Neulich habe ich einen Satz fallen lassen, von dem ich wusste, dass meine Zuhörer ihn als Ungeheuerlichkeit auffassen mussten. Er lautete: „Friedrich Merz gefällt mir immer besser.“ Und um die Wirkung noch zu steigern, schob ich ein scheinbar unschuldiges „Ehrlich-Gesagt“ hinterher. Sofort entlud sich eine erste Welle der Empörung; den Gegenreden waren zentrale Wortfetzen wie „Schuldenlüge“, „Klima-Versagen“ und „Brosius-Gersdorf-Desaster“ zu entnehmen. Ein wenig genoss ich die Aufregung. Doch ging es mir, ehrlich gesagt, nicht in erster Linie um den Effekt. Ich bin wirklich der Meinung, dass der neue Bundeskanzler zumindest auf dem in diesen Tagen nicht ganz unwichtigen außenpolitischen Parkett eine erstaunlich gute Rolle spielt. Das gilt für seine vorsichtige Distanzierung gegenüber einer immer kriegswütigeren israelischen Regierung ebenso wie für den vergleichsweise souveränen Auftritt mit seinen europäischen Amtskollegen in Washington bei dem trollisch-tyrannischen Trump.
Im Anschluss an seinen Besuch im Weißen Haus stellte Merz fast schon in einem Nebensatz in Aussicht, dass deutsche Soldaten nach einem Friedensschluss zwischen Russland und der Ukraine eine aktive Rolle im Rahmen von Sicherheitsgarantien spielen könnten. Auch das ist meines Erachtens ein ebenso mutiger wie richtiger Ansatz, der beim größten Teil des deutschen Publikums allerdings auf massive Ablehnung stoßen dürfte. Man muss sich dazu nur einmal ansehen, wie sich die Leserinnen und Leser der WAZ in Form von Leserbriefen und Kommentaren auf unseren Facebook-Seiten äußern.
Die Ukraine „geht uns nichts an“
Deutschland möge sich „zurückhalten“ und sich stattdessen „weiterhin auf sein starkes Engagement bei der großen Anzahl von ukrainischen Flüchtlingen konzentrieren“, schreibt etwa Georg Jahn aus Velbert, veröffentlicht in der gedruckten WAZ und im E-Paper. Gewohnt weniger differenziert geht es derweil auf Facebook zu. Da heißt es dann, „die Politiker“ sollten „ihre eigenen Kinder“ in die Ukraine schicken, sollten erst einmal in Deutschland für Sicherheit sorgen; die Ukraine gehe „uns nichts an“. Fast 4000 Kommentare stehen unter einem entsprechenden Post auf der zentralen Facebook-Seite der Redaktion. Praktisch niemand ist für einen Bundeswehreinsatz Deutschlands in der Ukraine.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, dem wie kein anderer Politiker in Deutschland eine braunbärenstarke AfD im Nacken sitzt, hat sich diese populistische Sichtweise zu eigen gemacht und tritt damit als prominenter CDU-Politiker „seinem“ Bundeskanzler auf offener Bühne entgegen. Dabei gehörte Kretschmer immer zu jenen, die im Sahra-Wagenknecht-Sound ein Ende des Krieges gefordert hatten und eine „diplomatische Lösung“ – so als sei nicht der Kriegstreiber Putin das Problem, sondern der Westen, der sich nicht genug um Frieden bemühe. Und jetzt, da ein Bundeswehreinsatz ein Teil dieser Lösung sein könnte, soll das auch nicht richtig sein? Ob Kretschmer das bei einem Blick in den Spiegel nicht selbst ein bisschen verlogen findet? Oder zumindest inkonsequent?
