Der schwäbische Dialekt des Bad Urachers Cem Özdemir funktioniert ein bisschen wie ein Lautstärkeregler. Er kann ihn mal hoch, mal runterdrehen, je nach Anlass und Publikum werden die Konsonanten weicher und das „s“ zu „sch“. In letzter Zeit steht der Hebel öfter auf oben, vor allem dann, wenn Özdemir in Baden-Württemberg unterwegs ist. Schließlich will er da im nächsten Jahr eine Landtagswahl gewinnen.
Özdemir hat eine große Aufgabe: Der 59-jährige ehemalige Landwirtschaftsminister der Grünen tritt im kommenden März an, den ersten und bisher einzigen grünen Ministerpräsidenten der Republik, Winfried Kretschmann, zu beerben. Özdemir setzt dabei alles auf einen ultra-pragmatische Kurs in der Tradition des Amtsinhabers. Und nicht nur für ihn persönlich und die Grünen im Südwesten hängt viel davon ab, dass diese Wette aufgeht.

Cem Özdemir: Sein Wahlergebnis wird richtungsweisend für die anderen Landtagswahlen sein
2026 steht ein wichtiges Wahljahr an. Die Abstimmung in Baden-Württemberg ist nur die erste von fünf Landtagswahlen, und nicht eine davon dürfte für die Partei ein Selbstläufer werden. In Rheinland-Pfalz liegt die FDP derzeit so deutlich unter fünf Prozent in den Umfragen, dass eine Neuauflage der dortigen Ampel-Koalition nach der Wahl in den Sternen steht – ihre Regierungsbeteiligung könnten die Grünen in Mainz also bald los sein. In Berlin, das eigentlich ein Heimspiel für die Partei sein müsste, läuft die Linke den Grünen den Rang ab.
Mit Abstand am düstersten aber sind die Aussichten in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Die dortigen Landesverbände müssen zittern, über den Wiedereinzug in die Parlamente.
Der Erfolg von Özdemirs Wahlkampf entscheidet deshalb nicht nur, ob die Grünen das Erbe Kretschmanns verteidigen können. Die erste Wahl des Jahres hat auch das Potenzial, den Ton zu setzten für alle, die danach kommen. Die Abstimmung im Süden kann das erste Kapitel einer grünen Wiederaufstiegsgeschichte sein – oder der Auftakt zu einer neuen Serie von Niederlagen.
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Cem Özdemirs schwerer Stand
In Baden-Württemberg, sagte der ehemalige Parteichef Omid Nouripour in Hannover, habe die Partei die Verantwortung eine „steile Startrampe“ zu legen für die Wahlen danach. Doch bis jetzt ist diese Rampe eher eine Baustelle. In Umfragen liegen die Südwest-Grünen nicht nur deutlich hinter der führenden CDU. Sie haben auch – in Baden-Württemberg praktisch nie dagewesen – auch Konkurrenz von links. Die Linke hat nach aktuellem Stand gute Chancen, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen.
Im Ländle selbst sieht man die Verantwortung in Berlin, Amtsinhaber Kretschmann spricht von „bundespolitische Gründen“, wenn er nach dem Hintergrund für die vergleichsweise schwachen Umfragewerte gefragt wird.

Özdemirs persönliche Beliebtheitswerte sind gut
Özdemirs persönliche Werte dagegen sind besser, sein Bekanntheitsgrad ist hoch. In einer Direktwahl zwischen Özdemir und dem christdemokratischen Spitzenkandidaten Manuel Hagel würden sich laut einer Umfrage aus dem Oktober würden 29 Prozent der Befragten für Özdemir entscheiden, nur 9 Prozent für Hagel. Eine zentrale Botschaft der Grünen im Wahlkampf ist deshalb: Wer Cem will, muss grün wählen.
Auch beim Parteitag der Grünen an diesem Wochenende bekommt Özdemir die große Bühne. Am Sonntag ist seine Rede das unangefochtene Highlight auf dem Programm. In der Halle in Hannover ist der Schwäbisch-Regler eher runtergedreht. Özdemir weiß, dass viele im Raum ihn am äußersten Rand des innerparteilichen Spektrums verorten, da, wo das Dunkelgrün schon fast schwarz aussieht.
Ihren Rückhalt braucht er trotzdem. Und Özdemir, Grünen-Mitglied seit 1981, weiß, wie man die grüne Parteiseele streichelt. Sein Lob, dass die Grünen schwierige Debatten führen könnten, und dass sie, wenn es darauf angekommen sei, immer auf der „richtigen Seite“ gestanden hätten, wird mit warmem Applaus belohnt. Genauso seine Forderung nach einem starken Europa, als Gegner der autoritären Kräfte der Welt.
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Özdemir: „Diese Partei kann Auto“
Doch der Kandidat erspart seiner Partei an diesem Tag auch nicht jene Positionen, mit denen er der CDU Stimmen abjagen will. Wenn man wolle, dass auch die Autos der Zukunft in Deutschland gebaut würden („in Untertürkheim, in Zuffenhausen, in Rastatt“), dann gehe das nur gemeinsam mit Herstellern, Zulieferern und Belegschaften. „Wir gehören an die Seite von denen und nicht an die Stelle derjenigen, die ihnen sagen, wo’s lang geht“, sagte Özdemir.
Und die 800 Delegierten, denen Co-Parteichef Felix Banaszak am Vortag schon das Auto als Freiheitsversprechen nähergebracht hatte, erfahren jetzt: „Diese Partei kann Auto.“ Dass Özdemir – Klimaschutz hin oder her – durchaus offen dafür ist, das europäische Verbrenneraus zu verschieben, wiederholt er an dieser Stelle nicht. Es wissen aber auch so alle.

Für Cem Özdemir gibt es Hannover nach seiner Rede langen Applaus. Die Partei weiß, sein Erfolg wird wichtig sein für ihren.
In Baden-Württemberg hofft man vor allem, dass die Bundespartei – der „bundesgrüne Elefant“, wie Özdemir es am Sonntag formuliert – in den nächsten Monaten nicht dazwischenfunkt. Die Beschlüsse des Parteitags, wie die Forderung nach einer extra Besteuerung von Privatjets und einer Rückkehr zum 9-Euro-Ticket, tun zumindest nicht weh.
Nur dass die Grünen Homöopathie künftig nicht mehr als Kassenleistung wollen, das könnte ein paar Stimmen kosten, sagt ein Grünen-Mitglied, das den Südwesten gut kennt.




