Zusammenfassung

  • Bei einer Großkontrolle der Paketbranche in NRW hat der staatliche Arbeitsschutz gravierende Mängel im Arbeitsschutz festgestellt.
  • Viele der in der Branche üblichen Subunternehmen gehen den Kontrolleuren zufolge leichtfertig mit dem Thema Arbeitsschutz um.
  • NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sprach von „Ausbeutung“

Mitten in den „Black Friday“-Rabattaktionen und kurz vor dem Start in die heiße Phase des Weihnachtsgeschäftes prangert die NRW-Landesregierung „gravierende Mängel“ in der Paketbranche an. Der Arbeitsschutz werde oft nicht ernst genommen, Arbeitszeiten würden häufig nicht erfasst, Hilfsmittel wie Sackkarren zum Transport schwerer Pakete fehlten.

NRW-Arbeitsminister Laumann droht: „Wir werden diese Firmen nicht in Ruhe lassen“

NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sprach am Montag von „Arbeitsausbeutung“, die in NRW nicht toleriert werde. Er drohte: „Wir werden diese Firmen nicht in Ruhe lassen, und wir überlegen, auch mal eine Kontrolle in der Adventszeit zu machen. Das tut dann besonders weh.“

Die Arbeitsschutzverwaltung hatte im Auftrag der Landesregierung von Mai bis August 2025 die Kurier-, Express- und Paketbranche kontrolliert. 57 Subunternehmen von Verteilzentren sowie ein Unternehmen wurden unter die Lupe genommen und 225 Paketzustellerinnen und -zusteller persönlich befragt. Das Ergebnis: Bei 59 Prozent der überprüften Subunternehmen war der Arbeitsschutz „mangelhaft“. Nur sechs Prozent dieser Firmen fielen nicht durch Mängel auf. So dürfe es nicht weitergehen, sagte Laumann. Die Paket-Branche müsse mit ähnlich harten Vorschriften diszipliniert werden wie zuvor die Fleischindustrie. Dort waren die in der Paketbranche üblichen Werkverträge verboten worden, was zu erheblich besseren Arbeitsbedingungen geführt habe, so der Minister.

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Der Kunde weiß stets, wo sein Paket ist, aber der Zusteller hat keine digitale Arbeitszeiterfassung

Ein großes Ärgernis sei die in vielen Fällen fehlende Arbeitszeiterfassung. Viele Subunternehmen nutzten zwar Handscanner und spezielle Apps, mit denen die Arbeitszeit erfasst werden könne. Tatsächlich würden diese Instrumente aber meist nur für die digitale Paketverfolgung genutzt. „Es ist nicht zu begreifen. Der Kunde erfährt über sein Handy, wo das Paket ist und wann es ankommt. Aber die, die für uns Kunden diese schwere, körperliche Arbeit des Zustellens machen, sagen, dass es keine elektronische Arbeitszeiterfassung gibt“, kritisierte Laumann.

Black Friday und Weihnachtszeit: Der große Stress der Zusteller beginnt gerade erst

Yusuf Özdemir, Vize-Betriebsratsvorsitzender des Branchenführers Post/DHL, wies auf den Stress hin, der die Zustellerinnen und Zusteller in den kommenden Adventswochen erwarte. Die Zahl der zuzustellenden Pakete verdoppele sich jetzt auf bis zu zwölf Millionen am Tag. Dafür stelle die Post vorübergehend 10.000 zusätzliche Kolleginnen und Kollegen ein. Post/DHL nutzten in der Regel eigene Beschäftigte für die Zustellung, das sei aber eine Ausnahme in der Branche.

Die NRW-Landesregierung fordert nach den schlimmen Ergebnissen der Kontrollen in NRW die Einführung einer bundesweiten Pflicht zur digitalen und manipulationssicheren Arbeitszeitaufzeichnung für Zusteller sowie ein Werkvertragsverbot. Ohne Werkverträge könne das Subunternehmertum in diesem Wirtschaftszweig beendet werden.

Wenn es in diesen Tagen um den „Black Friday“ geht, wird meist nur darüber gesprochen, ob die Rabatt-Versprechen wahr sind oder nicht. Kaum jemand macht sich Gedanken über die, die die vielen „Schnäppchen“ ins Haus bringen. Aber ein Blick auf die Paketbranche, die bis Weihnachten ihren Stresstest des Jahres bestehen muss, lohnt, wie eine Kontrollaktion in NRW offenlegte.

Was stellten die Kontrolleure fest?

Sie haben zwischen Mai und August 2025 in die Abgründe der „Arbeitsausbeutung“ geschaut. Da gebe es oft keine Erfassung der Arbeitszeit, Zehn-Stunden-Tage würden teils zugelassen, Schutzausrüstung verweigert. Kontrolliert wurden mehr als 50 Subunternehmen in NRW. Es ist in der Branche üblich, bei der Zustellung „auf der letzten Meile“ bis zur Haustür Beschäftigte einzusetzen, die nicht direkt bei einer großen Firma mit Verteilzentrum, sondern bei Subunternehmen arbeiten, deren Strukturen kaum zu durchschauen sind.

