Bei jedem gemachten Schritt wird Staub durch die Luft gewirbelt. Obwohl es ein Wintertag ist, herrschen nordwestlich der äthiopischen Stadt Semera Temperaturen von über 34 Grad Celsius. Der Boden ist vollkommen ausgetrocknet. Um zum nächsten Fluss zu gelangen, wäre mehr als ein Tagesmarsch notwendig, und Trinkwasser gibt es hier durch das sogenannte Wasserkiosk-Projekt der Welthungerhilfe (WHH) erst seit ein paar Monaten.
Äthiopien: Trinkwasser ist alles andere als selbstverständlich
Fatma Kanuiti Mohammad lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern und drei Söhnen aber nicht erst hier, seitdem ihnen Trinkwasser in fußläufiger Nähe zur Verfügung steht. „Auf dem Land haben meine Eltern und Großeltern gelebt. Ich würde es niemals verlassen“, sagt die 30-Jährige. Die gelben und orangen Kanister mit einem Volumen von 25 Litern liegen heute vor den selbst gezimmerten Hütten aus Hölzern, Steinen und Stofflaken – sie stehen aber auch symbolisch für die nahezu unglaublichen Herausforderungen, die Menschen in der Dürreregion Afar in Äthiopien teilweise heute noch auf sich nehmen müssen.

Der Großteil von Fatmas Leben war von pastoralistischen Zügen geprägt – ausgehend von ihrem kleinen Dorf musste die Gemeinschaft ständig losziehen, um Wasser für die Menschen und Tiere zu suchen. An landwirtschaftliche Tätigkeiten war in der Klimazone nicht zu denken. Jeden Abend nach Einbruch der Dunkelheit wurden ein paar Esel und Kamele mit den leeren Kanistern beladen. Für Fatma und die anderen Erwachsenen begann eine ungewisse Reise durch die Nacht, die meist erst am nächsten Morgen gegen 9 Uhr endete. Dabei sollte die große Hitze, die in den Sommermonaten tagsüber weit über 45 Grad Celsius betragen kann, umgangen werden.
Wassersuche: Eltern müssen ihre Kinder alleine lassen
„Wenn dein Kind Durst hat, machst du dir als Mutter die größten Sorgen“, sagt Fatma, die ihre Kinder unzählige Male nachts alleine in der Hütte lassen musste. „Als ich sie verlassen habe, fühlte sich mein Herz leer an.“ Sowohl den Wassersuchenden als auch den Kindern drohte große Gefahr: Wilde Tiere wie Hyänen gehen ebenfalls in der Nacht auf die Futtersuche. Nicht jede Mission war erfolgreich. Oft vergingen mehrere Nächte bis zum nächsten Wasserfund. Aufgeben war für Fatma nie eine Option: „Wir haben immer so viel geholt, wie wir nur finden und transportieren konnten. Die Wege waren zu weit, um mit leeren Händen nach Hause zurückzukehren.“
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Heute besitzt die Familie nur noch 20 Schafe, früher waren es deutlich mehr – Ziegen und Kamele ebenfalls. Die lang anhaltende Dürre und der Mangel an Flüssigkeit haben die Tiere nach und nach dahingerafft. Die Milch der Tiere gilt in der gesamten Afar-Region als nährstoffreiche Mahlzeit, manche Menschen ernähren sich ausschließlich davon. Durch Rohrleitungen wird inzwischen Wasser von der Quelle bis an den Wasserkiosk transportiert, an dem sich das gesamte Dorf bedienen kann. „Heute lebe ich in einem Paradies. Dass Wasser in der Nähe ist, gibt uns Sicherheit“, sagt die Familienmutter.
„Weder ich noch meine Kinder verschwenden Wasser“
Viele Pastoralisten halten mit ihren Tieren an der neu geschaffenen Wasserstelle an und stärken sich. Für die Dorfbewohner ist es selbstverständlich zu teilen: „Wir heißen jeden Durstigen hier willkommen. Und wir tauschen uns über unsere Leben aus“, sagt Fatma. Eine Sache ist ihr sehr wichtig: „Weder ich noch meine Kinder verschwenden Wasser, auch wenn wir jetzt sehr viel davon haben.“ Durch die neue Ausgangslage erhoffen sich die Erwachsenen des Dorfes, dass ihre Kinder die Zeit nutzen, um sich zu bilden.
Etwa 3,5 bis 4 Millionen Menschen leben in der Region Afar. Neben der Dürreproblematik gibt es immer wieder kriegerische Konflikte in der benachbarten Tigray-Region. „So was wie jetzt haben wir in den vergangenen 20 bis 30 Jahren nicht wahrgenommen. Viele verlieren ihr Viech innerhalb von einer Woche. Schuld daran ist der Klimawandel“, sagt Yohannes Belay, der Sektormanager für Landwirtschaft und Natürliche Ressourcen der Welthungerhilfe in Äthiopien, dieser Redaktion. Gemeinsam mit seinem Team unterstützt er die Landbewohner dabei, Gemüse anzupflanzen und aus diesem dann verschiedene Gerichte zu kochen.
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Durch Gemüseanbau sichern Familien in Asayita ihr Einkommen
„Sie können Tomaten, Zwiebeln und vieles andere anbauen und es dann auf Märkten verkaufen. Das bringt ihnen mit der Zeit mehr ein, als ab und an mal eines ihrer Tiere zu verkaufen“, so der Verantwortliche der Projekte. Im äthiopischen Asayita, etwa zwei Stunden mit dem Auto in östlicher Richtung von Fatma und ihrer Familie entfernt, haben sich viele Familien in der Nähe des Awash-Flusses angesiedelt. Laut der WHH leben etwa 55.000 Menschen in der Nähe von Gewässern in Asayita.

Mohammad Musa Hammed, seine Frau Kolsuma und ihre drei Kinder leben dort in einer kleinen Hütte und bauen Chilis, Paprika, Tomaten und Bohnen an. Tiere und Menschen profitieren allesamt von der Nähe zum Fluss: „Wir müssen hier nicht weg, weil es Nahrung gibt. Ich will, dass meine Kinder dreimal am Tag essen können“, sagt Familienvater Mohammad. Als eine Mahlzeit zählt für die Bewohner der Gegend auch ein Glas Schafsmilch.
Obwohl beide Familien in Semera und Asayita von der anhaltenden Dürre und den seltenen, dann aber extrem starken Regenfällen betroffen sind, haben sie vom Klimawandel noch nichts gehört. In einem Punkt beim bestehenden Wetter sind sich aber alle einig: Der liebe Gott bestimmt, wann und wie viel es regnet, und er hat immer recht.
Hinweis: Diese Reportage entstand im Rahmen einer Recherchereise von journalists.network.





