Zusammenfassung

  • Mehr als jeder dritte Neuntklässler verfehlt den Mindeststandard in Mathematik für den mittleren Schulabschluss, ein Anstieg um zehn Prozent seit 2018 laut IQB-Bildungstrend.
  • Jugendliche in Nordrhein-Westfalen erzielen im Schnitt besonders schlechte Leistungen in Mathematik und unterdurchschnittliche Ergebnisse in Naturwissenschaften, mit gesellschaftlichen Veränderungen und Corona-Pandemie als möglichen Ursachen.
  • Bildungsexperten fordern mehr Ressourcen und Unterstützung für Schulen, um Chancengerechtigkeit zu gewährleisten und den Negativtrend zu bremsen.

Die Leistungen von Neuntklässlern haben sich in Mathematik und Naturwissenschaften stark verschlechtert. Mehr als jeder dritte Schüler (34 Prozent) verfehlt in Mathematik den Mindeststandard für den mittleren Schulabschluss (MSA), wie aus dem neuen IQB-Bildungstrend hervorgeht, der am Donnerstag am Rande der Bildungsministerkonferenz in Berlin veröffentlicht wurde. Das sei ein Anstieg um zehn Prozent im Vergleich zu 2018. Fast jeder zehnte verfehlt demnach sogar die Mindeststandards für den Hauptschulabschluss.

Viele Neuntklässler aus NRW haben große Probleme mit Mathematik und Naturwissenschaften

Schülerinnen und Schüler aus NRW schneiden der Studie zufolge in Mathematik sogar „besonders schlecht“ ab und in den Naturwissenschaften unterdurchschnittlich. „In Nordrhein-Westfalen sind die Herausforderungen im Vergleich zu anderen Bundesländern besonders groß“, sagte NRW Schulministerin Dorothee Feller (CDU). Gesellschaftliche Veränderungen, relativ viele Kinder mit geringen Deutschkenntnissen und ein „zu hoher“ Medienkonsum seien mögliche Ursachen. Laut den Autorinnen und Autoren des Bildungstrends dürften auch die Folgen der Corona-Pandemie mit monatelangen Schulschließungen einen erheblichen Anteil daran haben, dass die Leistungen von Neuntklässlern in allen 16 Bundesländern offenbar so schlecht sind.

Auch interessant

Dorothee Feller ist zuversichtlich, den Negativtrend bremsen zu können - mit Maßnahmen wie der Stärkung von Basiskompetenzen in Mathe und Deutsch bei Grundschulkindern und mehr Lernstandserhebungen. Die Opposition und Pädagogen-Verbände werfen der Landesregierung dagegen schwere Versäumnisse vor.

„Sicherlich ist eine Ursache die Pandemie, der Wechsel in einen unvorbereiteten Fernunterricht und die fehlenden sozialen Kontakte. Das würde die schlechteren Leistungen länderübergreifend und an allen Schulformen erklären“, sagte SPD-Landtagsfraktionschef Jochen Ott. „Wenn jetzt fast jeder Zehnte die Mindeststandards für den ersten Schulabschluss nicht erreicht, die Landesregierung aber behauptet, Bildung sei nach wie ihr wichtigstes Thema, dann gute Nacht.“

FDP: „Unter Wüst und Feller werden die Leistungen unserer Schüler jedes Jahr schwächer“

FDP-Landtagsfraktionsvize Franziska Müller-Rech sprach von einem „bildungspolitischen Armutszeugnis“ für die NRW-Landesregierung. „Schwarz-Grün ist akut versetzungsgefährdet. Unter Ministerpräsident Wüst und Schulministerin Feller werden die Leistungen unserer Schülerinnen und Schüler jedes Jahr schwächer, während soziale Probleme an unseren Schulen zunehmen.“

Mehr zum Thema

„Wer Chancengerechtigkeit will, muss Schulen endlich so ausstatten, dass pädagogische Arbeit wirken kann – mit ausreichend Personal, Zeit und Unterstützung“, teilte Wibke Poth, Vize-Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) in NRW, mit.