Die Post/DHL mache dies nur „im Notfall“, wenn sie Probleme bei der Rekrutierung von Arbeitskräften habe“, erklärte Yusuf Özdemir, Vize-Betriebsratsvorsitzender des Branchenführers. Mehr als 95 Prozent der Post-Pakete würden durch echte Post-Beschäftigte zugestellt.

Steffen Röddecke, Arbeitsschutzexperte im NRW-Arbeitsministerium, zufolge, ist es sonst aber üblich, auf Subunternehmen zurückzugreifen. Einige Firmen, darunter auch große, beschäftigten praktisch keine eigenen Arbeitskräfte für die Zustellung.

Warum sind Subunternehmen so beliebt?

Auf diese Weise werde die Branche schwer kontrollierbar und Verstöße gegen Arbeitsschutzvorschriften würden fast schon zum Regelfall, heißt es. Die Befragung von 225 Zustellerinnen und Zustellern durch die Landes-Kontrolleure ergab ein hohes Maß an Unzufriedenheit. So sagten 40 Prozent, dass ihr Arbeitgeber ihnen keine Hilfsmittel wie zum Beispiel Sackkarren für den Transport schwerer Pakete gebe. Manche kauften selbst eine Sackkarre.

Was sind die wichtigsten Befunde?

59 Prozent der überprüften Subunternehmen wurden in Bezug auf den Arbeitsschutz mit „mangelhaft“ bewertet. Dort gebe es zum Beispiel oft keine Gefährdungsbeurteilung, die aber für die Tourenplanung und den Umgang mit schweren Paketen wichtig sei, erklärte Steffen Röddecke. Oder die Beschäftigten hätten keine ordentliche arbeitsmedizinische und sicherheitstechnische Betreuung.

Nur 61 Prozent der Befragten gaben an, dass sie eine digitale Arbeitszeiterfassung hätten, meist über einen Handscanner oder eine App. Jeder Fünfte erklärte, gelegentlich mehr als zehn Stunden zu arbeiten. Mehrere Paketzusteller sagten, das Tanken oder die Fahrzeugreinigung würden nicht als Arbeitszeit erfasst. Angesichts der vielen unterschiedlichen und lückenhaften Erfassungsmethoden von Arbeitszeit sei die Ermittlung von Verstößen durch den staatlichen Arbeitsschutz kaum möglich.

Etwa 40 Prozent der Zusteller beklagten, wie gesagt, das Fehlen von Hilfsmitteln für den Transport schwerer Waren. Bei 149 Zustellern, die Pakete mit einem Gewicht über 20 Kilo geladen hatten, war in 53 Fällen keine Sackkarre vorhanden.

Fakten zur Paket-Branche

Bundesweit arbeiteten im Jahr 2024 rund 266.300 Menschen in der Kurier-, Express- und Paket-Branche - 5800 mehr als im Jahr 2023. 2024 wurden in Deutschland rund 4,3 Milliarden Pakete verschickt. In diesem Jahr rechnet der Handelsverband Deutschland mit einem Umsatzrekord im Online-Handel in Höhe von 91 Milliarden Euro.

Wie anstrengend ist der Job?

Ein Zusteller bewegt pro Schicht bis zu zwei Tonnen Gewicht, so Experte Röddecke. Manche Touren beinhalteten rund 100 Stopps. 200 Pakete pro Tour seien keine Seltenheit.

Wie hoch ist der Krankenstand bei Paketboten?

Aktuelle Versichertendaten der AOK Rheinland/Hamburg zeigen: Obwohl die Branche mit einem Durchschnittsalter von 38,2 Jahren recht jung sei, würden ihre Beschäftigten im Vergleich zu anderen Berufsgruppen fast doppelt so häufig wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen krankgeschrieben. Im Jahr 2024 habe der Krankenstand in der Branche mit 7,69 Prozent einen Höchstwert erreicht.

Haben Paketzusteller keine Lobby?

Gewerkschaften wie Verdi oder die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) kämpfen für bessere Arbeitsbedingungen. Aber in den Betrieben können sich die Betroffenen offenbar nur selten an Helfende wenden. NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) brachte es auf den Punkt: „Das ist ein relativ betriebsratsfreier Raum. Gäbe es Betriebsräte, wären die Arbeitsbedingungen besser.“

Was sollte sich aus der Sicht der NRW-Landesregierung ändern?

Laut Arbeitsminister Laumann müsse die Branche vom Bund zu einer elektronischen Arbeitszeiterfassung gezwungen werden. Ein Werkvertragsverbot sei die Ideallösung, um das Subunternehmertum zu beenden. In der Fleischindustrie habe dies funktioniert.