Hohn und Demütigung als Ziele
Die Chancen, dass es überhaupt zu einer Lösung kommt (und damit auch zu Friedenstruppen mit deutscher Beteiligung), sind ja jetzt schon verschwindend gering und werden von Tag zu Tag kleiner. Putin lässt weiter ungeniert Bomben auf ukrainische Männer, Frauen und Kinder fallen und gefällt sich darin, die halbe Welt zu verhöhnen. Sein ebenso zynischer Außenminister, der sich zuletzt in einem Pullover mit UdSSR-Schriftzug zeigte, hat den Gedanken zurückgewiesen, dass Russland überhaupt jemals europäische Truppen in der Ukraine akzeptieren könnte. Das Regime in Moskau hat kein Interesse an einem Frieden. Das hatte es nie. Interessant fand es nur die Möglichkeit, Zeit zu gewinnen, die Idiotie des US-Präsidenten sichtbar zu machen und dafür zu sorgen, dass die Europäer ihre Hilflosigkeit auf maximal demütigende Weise spüren.

Roter Teppich, Händedruck, warme Worte, Applaus, eine Fahrt in der Präsidentenlimousine: Der Kriegsverbrecher konnte sein Glück kaum fassen. Ein Treffen mit dem US-Präsidenten und kein einziges Zugeständnis, nichts, gar nichts. Dazu die Angst in Brüssel und in den europäischen Hauptstädten, moralbefreiten Staatenlenkern ausgesetzt zu sein, für die nur das Recht des Stärkeren gilt. „Frieden durch Stärke“ ist ja das, was Trump nach eigenem Wunsch zum Friedensnobelpreis führen soll – jenen Trump, der im Tyrannen Putin einen netten Kumpel sieht, der irgendwie aus dem gleichen Holz geschnitzt sein muss wie er selbst, aus dem er aber trotzdem nicht so richtig schlau wird. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Zwischen Putin und Trump gibt es offenbar, nun ja, ein Schlauheitsgefälle. Naturgemäß durchblickt Trump das nicht, und es gibt auch niemanden, der ihm das ungestraft sagen könnte.
Originalton Donald Trumps
Die „FAZ“ hat sich vor einiger Zeit mal den zweifelhaften Spaß erlaubt, Trump-Aussagen während einer Pressekonferenz im Weißen Haus unkommentiert und im Wortlaut zu dokumentieren. Lust auf ein paar Auszüge?
Es ist immer gut, sich mit anderen Ländern gut zu verstehen, wenn möglich, aber das bedeutet nicht, dass man sich unterwirft wie Biden. Biden trat an und genehmigte sofort die Pipeline (gemeint ist Nord-Stream 2). Ich konnte es nicht glauben. Und dann sagen sie: „Trump war nicht hart gegenüber Russland.“ Ich soll nicht hart gewesen sein? Ich war der Härteste! Putin sagte, wenn Sie nicht hart sind, würde ich Sie zur Hölle nicht treffen wollen – ich habe das größte Wirtschaftsprojekt, das Russland jemals gebaut hat, gestoppt. Ich habe es gestoppt. Es war tot. Und dann kam dieser Niedrig-IQ-Präsident (gemeint ist Biden) und ließ sie die Pipeline bauen und ganz Europa mit Öl und Gas beliefern. (. . .) Präsident Putin hat mich eingeladen, mich einzubringen. Er will sich einbringen. Ich glaube, er will das hinter sich bringen. Aber, das habe ich ja schon ein paar Mal gesagt, ich bin enttäuscht worden: Da hatte ich dann ein tolles Telefonat mit ihm, und danach wurden Raketen auf Kiew oder irgendeinen anderen Ort abgefeuert, und 60 Menschen lagen auf der Straße und starben. Ich sagte: Das ist kalt, das ist kalt!
