Grokipedia ist live. Elon Musks Gegenentwurf zur Online-Enzyklopädie Wikipedia ging am Montag in einer Version 0.1 an den Start und bietet derzeit etwas mehr als 885.000 Artikel. Bislang nur in englischer Sprache konkurriert die Plattform nun mit den rund sieben Millionen englischsprachigen Artikeln bei Wikipedia. Musks erklärtes Ziel: Eine eigene Wissensplattform schaffen, die in der Version 1.0 „zehnmal besser“ sein soll, als die aktuelle Seite – und die sei schon besser als Wikipedia.
Entwickelt hat Grokipedia das Musk-Unternehmen xAI, das auch hinter dem X-Chatbot Grok steckt. Entsprechend sind die Inhalte bei Grokipedia mit Künstlicher Intelligenz und Grok generiert. „Die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ werde Grokipedia liefern, verspricht Elon Musk bei X und schränkt dann gleich ein: „Wir werden nie perfekt sein, aber wir sollten dieses Ziel dennoch anstreben.“
Elon Musk gefällt Wikipedia nicht
Musk stößt sich seit Längerem an Wikipedia. Er wirft der Plattform vor, linkslastig und nicht objektiv und neutral zu sein, ein Vorwurf, der aus der konservativ-ultrarechten Blase stammt. Demnach soll Wikipedia von linken Aktivisten unterwandert worden sein, die die beliebte Plattform – Wikipedia gehört zu den zehn meistbesuchten Internetseiten weltweit – nutzen, um vermeintlich linke, einseitige oder „woke“ Propaganda zu verbreiten.
Ein Vorwurf, den Wikipedia und der dahinter stehende Nonprofit-Verein Wikimedia rundheraus zurückweisen, mit dem Verweis auf die offene Architektur der Wikipedia und die Regeln, denen die Autorinnen und Autoren unterliegen. Für einen Bias gebe es keine belastbaren Belege oder Beweise, teilte der Verein unlängst mit. Zahlreiche Untersuchungen hätten dies in den vergangenen 25 Jahren bestätigt.
Gemeint sind mit den „woke“-Vorwürfen oftmals Artikel über den menschengemachten Klimawandel, Donald Trump, Geschlecht und Gender oder Musk selbst. Der Tech-Milliardär hatte sich im Januar noch einen verbalen Schlagabtausch mit Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales geliefert. Anlass war ein Wikipedia-Artikel über eine Geste, die Musk mehrfach bei einer Rede nach der Amtseinführung von Präsident Trump gemacht hatte, und die als Hitlergruß interpretiert wurde.

Dieser Vorfall bestärkte Musk in seiner Kritik an der vermeintlichen „Propaganda der Mainstream-Medien“ und lieferte den Anlass zur Entwicklung seiner eigenen Enzyklopädie. Die zentrale Marketingidee von Grokipedia ist daher der KI-Faktencheck: Dieser soll die Artikel prüfen und objektive Informationen bereitstellen, die frei von jedem ideologischen Bias sind.
„Grokipedia kann ohne Wikipedia nicht exisiteren“
Wie dieser Faktencheck arbeitet, ist nicht öffentlich bekannt. Bei Wikipedia ist das anders, hier überprüft sich die ehrenamtliche Autorenschaft konstant selbst. Änderungen an Artikeln – mitsamt der dazugehörenden, oft hart geführten, Debatte – sind öffentlich einsehbar. Dazu kommt, dass jeder Bot halluziniert, also Informationen erfindet, um eine glaubhafte Antwort zu suggerieren. Das macht KI-Faktenchecks fehleranfällig, besonders dann, wenn kein Mensch die Arbeit der KI auf Fehler überprüft.
Die Inhalte bei Grokipedia stammen dabei genauso wie der Faktencheck aus der digitalen Feder einer KI: Das KI-Modell Grok sammelt Wissen im Internet ein und schreibt sie zu eigenen Artikeln zusammen. Eine Basis für Grokipedia ist dabei unter anderem, ausgerechnet, Wikipedia: Gleich zum Start räumte xAI ein, dass viele Inhalte aus der Online-Enzyklopädie übernommen seien.
Wikimedia-Sprecherin Lauren Dickinson kommentierte das in einer Mitteilung an das Tech-Magazin „The Verge“ so: Das Wissen bei Wikipedia werde von Menschen unterschiedlicher generiert, im offenen Dialog. „Auf dieses Wissen stützen sich KI-Firmen, um ihren Content zu generieren; selbst Grokipedia kann ohne Wikipedia nicht existieren.“
Worauf Dickinson abhebt: Auch der Chatbot Grok bedient sich gerne mal bei Wikipedia und dürfte, wie die allermeisten Chatbots, mit Daten aus den insgesamt 60 Millionen Artikeln auf der Plattform trainiert worden sein. Musk weiß das – er verschob den Start von Grokipedia zuletzt, mit der Begründung, man müsse „noch die Propaganda aus dem System ausspülen“. Ein X-User fragte daraufhin den Chatbot Grok, was damit gemeint sein könnte. Der antwortete, Musk dürfte sich „mit sehr großer Sicherheit auf den ideologischen Bias“ bezogen haben, den der Tech-Milliardär in den Inhalten der Wikipedia sehe.
😂 I think grok just called you out @elonmusk pic.twitter.com/1dtcFO1kux
— Akerra (@AkerraX) 20. Oktober 2025
Grokipedia „ließt sich wie ein Positionspapier“
Wie es um die Objektivität der Grokipedia bestellt ist, lässt sich nur im Einzelfall bestimmen. Das Magazin „Wired“ beschreibt in einem Artikel, wie die Enzyklopädie „rechtsaußen-Positionen“ verbreite, etwa einen vermeintlichen Zusammenhang zwischen der Darstellung von schwulem Sex in der Pornografie und der Ausbreitung der AIDS-Krankheit in den 1980er und 1990er Jahren.
Trans-Frauen beschreibe Grokipedia demnach als „biologische Männer“. Soziale Netzwerke könnten „Ansteckungsvehikel“ für die Verbreitung von Transidentitäten sein – ein in der Forschung hochumstrittenes Argument, das sprachlich nach dem „woke mind virus“ klingt, dem Elon Musk die Schuld an der Transition seiner Tochter Vivian Jenna Wilson gibt.
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Bei einer Stichprobe dieser Redaktion fiel auf, dass Grokipedia beim Thema Geschlechterrollen einen stark biologisch-deterministischen Ansatz favorisiert, also eine Herleitung gesellschaftlichen Rollen von Mann und Frau aus ihrem Geschlecht. Männern schreibt die Plattform dabei einen evolutionären Drang zur Fortpflanzung zu, Frauen hingegen den zur Brutpflege – ein eher klassisches Verständnis von Mann und Frau in der Gesellschaft.
Auf dieses Verständnis angesprochen, antwortete Grok, der Text verfehle das Ziel der Neutralität: „Er liest sich wie ein Positionspapier und nicht wie ein Eintrag in einer Enzyklopädie.“ Die Passage nutze eine „biologistisch aufgeladene Sprache“, analysierte der Bot seine eigene Arbeit – und lieferte dann noch eine „neutrale Korrektur“ des Abschnitts, in dem unter anderem auch kulturelle Einflüsse auf Geschlechterrollen eine Rolle spielten.
Einpflegen kann der Nutzer diese Korrektur nicht selbst – nur eine Art Eingabe machen an xAI mit der Bitte um Änderung.




