Katherina Reiche (52) weiß, wie gespannt dieses Papier erwartet wurde. Die Medien seien ja über den Sommer „relativ beschäftigt“ gewesen damit, zu vermuten, was drin stehen könnte, sagt die Wirtschaftsministerin etwas spitz, als sie am Montag vor der Presse steht. Doch gewusst hat es bis zu diesem Zeitpunkt niemand: Der Monitoring-Bericht zur Energiewende blieb bis zu seiner offiziellen Präsentation geheim.
Der Bericht soll die entscheidende Grundlage sein für die Energiepolitik, die die CDU-Politikerin in den kommenden Jahren machen will. Im Kern geht es um eine Bestandsaufnahme der Energiewende: Wie viel erneuerbaren Strom braucht das Land in den kommenden Jahren – und wie bekommt man den möglichst günstig?
Beantworten sollten das im Auftrag des Wirtschaftsministeriums das auf Energie spezialisierte Beratungsunternehmen BET und das Forschungsinstitut EWI in Köln. 259 Seiten hat das Werk, das Reiche und Vertreter der Institute am Montag vorstellten.
Allerdings: Selbst gerechnet haben die Gutachter nicht, stattdessen ist der Bericht eine Art Literaturübersicht über bestehende Studien zur Energiewende, aus denen in der Gesamtschau Empfehlungen abgeleitet werden sollen.
Die betrachteten Studien unterteilen sich dabei in zwei Lager: diejenigen, die das Ziel Klimaneutralität 2045 voraussetzen und darauf aufbauen zurückrechnen, wie schnell sich das Stromsystem in Deutschland wandeln muss. Und diejenigen, die vor allem derzeitig sichtbare Entwicklungen fortschreiben, um zu sehen, wo das Land in Zukunft landen könnte.
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Monitoring korrigiert Strombedarf für 2030 nach unten
Beide Arten von Studien projizieren eine steigende Stromnachfrage in der Zukunft, unterscheiden sich aber darin, wie stark dieser Anstieg ausfällt. Das Monitoring geht auf der Grundlage der verschiedenen Zahlen davon aus, dass der Strombedarf 2030 zwischen 600 und 700 Terawattstunden liegen wird. Das Bundeswirtschaftsministerium hatte bisher 750 Terawattstunden im Jahr 2030 veranschlagt. Gegen Mitte des Jahrzehnts allerdings gehen die Prognosen noch deutlicher auseinander: Hier liege die Spannbreite zwischen 700 und 1600 Terawattstunden, sagte Philipp Kienscherf vom EWI.
Wirtschaftsministerin Reiche geht für 2030 für einen Bedarf eher am „unteren Ende“ der 600 bis 700 Terawattstunden aus. Sie verweist darauf, dass Deutschland weder beim Aufbau von Elektrolyseuren für die Produktion von Wasserstoff noch bei der Umstellung der Industrieproduktion auf Strom als Energiequelle so vorankommt wie erwartet. Auch die Zahl der Wärmepumpen und E-Autos entwickelt sich nicht so, wie die Ampel-Regierung sich das einst erhofft hatte. Derzeit liegt der Bedarf laut Reiche bei 510 Terawattstunden.
Reiche will deshalb unter anderem beim Ausbau von Offshore-Windanlagen „Anpassungen“ nach unten – in einem Bereich, der seinen aktuellen Ausbauzielen hinterherläuft. Es müsse gelten: „Wir bauen nur so viel zu, wie wir tatsächlich brauchen und es ökonomisch effizient ist“, sagte Reiche am Montag.

Reiche hält an Klimaneutralität 2045 fest, will aber neue Gaskraftwerke
Möglichkeiten, die Gesamtkosten zu senken, sieht sie auch im Bereich Photovoltaik: Reiche bekräftigte ihre Einschätzung, dass Solaranlagen auf Dächern sich schon jetzt ohne Förderung rechnen würden und neue Anlagen deshalb künftig nicht mehr per Einspeisevergütung unterstützt werden sollen. Ab wann das gelten soll, sagte Reiche nicht. Große PV-Anlagen auf Freiflächen sollen künftig über Differenzverträge gefördert werden. Anders als bei der Windkraft ist der Ausbau der Photovoltaik in Deutschland derzeit auf Kurs, die gesteckten Ziele für 2030 zu erreichen, vorausgesetzt, es gebe keine grundlegenden Änderungen bei der Flächenverfügbarkeit und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Die Autoren des Berichts warnten allerdings, dass die Zubau-Dynamik zuletzt vor allem bei den Dach-Anlagen schwächer geworden ist.
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Auch an anderen Stellen will Reiche Änderungen. So sollen künftig beim Netzausbau Freileitungen wieder eine größere Rolle spielen, die im Vergleich zu Erdkabeln wesentlich weniger aufwendig und teuer sind. Beim Thema Wasserstoff will sie nicht allein auf grünen, also aus erneuerbarem Strom hergestellten Wasserstoff setzen, sondern auch auf Erdgas-basierten blauen Wasserstoff und andere Varianten. So soll der Hochlauf der Wasserstoff-Wirtschaft beschleunigt werden.
Bis Ende des Jahres sollen zudem Ausschreibungen starten für neue Gaskraftwerke, die Versorgungssicherheit garantieren sollen. Ab 2027 sollen über einen Kapazitätsmarkt auch andere Formen wetterunabhängiger Leistung wie Großspeicher gesicherte Leistung stellen.
Die Grünen sehen im Bericht die Empfehlung, Habecks Kurs fortzusetzen
Vor der Veröffentlichung geäußerte Vermutungen, der Bericht könnte ihr als Anlass dienen, den Ausbau der Erneuerbaren zu bremsen, wies Katherina Reiche trotz allem von sich: Am Ziel, 2030 80 Prozent des Stroms erneuerbar zu produzieren, halte sie fest, am Fernziel Klimaneutralität 2045 ebenso. Gleichzeitig sprach die CDU-Politikerin davon, dass die Energiewende sich „neu ausrichten“ müsse.
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Diesen Schluss ziehen aus dem Report allerdings nicht alle. Nina Scheer, energiepolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, sagte, das Monitoring zeichne insgesamt ein positives Bild der Energiewende und gebe keinen Anlass für etwaige „Neuauflagen“. Die Grünen lesen aus dem Bericht die Empfehlung, „im Wesentlichen die erfolgreiche Energiewendepolitik“ von Reiches Vorgänger Robert Habeck fortzusetzen. Reiche, sagte Grünen-Politiker Michael Kellner, mache den Eindruck, „sie wehrt sich mit Händen und Füßen gegen diese Erkenntnis der Wissenschaft.“









