Liebe Leserin, lieber Leser,
für diesen Bootsausflug braucht die Besatzung kugelsichere Westen, die Sturmgewehre sind am Anschlag. Wer bei 50 km/h über Bord geht, sinkt ins Wasser wie ein Stein. Wo sich das abspielt? Im Süden der Ukraine, im Flussdelta des Dnipro. Bei den Kampfhandlungen am Ufer im kniehohen Wasser finden die Soldaten noch Schutz im Schilf. Auf dem offenen Wasser hilft nur die Geschwindigkeit, um dem Artilleriefeuer zu entkommen.
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Ein schwieriger Einsatz, der geübt sein will. Unser Kriegsreporter Jan Jessen und der Fotograf André Hirtz haben an der Übung im Dnipro-Delta südlich von Cherson teilgenommen. Eine Gegend, die im ersten Kriegsjahr in die Schlagzeilen kam, nachdem im Zuge der russischen Invasion der Kachowka-Staudamm zerstört wurde – mit katastrophalen Folgen für die Umwelt. Tiere ertranken, das Wasser spülte Vogelnester weg. Nach ukrainischen Angaben gelangten 150 Tonnen Maschinenöl ins Wasser – die ukrainische Regierung nannte es „Ökozid“.

Die brutale Übung, die Kampfhandlungen, die massive Umweltzerstörung in einer Region rund um die Flussmündung im Nordwesten des Schwarzen Meeres: All das gehört nicht in ein Gebiet, indem Seeadler leben, Moorenten, unzählige Fischarten. Es ist ein wichtiger Rastplatz für Zugvögel. Eigentlich müsste die Landschaft ein Sehnsuchtsort sein, mit ruhigen Bootsausflügen, bei denen die einzigartige Fauna und Flora bewundert werden kann.
Wie immer, wenn ich über bestimmte Regionen lese, will ich sofort dort hin. Die Natur kennenlernen, die Menschen und ihre Kultur. Doch immer öfter warnt mich das Auswärtige Amt vor Reisen.
Der Iran steht ganz oben auf meiner Liste, schon allein durch meine guten persönlichen Kontakte zu Iranern in Deutschland. Natürlich die Ukraine. Ich möchte auch gerne wieder nach Russland. Ich liebe die Musik, die Literatur. Die Sehnsucht nach einer Reise in den Libanon haben meine lieben Nachbarn geweckt, die ihre Wurzeln dort haben, am besten kombiniert mit Besuchen im nahen Israel. Und ich war auch noch nie in Bethlehem.
Ich möchte mit Leichtigkeit reisen. Also lande ich in Italien
Doch wenn ich privat reise, möchte ich es mit einer gewissen Leichtigkeit tun. Und die habe ich weder in Tel Aviv noch in Beirut oder Kiew. Und so lande ich seit ein paar Jahren immer wieder in den friedlichen Mittelmeerregionen. Athen, Dubrovnik, Ibiza. Und immer wieder: Italien. Man könnte auch sagen: Ich bleibe lieber innerhalb der Europäischen Union. Denn selbst die USA habe ich vorerst von meiner Liste gestrichen, was schade ist angesichts der großartigen Natur und den so aufregenden Metropolen. Aber ich habe das Gefühl der großen Freiheit verloren, das eigentlich immer in mir aufkam, wenn ich nur an die USA dachte. Wenigstens kann ich mich damit trösten, dass ich schon ein paarmal da war.
Zurück zur Ukraine, zurück zum Dnipro-Delta. Es ist so unfassbar, was dieser russische Angriffskrieg anrichtet. Abgesehen von den vielen Menschen, die Opfer der Angriffe werden: Was macht es mit einer Gesellschaft, in der von Männern erwartet wird, ihr Leben zu opfern? In der Kinder mit nächtlichen Alarmen aufwachsen und Schulen im Untergrund? In der Dörfer niedergemetzelt und Straßenzüge dem Boden gleichgemacht wurden (und werden)? In der es immer und vor allem darum geht, den Angriffen zu trotzen?
In der Ukraine dreht sich alles um Abwehr. Dafür soll Russland nun zahlen