„Die IQB-Ergebnisse sind ein Warnsignal: die sinkenden Kompetenzen in den Naturwissenschaften und Mathematik betreffen alle sozialen Gruppen: Sie zeigen, dass unser Bildungssystem an vielen Stellen überfordert ist“, sagte die NRW-Chefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Ayla Celik.

Trendanalyse über die Jahre 2012, 2018 und 2024

Der IQB-Bildungstrend 2024 basiert auf einer repräsentativen Stichprobe von 48.279 Schülerinnen und Schülern aus 1.556 Schulen in allen 16 Bundesländern. Erhoben wurden Kompetenzen in Mathematik sowie den naturwissenschaftlichen Fächern Biologie, Chemie und Physik. Zusätzlich wurden motivationale, sozio-emotionale und unterrichtsbezogene Merkmale analysiert. Die Studie überprüft das Erreichen der Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz und erlaubt eine Trendanalyse über die Jahre 2012, 2018 und 2024.

Wichtig zu wissen: In NRW haben beim IQB-Bildungstrend im Jahr 2018 G8-Schülerinnen und Schüler teilgenommen, die in Klasse 9 fast das Ende der Sekundarstufe I erreicht hatten. Die G9-Schülerinnen und Schüler, die jetzt in Klasse 9 getestet wurden, sind davon noch mehr als ein ganzes Schuljahr entfernt.

Was wurde untersucht?

Die Autoren der Studie haben im Auftrag der Bildungsministerinnen und -minister untersucht, wie gut Schülerinnen und Schüler der neunten Jahrgangsstufe die bundesweit vorgeschriebenen Bildungsstandards in Mathematik, Biologie, Chemie und Physik erreichen. Sie erlaubt dabei erstmals eine Trendbetrachtung über zwölf Jahre hinweg.

Was ist das Ergebnis der Studie?

Die Ergebnisse zeigen deutliche Kompetenzrückgänge in allen vier Fächern seit 2018. Mehr als jeder dritte Schüler verfehlt demnach in Mathematik den Mindeststandard für den mittleren Schulabschluss (MSA) – ein Anstieg um zehn Prozent im Vergleich zu 2018. Fast jeder zehnte verfehlt in Mathematik sogar die Mindeststandards für den Hauptschulabschluss.

In Physik scheitern 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler in den neunten Klassen an den Mindestanforderungen, in Chemie 25 und in Biologie zehn Prozent.

Bundesbildungsministerin Karien Prien (CDU) sprach von einem „Warnsignal für unsere Gesellschaft“.

Karin Prien, Kinder- und Jugendschutz
„Das sind besorgniserregende Befunde und ein Warnsignal für unsere Gesellschaft“: Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) rief nach der Vorstellung der IQB-Studie nach einer „nationalen Kraftanstrengung“. © picture alliance / IPON | Stefan Boness

Wie schneidet NRW ab?

Sehr schlecht, vor allem im Fach Mathematik. Auch in den drei anderen Fächern liegen die Neuntklässlerinnen und Neuntklässler zum Teil deutlich unter dem Schnitt für die Bundesländer.

Deutlich höhere Mittelwerte als in Deutschland insgesamt werden laut dem IQB-Bildungstrend in allen vier untersuchten Fächern in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen erzielt sowie in allen drei naturwissenschaftlichen Fächern in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Viel geringere Mittelwerte in allen vier Fächern zeigen sich dagegen in Bremen, Hessen, Nordrhein-Westfalen sowie im Saarland.

Was sagt die NRW-Schulministerin dazu?

„Was schon bei der letzten Pisa-Studie festgestellt wurde, hat nun die aktuelle IQB-Studie noch einmal bestätigt. In allen Bundesländern sacken die Werte ab“, sagte Feller in Berlin. Die Ergebnisse seien unbefriedigend. „In Nordrhein-Westfalen sind die Herausforderungen im Vergleich zu anderen Bundesländern besonders groß“, ergänzte die Ministerin.