„Shakespeare der Scheiße“
Im Internet kursiert eine vorwitzige Beschreibung, warum die Briten Trump nicht mögen. Der Autor, angeblich ein Nate White, lässt sich nicht endgültig verifizieren. Dennoch möchte ich hier ein paar Auszüge zitieren, die den Trump-O-Ton oben ganz gut einordnen, wie ich finde:
Trump fehlt es an bestimmten Eigenschaften, die die Briten traditionell zu schätzen wissen. Er hat zum Beispiel keine Klasse, keinen Charme, keine Coolness, keine Glaubwürdigkeit, kein Mitgefühl, keinen Witz, keine Wärme, keine Weisheit, kein Feingefühl, keine Sensibilität, kein Selbstbewusstsein, keine Bescheidenheit, keine Ehre und keine Anmut. (. . .) Außerdem lachen wir gerne. Und obwohl Trump lächerlich sein mag, hat er noch nie etwas Scharfsinniges, Witziges oder auch nur ein bisschen Amüsantes gesagt – kein einziges Mal. (. . .) Seine Vorstellung von einem Witz ist eine krasse Bemerkung, eine ungebildete Beleidigung, ein beiläufiger Akt der Grausamkeit. (. . .) Sein Verstand ist ein simpler, bot-ähnlicher Algorithmus aus kleinlichen Vorurteilen und unüberlegten Boshaftigkeiten. Es gibt nie eine unterschwellige Ironie, Komplexität, Nuance oder Tiefe. Es ist alles oberflächlich. (. . .) Schließlich ist es unmöglich, (. . .) einen oder zwei Sätze von ihm zu hören, ohne tief in den Abgrund zu starren. Er macht aus der Kunstlosigkeit eine Kunstform; er ist ein Picasso der Kleinlichkeit; ein Shakespeare der Scheiße. Seine Fehler sind fraktal: auch seine Schwächen haben Fehler, und so weiter und so fort.
Zitat Ende.
Des Kanzlers Eiertanz
Wie mit diesem Donald Trump umgehen? Putin hat für sich eine Antwort gefunden. Für einen Friedrich Merz ist das deutlich komplexer. Er muss mit seinen europäischen Kollegen die Balance finden, den Bruch mit Amerika zu vermeiden, Trump möglichst weit auf die Seite der Ukraine zu ziehen und ihn bestmöglich einzubinden. Das gelingt, zumindest vorläufig, über viel Ehrerbietung bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus, aber auch über die eine oder andere gradlinige Ansage.

Und ja, da lassen sich Bilder wohl nicht vermeiden, wie Trump die europäischen Regierungschefs im Oval Office vor seinem Schreibtisch sitzen lässt, als seien sie dumme Schuljungen. Auf der anderen Seite ist auch der weltweit beachtete Moment des Kanzlers in Erinnerung, als er Trump widerspricht und die Forderung nach einer sofortigen Waffenruhe erneuert. Es ist auch maßgeblich Merz zu verdanken, dass die Europäer inklusive der Briten Seite an Seite auftreten konnten, um Trump bestmöglich einzufangen und größere Dummheiten zu vermeiden. Am Ende war zwar nichts gewonnen, aber eben auch nicht alles verloren.
Wer hat die größten ...?
Europa muss nun lernen, dass wirtschaftliche Stärke alleine wenig zählt, wenn (potenzielle) Aggressoren alleine auf Waffenarsenale und Armeegrößen blicken. Wer sich wieder mehr Respekt verschaffen, wer mitreden und sich nicht den Launen von Mächtigen aussetzen will, die nicht den Geist der Aufklärung atmen, sondern der simplen Logik von Schlägertrupps folgen, der muss aufrüsten. Und Deutschland sollte hier als größtes Land der EU vorangehen, auch und gerade in militärischer Hinsicht. Historische Gründe sprechen nicht dagegen, sondern dafür: Gerade, weil es die deutsche Wehrmacht war, die Osteuropa in Schutt und Asche gelegt hat, könnte es jetzt die vornehme Aufgabe der Bundeswehr sein, einen Beitrag für einen Frieden in Freiheit zu leisten. Friedrich Merz hat das genau vor Augen.
Auf bald.
PS: In einer Zeit, da die Weltpolitik über das Schicksal ihres Landes verhandelt, begehen die Ukrainer und Ukrainerinnen in Essen an diesem Sonntag, 24. August, ihren Unabhängigkeitstag mit einer Feier auf dem Kennedyplatz in der Innenstadt.
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