Vom Festland kommend, hält das kleine Motorboot zuerst bei einer Handvoll größerer Inseln, die noch viel von dem haben, was Zivilisation ausmacht: Geschäfte, Geräusche, Menschen. Als die Fähre dann an Takaikamishima andockt, ist sofort klar: Hier ist das Leben, oder was davon übrig ist, anders. Gähnende Ruhe, gleichzeitig aber so viel Farbe. An den Fassaden prangen Wandmalereien: ein Mann im weißen Kittel, daneben eine Pflegerin in rosa Uniform. Freundlich schauen die zwei drein, wie Beschützer.
In Japan erkennt das Bild jedes Kind. Es stammt aus dem Manga „Dr. Koto Shinryoujo“, auf Deutsch: Dr. Kotos Praxis, und erzählt die Geschichte eines Arztes, der eine Tokioter Universitätsklinik verlässt, um auf einer schrumpfenden Insel die Grundversorgung zu sichern. Im ostasiatischen Land, wo die Bevölkerung schon lange zurückgeht, traf diese Heldenstory in den Nullerjahren einen Nerv, bald kamen ein Anime und Spielfilm raus. Nun thront die Story an der Fassade des alten Gemeindehauses, als eine Art offizielles Narrativ dieser Insel.
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Japan: Lebendige Kunst auf einer nahezu verlassenen Insel
„Die Story vom Doktor passt doch perfekt zu uns!“, sagt Sadamu Kimura, ein mit einem großen Hund herantapsender Herr in T-Shirt und Jogginghose. „Hier leben ja auch kaum noch Menschen.“ Dabei wirkt Takaikamishima auf den ersten Blick selten lebendig. Jenseits der um die fünf Meter hohen Zeichnung aus Dr. Koto finden sich hier überall weitere Referenzen aus der in Japan extrem beliebten Welt von Anime und Manga, also Zeichentrick und Comic.
An der Front eines Gebäudes direkt am Ufer prangt Kaiji, der Protagonist aus dem Manga „Tobaku Mokushiroku Kaiji“, einer Story über einen von Kredithaien ruinierten Spielsüchtigen im Tokio der 1990er Jahre. Wenige Häuser weiter wartet „Machiko-sensei“, die Lehrerin der gleichnamigen Geschichte aus den 1980ern, die mit kurzen Röcken ihren Schülern den Kopf verdreht. Und noch ungefähr 30 andere Wandmalereien, die aus irgendeinem beliebten Werk stammen. Takaikamishima ist so etwas wie die Manga-Open-Air-Galerie Japans. Was ist hier los?

Japanische Insel: „Es kann gut sein, dass unsere Gemeinde bald ausstirbt“
Es ist eine Flucht nach vorn. Auf Takaikamishima gibt es heute mehr leerstehende Häuser mit bunten Gemälden als lebende Menschen. Die Einwohnerzahl, in den 1950er Jahren immerhin rund 300, liegt mittlerweile bei elf. „Fast alle hier sind schon über 70“, erklärt Sadamu Kimura, während sein Hund gemächlich um sein Herrchen kreist, sich dem Tempo hier offenbar anpassend. Kimura stottert: „Es kann gut sein, dass unsere Gemeinde bald ausstirbt, wenn wir nichts dagegen tun.“

Aber getan wird so einiges. Takaikamishima, diese kleine Insel mit einer Fläche von nur 1,34 Quadratkilometern – um die 20 Kilometer von Japans Festland entfernt, offiziell mit dem Status einer „entlegenen Insel“ – ist seit kurzem nämlich nicht mehr nur bekannt als vom menschlichen Aussterben bedrohtes Stück Land. Zumindest in ganz Japan hat Takaikamishima auch einen Namen als Gemeinde, die genau dieser Bedrohung auf kreative Weise trotzt.
„Eine kleine Insel in der Präfektur Ehime hat große Träume“, titelte das Asahi Shimbun, Japans zweigrößte Zeitung, über einem Text im Mai. Die im Land führende Nachrichtenagentur Kyodo beobachtete zuletzt: „Ein Wiederbelebungsprojekt ist im Gange.“ Und die Zeitung „Mainichi Shimbun“ schwärmte im Juni in einem Artikel mit der Überschrift: „Abgelegene japanische Insel mit 11 Einwohnern will zum globalen Manga-Zentrum werden.“ Nichts Geringeres ist hier tatsächlich geplant.
Insel-Bewohner jubeln: „Wir hatten zuletzt nämlich sogar ein paar Zuzüge!“
Takaikamishima könnte mit seinem Konzept bald zum Vorbild für andere schrumpfende Kommunen werden. „Wir hatten zuletzt nämlich sogar ein paar Zuzüge!“, sagt Sadamu Kimura und biegt mit seinem Hund in eine links und rechts mit Mangas bemalte Gasse ein, eine Steigung herauf zu einem renovierten Haus. „Hier wohnt Herr Baba! Er ist mit seiner Frau und zwei Töchtern hergezogen. Wir haben jetzt wieder Kinder im Ort! Und einen echten Macher!“
Auf Masanori Baba, 50 Jahre, agiler Typ in legerer Kleidung, ruhen nun große Hoffnungen. Denn dieser Zugezogene soll das nächste Projekt umsetzen. „Wir haben im April unsere Manga-Schule gegründet“, sagt der hier noch sehr junge Mann, nicht ohne Stolz. „Ich manage den Ablauf: die Bewerbungen, die Organisation der Räumlichkeiten, die Kasse.“ Das Ganze laufe gerade erst an, aber es könnte, so jedenfalls das Ziel, diese Insel verändern. Nicht nur ästhetisch, sondern auch finanziell und demografisch.

Ein Dorf mit elf Einwohnern– und eigener Manga-Schule
Von April bis Juli fanden hier sechsmal zweitägige Wochenendkurse statt, die erfolgreichen Bewerberinnen beigebringen, was ein gutes Manga ausmacht und wie man es zu Papier bringt: Vom Storytelling über das Zeichnen der Charaktere bis zu den Sprechblasendialogen. 80.000 Yen (rund 450 Euro) kostet der Kurs inklusive Kost und Logis. „Wenn es gut läuft, bringen wir eines Tages große Mangaka (Anm.: So nennen sich Mangazeichner) hervor“, sagt Masanori Baba, geht von seinem Haus die Steigung rauf.
Keine zwei Minuten später erreicht er ein altes Schulgebäude, rund 100 Jahre alt, mit einem verwilderten Vorgarten, Holzboden und jahrzehntealten Stundenplänen an der Wand. Die Grundschule, die dieser Bau einst war, schloss vor vielen Jahren, als das letzte Kind ausgeschult wurde. „Ich hab‘ das jetzt alles wieder hergerichtet“, sagt Baba, führt durch drei verschiedene Räume der kleinen Schule. Hier ein Klassenzimmer mit geputzter Tafel, nebenan eine kleine Manga-Bibliothek mit Postern an der Wand. „Mit der Schule hoffen wir, dass sich auch die Bevölkerung von Takaikamishima wieder vergrößert.“