Was meint sie damit?

In NRW gibt es besonders viele Schulen, in denen Kinder aus ärmeren Familien unterrichtet werden. Das Land muss zudem überdurchschnittlich viele zugewanderte Kinder integrieren und sie sprachlich fit machen für einen erfolgreichen Schulbesuch. Fatal – allerdings für alle Bundesländer – scheinen die Folgen der Corona-Pandemie für die Schülerinnen und Schüler zu sein.

Welche Pandemie-Folgen sind gemeint?

Die nun getesteten Jugendlichen waren damals mehrheitlich in der fünften Klasse, also in einer Phase, die für den künftigen Schulerfolg entscheidend sein kann. Fehlende direkte Kontakte zu Lehrkräften und Mitschülern (Distanzunterricht) hätten die jungen Menschen in vielerlei Hinsicht benachteiligt, so die Autoren der Studie. Nicht nur bei der Wissensvermittlung, sondern auch psychisch. „Insgesamt berichten 17 Prozent der Jugendlichen, häufig emotionale Probleme zu haben, und 16 Prozent der Jugendlichen geben an, dass verschiedene Indikatoren für Hyperaktivität bei ihnen häufig auftreten“, heißt es in der Studie.

Wie wollen die Länder den Negativtrend stoppen?

Sie hoffen unter anderem auf die Wirkung des gemeinsamen Startchancenprogramms. Das ist ein Förderprogramm von Bund und Ländern, das das Schulen mit einem hohen Anteil sozial benachteiligter Schülerinnen und Schüler unterstützt. Sie erhalten mehr Personal und eine bessere Ausstattung.

Die NRW-Landesregierung setzt zum Beispiel auf den „Schulkompass NRW 2030“ , der eine Ausweitung und systematische Erfassung von Lernstandserhebungen vorsieht sowie ein Schüler-Feedback-Portal. An den Grundschulen wurde eine „verbindliche Lesezeit“ eingeführt. Seit diesem Schuljahr wird an Grundschulen zudem jeweils eine Stunde mehr Deutsch und Mathematik unterrichtet.

Was werfen Opposition und Lehrkräfteverbände der NRW-Landesregierung vor?

Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in NRW, Ayla Celik, fordert eine echte Trendwende. „Mehr Ressourcen statt mehr Auflagen. Es reicht nicht, regelmäßig neue Tests, neue Standards oder neue Berichtspflichten einzuführen, wenn zugleich die nötigen personellen, finanziellen und zeitlichen Ressourcen nicht zur Verfügung stehen“, sagte sie dieser Redaktion.

Wer qualitativ guten Unterricht wolle, benötige mehr grundständig ausgebildete Lehrkräfte - besonders in stark belasteten Regionen-, kleinere Klassen, Unterstützung durch Fachkräfte in Multiprofessionellen Teams (Sonderpädagogik, Sozialarbeit, Schulsozialarbeit), sowie Weiterbildungsangebote. Besonders in den Städten zwischen Duisburg und Dortmund zeige sich, was passiere, wenn soziale Belastung und Fachkräftemangel zusammentreffen.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in NRW verweist auf die Empfehlungen der Enquetekommission des Landtags zur Chancengleichheit in der Bildung und auf das eigene Zukunftsprogramm hin, das verbindliche Schritte zu mehr Gerechtigkeit fordere: mehr Zeit für Kinder und Jugendliche, kleinere Lerngruppen, stabile Teams und eine verlässliche Schulfinanzierung – beispielsweise durch einen dauerhaft angelegten Digitalpakt. „Schulen brauchen mehr als Anerkennung – sie brauchen politische Verlässlichkeit. Chancengerechtigkeit gelingt nur, wenn gute Empfehlungen umgesetzt werden. Es gibt kein Erkenntnisproblem“, sagte Wibke Poth, stellvertretende Landesvorsitzende des VBE.