Für die schlimmste Provokation der Nato seit Jahrzehnten ließ der russische Präsident Wladimir Putin seine Generäle die Billigst-Variante wählen: Die Drohnen, die vor gut einer Woche weit in den polnischen Luftraum eindrangen, bestanden überwiegend aus Sperrholz und Hartschaum, wie Ermittler jetzt aus den Trümmerfunden rekonstruieren. Diese Gerbera-Flugkörper dienten bislang bei Angriffen auf die Ukraine dazu, die Luftabwehr zu überlasten und zu täuschen, um den mit Sprengstoff beladenen Shahed-Kampfdrohnen den Weg frei zu machen. In Polen sollten die Kugelfang-Drohnen wohl die Nato-Abwehr testen. Mit verheerendem Ergebnis, wie jetzt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj schonungslos bilanziert: Europa sei derzeit nicht für einen Krieg mit Russland gerüstet, sagte Selenskyj dem britischen Sender Sky. Polen etwa könne „seine Bevölkerung nicht schützen, wenn es einen massiven Angriff gibt.“

Aber ist die Nato wirklich wehrlos? So einfach ist es nicht. Die Allianz kann einen ernsthaften Angriff jederzeit hart beantworten, sie baut dafür ihre Abwehr an der Ostflanke seit einem Jahrzehnt massiv aus. Am Boden gehören dazu acht multinationale Gefechtsverbände entlang der Ostgrenze und schnelle Einsatzkräfte der Nato-Partner, die innerhalb von zehn Tagen 100.000 Soldaten gefechtsbereit an die Front bringen würden. Gegen Bedrohungen aus der Luft hat die Nato ein Frühwarnsystem mit Awacs-Überwachungsflugzeugen, Aufklärungs-Drohnen, Radaranlagen, während die Verbündeten im Rotationssystem Kampfjets im Baltikum und Polen stationieren.

Nato: Bisher zögerliche Entwicklung von Drohnen-Abwehrsystemen

Bodengestützte Luftabwehrsysteme an der Ostgrenze, zu denen auch deutsche Patriot-Batterien gehören, werden im Konfliktfall von Raketen auf Kriegsschiffen ergänzt. So beeindruckend das System ist, es gibt zwei Probleme: Erstens haben die Nato-Länder viele der größeren Luftabwehrsysteme in die Ukraine geschickt, die jetzt anderswo fehlen; die Ersatzbeschaffung dauert Jahre. Und zweitens entwickeln Nato-Staaten zwar Abwehrsysteme auch gegen Drohnen, gehen aber bisher eher zögerlich vor. Beispiel Deutschland: Zehn Milliarden Euro hat die Bundeswehr für die Beschaffung von neuen Flug- und Raketenabwehrsystemen ausgegeben oder eingeplant, rechnet der Verteidigungsexperte Fabian Hoffmann vor. Doch die Bedrohung durch russische Langstreckendrohnen sei nicht ausreichend berücksichtigt.

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Studie: Auf die Kriegführung wie in der Ukraine ist Europa schlecht vorbereit

Wenn Heeres-Generalinspekteur Alfons Mais jetzt sagt, die Drohnenabwehr sei die größte Schwachstelle der Truppe, steht die Bundeswehr damit nicht allein: „In fast allen europäischen Beständen gibt es Lücken“, analysiert das Internationale Institut für Strategische Studien (IISS). „Diese Schwachstellen führen dazu, dass die Europäer auf eine Kriegsführung wie in der Ukraine schlecht vorbereitet sind.“ Denn in der Ukraine hat Russland die Intensität seines Drohnen-Terrors immens gesteigert, nachdem die Produktionskapazitäten mit iranischer und chinesischer Unterstützung ausgebaut wurden.

