„Ich habe meinen Notfall-Rucksack immer dabei, auch hier in der Uni“, sagt der litauische Austauschstudent Linas zu seinen polnischen Kommilitonen. Die Mensa der Warschauer Wirtschaftshochschule SGH ist ein beliebter Treffpunkt. Tische und Stühle stehen nicht in Reih und Glied, sondern durcheinander wie in einem Bistro. Zudem gibt es eine Terrasse und einen gepflegten Garten mit großen alten Bäumen. „Man weiß nie, wann der Krieg ausbricht. Das kann in einem Jahr sein, in einem Monat oder schon morgen“, sagt Linas.

Die 22-jährige Dorota zieht ein zerfleddertes DIN-A-4 Heft aus ihrer knallgelben Umhängetasche. „Sicherheitsratgeber“ steht drauf und die Abkürzung MSWiA, das ist das polnische Innenministerium. „Seit dem russischen Drohnenangriff auf Polen vor ein paar Wochen denke ich Tag und Nacht darüber nach, was ich selbst tun kann. Denn selbst wenn unsere Soldaten oder die Nato sofort zurückschießen, kann es doch sein, dass auch wir hier bald einen Krieg haben wie in der Ukraine. Und dann?“ Sie schlägt den Ratgeber auf: „Ich will auch einen Fluchtrucksack packen, aber doch nicht so ein großes Ding wie du, Linas. Das kann man ja kaum schleppen!“

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Polen: „Meine Eltern wollen sich auch so einen Fluchtrucksack zusammenstellen“

Linas hievt den großen olivgrünen Rucksack auf den Stuhl und beginnt ihn auszupacken. „Das wichtigste ist“, sagt der Mittzwanziger, „dass man genau weiß, wo was ist. Es macht keinen Sinn, wenn man ewig suchen muss, wo jetzt das Handtuch ist, das Messer oder die Schokolade.“ Von den anderen Tischen gucken ein paar Neugierige herüber. „Darf ich mich dazustellen“, fragt Aleksander: „Hast du auch eine Waffe, also eine Pistole?“ Linas schüttelt den Kopf: „Ich habe keine Lust auf Probleme mit der polnischen Polizei“, sagt er. „Aber ich habe tatsächlich einen Waffenschein. In Litauen machen viele eine Sportschützenausbildung. Direkt nach dem Angriff Putins auf die Krim habe ich angefangen mit dem Schießtraining.“

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Filip, der schon vorher mit Dorota und Linas zusammensaß, wird ungeduldig: „Jetzt pack schon aus!“ Nach und nach landen auf dem Tisch eine Isomatte, ein Schlafsack, eine wasserdichte Dokumentenmappe, Medikamente, Verbandszeug, ein leichter Wasserfilter, Campinggeschirr, ein Spirituskocher, zwei schnelltrocknende Handtücher, Hygieneartikel und ein paar Klamotten. Außerdem Proviant für drei Tage und ein Beutel mit Elektronik. Filip greift nach dem kleinen Kurbelradio: „Was ist das denn?“ Linas lacht: „Das ist ein Multifunktionsteil: Radio, Powerbank und Taschenlampe. Man kann Blinksignale senden und einen SOS-Alarmton auslösen. Sehr praktisch.“ Dorota ist begeistert: „Toll!“ Sie zückt ihr Handy: „Darf ich das fotografieren? Meine Eltern wollen sich auch so einen Rucksack zusammenstellen.“

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Krieg: Studenten in Polen in Sorge – alte Bunker sind nur noch Ruinen

Aleksander hingegen ist skeptisch: „Das dauert ja ewig, bis ich das alles gekauft habe. Die Rucksäcke kann man doch auch schon fertig gepackt kaufen. Ist das nicht besser und einfacher?“

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Linas nickt: „Ja, klar. In Litauen kann man Fluchtgepäck inzwischen überall kaufen. Die besten, aber auch schwersten gibt es in Militaria-Läden, billigere im Internet oder in Sport- und Campingläden. Es gibt sogar spezielle Rücksäcke für Kinder.“ Filip stellt das Kurbelradio zurück auf den Tisch. „Und wenn du einen Bunker brauchst? Weißt du denn auch in Warschau, wo es sichere Schutzräume gibt? Vielleicht die Metro, so wie in der Ukraine?“

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Aleksander unterbricht ihn: „Polen hat den Zivilschutz jahrzehntelang links liegen lassen. Die alten Bunker aus der Zeit des Kalten Krieges sind heute nur noch Ruinen. Neue wurden nicht gebaut. Am Anfang sollten die Metrostationen eine Bunkerfunktion bekommen, aber das war den Politikern dann doch zu teuer.“ Dorota steht auf: „Vielen Dank, Linas. Ich packe mir auch so einen Rucksack. Aber ich hoffe, dass wir noch mal verschont werden. Ich will keinen Krieg!“

Polen: Ukraine-Krieg verändert Haltung – fünf Prozent des BIP für Verteidigung

Die Mehrheit der Polen will das auch nicht, ist sich aber der Gefahr bewusst und versucht, sich auf den drohenden Ernstfall vorzubereiten. Doch wie die Nachbarstaaten im Westen hatte auch Polen seine Verteidigungsfähigkeit über Jahrzehnte vernachlässigt. Doch seit dem Angriff Russlands auf die ukrainische Krim rüstet Polen massiv auf, gibt fast fünf Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Rüstung aus und versucht auch, immer mehr Zivilisten in den Militärdienst einzubinden. Das polnische Verteidigungsministerium bietet Armee-Schnupperkurse an, Wochenend-Trainings und einen guten Sold für Soldaten, die sich verpflichten. Insgesamt will die Regierung bis zu 400.000 Zivilisten jährlich schulen.

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Für den Zivilschutz sind die Kommunen zuständig. Sie müssen allerdings alles völlig neu aufbauen. In der Tat sind die meisten Bunker aus der Zeit des Kalten Krieges nur noch Ruinen, und Alternativen wie Tiefgaragen oder die Metro in Warschau eher nicht zu empfehlen. Doch nun wird eben neu gebaut. Und im Winter sollen alle Polen und Polinnen einen Sicherheitsratgeber in den Händen halten, den das Verteidigungsministerium mit der Post verschicken will. Wer will, kann ihn schon jetzt online herunterladen und zum Beispiel nach Anleitung einen Fluchtrucksack packen.