Dafür muss Russland zahlen: Das ist das Ergebnis des jüngsten EU-Gipfels. Unser Brüssel-Korrespondent Thorsten Knuf war dabei. Die 27 Staats- und Regierungschefs haben bis in die Nacht über den Plan diskutiert, die eingefrorenen russischen Vermögenswerte künftig für den Abwehrkampf der Ukraine zu nutzen. Immerhin geht es dabei um 140 Milliarden Euro, das dürfte dem angegriffenen Land helfen, noch eine Weile den Drohnen und Artilleriefeuern der Russen zu trotzen. Lesen Sie hier, wo die Haken liegen, um welche russischen Vermögen es überhaupt geht und wie es mobilisiert werden könnten.
Die Uhren werden wieder zurückgedreht. Muss das wirklich sein?
Wenn Sie es noch nicht getan haben: Kontrollieren Sie an diesem Sonntag unbedingt all ihre Uhren. Denn wir haben wieder eine Stunde geschenkt bekommen, um der Winterzeit mal einen positiven Effekt zuzuschreiben. Der negative: Wir werden sozusagen mit dem Holzhammer in die dunkle Jahreszeit katapultiert. „Warum tut ihr uns das an?“, frage ich in meinem Kommentar die Verantwortlichen in Brüssel

Offenbar haben sie ein Einsehen, berichtet nun mein Kollege Christian Kerl. Demnach verspricht der EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas Fairness und Pragmatismus, um ein Ende der Länderblockade herbeizuführen. Denn einig sind sich eigentlich alle, dass die Zeitverschiebung weg muss. Nur, wie? Soll überall die Sommerzeit gelten? Oder die Winterzeit? Dazu gab es bislang keine Einigung.
Merz, das Stadtbild und „die Töchter“: Dieses Essay bringt die Debatte auf den Punkt
Wenn Sie sich in dieser Woche rege an der Debatte um Friedrich Merz und sein „Stadtbild“ beteiligt haben, wenn Sie sich als Tochter oder Elternteil einer Tochter vom Bundeskanzler angesprochen fühlen über seine diffusen Auslassungen hinsichtlich problematischer Migrantengruppen in Deutschland, dann empfehle ich Ihnen das Essay meines Kollegen Sinan Sat. Der 37-Jährige ist im Ruhrgebiet aufgewachsen, seine Eltern stammen aus der Türkei. In Gelsenkirchen – die Stadt kämpft gegen eine immer stärker werdende AfD – leitet er die Lokalredaktion der WAZ.

Er liebt seinen Heimatverein Schalke, sein Lebensmittelpunkt sind seine deutsche Frau und seine beiden Söhne. „Ich fühle mich nicht angesprochen“, schreibt er über die Debatte. Schon allein deshalb, weil er sich nicht so benehme, dass man sich in seiner Umgebung unwohl fühle. Genervt sei er allerdings trotzdem – und zwar über den „immer gleichen und ermüdenden Kampf um die Deutungshoheit.“ Damit meint er die „Rassismus-Keule“ auf der einen Seite und „den Vorwurf des Links-Grün-Versifften“ auf der anderen. Beide Vorwürfe lägen griffbereit in der Schublade und kämen reflexartig zum Einsatz.
Sinan Sat hat den Kern der Debatte ziemlich gut auf den Punkt gebracht. Hoffentlich kommen wir nun über diese diffusen Formulierungen des Bundeskanzlers hinaus. Denn je unklarer Schwierigkeiten umrissen werden, desto schneller haben Populisten ihr Rezept für Ressentiments beisammen, ob sie nun von links oder rechts kommen, analysiert meine Kollegin Julia Emmrich in ihrem Kommentar.
Bei dieser Gelegenheit empfehle ich auch gern noch den Podcast „Rambo Zambo“, bei dem Julia Emmrich und unsere Social-Media-Expertin Carlotta Richter die Merz-Politik unter die Lupe nehmen. Natürlich dreht sich auch die aktuelle Folge mit dem Titel „Merz und die Töchter“ um die umstrittene Migrationsaussage des Kanzlers. Ich hoffe, damit ist Schluss mit der Debatte. Ich halte das Thema jedenfalls für ausdiskutiert.
Bleiben Sie wach, neugierig – und genießen Sie die geschenkte Stunde,
Ihre Birgitta Stauber
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