Wolodymyr Selenskyj
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnt nach den Drohnen-Provokationen, Europa sei auf einen russischen Angriff nicht vorbereitet. © Efrem Lukatsky/AP/dpa | Efrem Lukatsky

Im ersten Kriegsjahr startete die russische Armee im Schnitt eine Angriffswelle im Monat mit etwa hundert Waffen. Jetzt sind es pro Angriffswelle fast 400 Drohnen und Raketen - und das im Schnitt alle acht Tage, so Experten des US-Thinktanks Zentrum für strategische und internationale Studien (CSIS). Solche Attacken auf Nato-Gebiet könnte die Allianz unmöglich mit teuren Hightech-Raketen aus Kampfjets beantworten, so wie sie vorige Woche vier der etwa 20 russischen Drohnen über Polen abschoss; die Reserven wären bald erschöpft.

Nato-Ostflanke: Forscher warnt vor Illusionen

Kurzfristig hat die Nato nun mit der Operation „Eastern Sentry“ die gemeinsame Überwachung und Patrouillen verstärkt – auch Deutschland hat Verstärkung zugesagt, vier Eurofighter stehen in Rostock für einen Kriseneinsatz in Polen bereit. Doch eine nachhaltige Lösung ist das nicht. Der ukrainische Präsident Selenskyj bietet den Europäern deshalb Unterstützung an bei der Entwicklung von Verteidigungstechnologien und dem Training von Soldaten. Kiew brauche aber Geld, um die Entwicklungen umzusetzen. Die Ukraine hat mit dem System „Himmelsfestung“ auf die russischen Billig-Drohnenschwärme reagiert: Ein Netzwerk aus tausenden Mikrofonen ortet die Angriffsdrohnen, mobile Trupps auf Pritschenwagen feuern dann mit Maschinengewehren und Maschinenkanonen, um die Flugkörper zu zerstören. Die Nato hat das System bereits getestet, Militärs sprechen von „außergewöhnlichen“ Erfolgen. Die Methode ist kostengünstig, verlässlichen Schutz bietet sie nicht.

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Das Flugabwehrsystem Skyranger 30. © Getty Images | Sean Gallup

Doch Verteidigungsexperte Hoffmann, der an der Uni Oslo forscht, warnt vor Illusionen: Eine gleichermaßen ausgereifte, wirksame und kostengünstige Technologie zur Abwehr von Langstreckendrohnen stehe bislang nicht zur Verfügung. Abfangdrohnen und Abfangraketen seien zwar relativ billig, aber nicht für den Flächeneinsatz geeignet. Flugabwehrsysteme wie der neue Skyranger 30 von Rheinmetall, der mit einer Frequenz von 1000 Schuss pro Minute jeweils ein größeres Gebiet von vier mal vier Kilometer abdecken soll,  seien indes eine „vergleichsweise teure Option“.

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Ziel erfasst – die Drohnenfront in der Ukraine
Im Krisenmodus
 

Putins Provokationen: Vorbereitungen für massive Sanktionen laufen

Der Preis für ein Skyranger-System nennt Rheinmetall nicht öffentlich, nach Expertenschätzungen wird er zwischen zehn und 15 Millionen Euro liegen.  Die Abfangaktion für eine einzige Drohne würde 6000 Euro kosten, rechnet Hoffmann vor. In Verbindung mit der knappen Produktionskapazität sei das Skyranger-System wohl „nicht die magische Lösung für die Bedrohung, als die es mitunter dargestellt wird.“ Der Militärexperte meint: „Es gibt keine Patentlösung“ - jedenfalls nicht in Friedenszeiten.

Die Nato-Staaten werden daher anders reagieren müssen – nicht nur mit Abwehr, sondern mit harter Abschreckung, um Putin von weiteren Provokationen abzuhalten. Es sei zu befürchten, dass „wir weitere solcher Tests an der Nato-Ostflanke sehen werden“, warnt der Russland-Experte Stefan Meister von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas drängt vor allem auf massive Sanktionen, die Putins Kriegskasse endlich spürbar austrocknen. Die Vorbereitungen dazu laufen. „Russland stellt den Westen auf die Probe“, sagt Kallas. „Sollte Putin eine Schwäche spüren, wird er weiter nach vorne drängen. Europa muss entschlossen reagieren.“