Ein Datenkabel durch das Mittelmeer soll Westeuropa über Griechenland und Zypern mit Saudi-Arabien verbinden. In einer zweiten Phase ist eine Verlängerung der superschnellen Datenverbindung nach Indien geplant. Doch die Türkei legt sich quer. Das Kabel soll durch ein Seegebiet führen, das die Türkei als Ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) allein für sich beansprucht. Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan will die Verlegung des Kabels offenbar notfalls mit militärischen Mitteln verhindern. Vor wenigen Wochen ließ er eine Fregatte in dem umstrittenen Seegebiet auffahren.
An der Projektgesellschaft East to Med Data Corridor (EMC) sind Saudi Telecom mit 72 Prozent, der griechische Versorger PPC mit 20 Prozent sowie die in Griechenland ansässige Telecommunication Telephony Satellite Applications (TTSA) mit drei Prozent beteiligt. Die Projektentwickler sehen die Leitung als Beitrag zur IMEC-Initiative, des Wirtschaftskorridors Indien-Nahost-Europa, der 2023 auf dem G20-Gipfel in New Delhi beschlossen wurde. Die USA unterstützen IMEC als Konkurrenzprojekt zu Chinas Neuer Seidenstraße. Die Türkei blieb dabei allerdings außen vor, was Präsident Erdogan verärgerte. Auch das erklärt seinen Widerstand gegen das Kabel.
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Das EMC-Datenkabel-Projekt geht zurück bis ins Jahr 2021. Damals präsentierte der griechische Premier Kyriakos Mitsotakis bei einem Besuch in Riad dem saudischen Thronprinzen Mohammed bin Salman das Konzept. Im Juli 2022 wurde in Athen das Shareholder-Agreement der Projektgesellschaft unterzeichnet. Die Kosten für die Verlegung des ersten Abschnitts der Datenleitung von Marseille über Griechenland und Zypern nach Saudi-Arabien werden auf rund 850 Millionen Dollar (730 Millionen Euro) veranschlagt. Die Finanzierung des Vorhabens gilt als gesichert. Die Bauzeit soll 40 Monate betragen.
Türkei und Griechenland: Ein alter Konflikt flammt neu auf
Aber die Arbeiten stocken. Als Anfang August die Besatzung des Forschungsschiffs „Fugro Gauss“ vor Zypern Untersuchungen für die Kabeltrasse durchführen wollte, kreuzte eine Fregatte der türkischen Kriegsmarine auf. Sie forderte die „Fugro Gauss“ auf, das Seegebiet unverzüglich zu verlassen, da sie sich über dem türkischen Festlandssockel bewege. Der Kapitän des Forschungsschiffes, das von dem Unternehmen Fugro Marine GmbH aus Deutschland betrieben wird, drehte daraufhin ab. Griechische Medien berichteten unter Berufung auf Kreise des Verteidigungsministeriums in Ankara, die Türkei habe ihre Luft- und Seestreitkräfte in der Region verstärkt und beobachte die Bewegungen des Forschungsschiffs genau. Wenn sie erneut versuchen sollte, den türkischen Festlandssockel zu verletzen, werde man „vor Ort die notwendigen Maßnahmen ergreifen“, so die Quelle des türkischen Verteidigungsministeriums.

Damit flammt ein alter Konflikt neu auf. Die Türkei erhebt im östlichen Mittelmeer Ansprüche auf Seegebiete, die nach den Regeln der UNO-Seerechtskonvention (UNCLOS) Griechenland und Zypern als Wirtschaftszonen zustehen. Die Türkei erkennt die UNO-Konvention nicht an. Das führte bereits im Sommer 2020 zu einer gefährlichen Konfrontation. Die Türkei versuchte damals mit Kriegsschiffen, griechische Erdgasexplorationen im östlichen Mittelmeer zu verhindern. Beide Länder mobilisierten ihre Flotten. Griechische und türkische Kriegsschiffe lagen einander gefechtsbereit gegenüber. Unter Vermittlung der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel gelang es, die Krise zu entschärfen.
Nicht das erste Projekt, das die Türkei zu verhindern versucht
Dass die Türkei im Mittelmeer nur ihre eigenen Regeln anerkennt, zeigte sich bereits 2019. Damals schloss Ankara ein umstrittenes Abkommen mit der Übergangsregierung Libyens. Damit beanspruchen beide Länder einen etwa 200 Kilometer breiten Korridor, der von der libyschen zur türkischen Küste führt, als eigene Wirtschaftszonen – ungeachtet der dort gelegenen griechischen Inseln Kreta, Kasos, Karpathos und Rhodos. Griechenland betrachtet das türkisch-libysche Abkommen als „null und nichtig“. Auch die Europäische Union hält es für ungültig, weil es die Souveränitätsrechte dritter Staaten verletze.
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Das EMC-Datenkabel ist nicht das erste Projekt, das die Türkei zu verhindern versucht. Unter Berufung auf das Abkommen mit Libyen blockiert sie auch die Verlegung eines geplanten Stromkabels, das von Griechenland über Zypern nach Israel führen soll. Mit dem sogenannten Great Sea Connector (GSI) bekämen Zypern und Israel Anschluss ans europäische Stromnetz. Die EU fördert das Vorhaben mit Zuschüssen von 657,7 Millionen Euro. Ankara setzt auf militärische Drohgebärden. Als im Juli 2024 das italienische Forschungsschiff „Ievoli Relume“ südlich der Insel Kasos Vermessungsarbeiten für die Verlegung des Stromkabels durchführen wollte, kreuzte die türkische Kriegsmarine mit zwei Fregatten, einer Korvette und zwei Flugkörperschnellbooten auf. Anfang Februar 2025 kam es bei Kreta zu einer ähnlichen Konfrontation.
Für Griechenland geht es um mehr als die Verlegung der Strom- und Datenkabel. Die Türkei und Libyen beanspruchen auch Seegebiete südlich von Kreta, für die Griechenland mit dem US-Konzern Chevron über Konzessionen für Erdgasexplorationen verhandelt. Damit bekommt der Streit eine transatlantische Dimension. Das Thema kam nach Informationen aus Athener Regierungskreisen kürzlich in einem Telefonat des griechischen Premiers Kyriakos Mitsotakis mit US-Außenminister Marco Rubio zur Sprache. Das GSI-Projekt liegt seit Monaten auf Eis, doch nun sollen die Vermessungsarbeiten zur Verlegung des Stromkabels wahrscheinlich im September wieder aufgenommen werden. Dann könnte sich der Konflikt mit der Türkei neu zuspitzen.




