönigstreffens ist nicht Dürrs Auftritt, sondern ein satirischer Dialog zwischen Wolfgang Kubicki und Agnes Strack-Zimmerman, der aus der Königsloge übertragen wird. Falls es notwendig sei, werde er sich für den Erfolg der Liberalen durch alle Weinkeller saufen, meint Kubicki. Da rast das Publikum.