Wenn Sie meine Schwiegermutter fragen würden, ob ich denn ein guter Schwiegersohn sei, würde sie das sicher aus ganzem Herzen bejahen, ohne bösen Hintergedanken. Zu einem „Schwiegersohn-Image“ gehört ja immer auch das Biedere, Spießige, Langweilige. Gerade die ältere Generation verbindet mit dem guten Schwiegersohn allerdings eher Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Seriosität. Einem solchen Schwiegersohn kann man seine Tochter und Enkel anvertrauen.
Wüst, der ideale Schwiegersohn
Überträgt man das nun in die Welt der Politik und betrachtet etwa den NRW-Ministerpräsidenten, dann würde man in Hendrik Wüst wohl auch den Idealtyp eines Schwiegersohns sehen. Diesem Mann kann man, wenn er in seinem stets sehr ordentlichen Anzug sehr freundlich lächelnd vor uns steht, das Land und unsere Zukunft anvertrauen – und nein, ich meine das nicht ironisch. Wie ernst es mir ist, erkennen Sie schnell daran, wenn ich nun Friedrich Merz erwähne. Denn die entscheidende Frage ist ja: Wie vertrauenswürdig ist eigentlich unser vermutlich nächster Bundeskanzler?
„Nicht freuen und ruhen lassen kann uns das schwindende Vertrauen in Politik.“ So formulierte es unsere neue Bundestagspräsidentin Julia Klöckner in ihrer Antrittsrede. Sie dürfte dabei kaum Friedrich Merz gemeint haben und seine wundersame Wandlung in Sachen Schuldenbremse und Sondervermögen, sitzt Klöckner doch nur deshalb auf dem Stuhl mit der langen Rückenlehne, weil Merz es so will. Angesprochen fühlen konnte er sich aber dennoch. Als Oppositionsführer waren neue Schulden noch des Teufels. Und nun wollen er und seine zu schmiedende Koalition eine Billion Euro ausgeben, das sind tausend Milliarden oder eine Million Millionen. Auf Pump.
Friedrich Merz, der Schuldenkanzler. Friedrich Merz, der Lügenkanzler?
Die Leute nicht für blöd verkaufen
Ausgerechnet Wüst, der für viele bis heute der bessere Kanzlerkandidat gewesen wäre, sagte vor einigen Tagen in der ARD, man sollte „den Leuten kein X für ein U vormachen“, schließlich seien die Menschen „ja nicht blöd“. Während Merz bis heute einigermaßen frech darauf beharrt, dass er seine Position nach der Wahl nicht grundlegend verändert habe, sagte Wüst in seinem besten Schwiegersohn-Sound: „Wenn viele Leute das Gefühl haben, dass durch diese Beschlüsse zu Schuldenbremse und Sondervermögen eine andere Positionierung vorgenommen worden ist“, dann sei das „schlicht die Wahrheit“. Man solle „doch keinen Scheiß erzählen“, würden wir im Ruhrgebiet wohl sagen. Was für eine bittere Lehrstunde für Merz, dem ganz nebenbei noch klarer geworden sein dürfte, dass „der in Düsseldorf“ mit seiner schwarz-grünen Koalition als Gegenmodell keine Ruhe geben wird und ein Machtzentrum bleibt in der Partei der Christdemokraten.

Man muss Christian Lindner, dem Ex-Finanzminister und Ex-FDP-Chef, keine Träne nachweinen im Hinblick auf das (vorläufige) Ende seiner politischen Karriere. Aber als er sich neulich im Bundestag direkt an Merz wandte („Sie hier in der ersten Reihe!“) und ihn fragte: „Wer sind Sie? Und was haben Sie mit Friedrich Merz gemacht?“, da konnte man nur anerkennend sagen: Treffer, versenkt! Authentizität geht anders, auch wenn die Weltpolitik eine nie gekannte Disruptivität an den Tag legt, die Neubewertungen und Kehrtwenden erfordert. Aber der entscheidende Punkt ist ja: Vieles von dem, was Merz uns jetzt als neue Erkenntnis verkaufen will, sind alte Hüte. Kaputte Brücken, kaputte Schulen, kaputte Straßen, kaputte Bahn; Kupfer statt Glasfaser, analog statt digital – das soll jetzt, huch, total überraschend sein?! Erzähl doch keinen Scheiß, Fritze!
Nein, das sind nicht trumpsche Dimensionen, über die wir hier sprechen. Es geht nicht um „Bullshitting“, also darum, das Wahrheitsgebot systematisch auszuhebeln auf dem Weg zur Autokratie. Aber was sollen wir davon halten, wenn im Wahlkampf gefühlt alle Dämme brechen, die CDU in der SPD-geführten Ampel „die schlechteste Bundesregierung aller Zeiten“ sieht und die SPD der CDU vorwirft, sie habe „das Tor zu Hölle“ aufgestoßen bei der gemeinsamen Abstimmung der Unionsfraktion mit der AfD im Bundestag? Und dann, es ist der Wahlabend, 18 Uhr, wird der Blutkreislauf führender Sozial- und Christdemokraten plötzlich mit Schmuse-Hormonen geflutet? Von einer Minute auf die andere wechseln sie nicht nur die Inhalte, sondern auch den Ton, die Sessel der Macht fest im Blick, auf denen man sich kuschelnd niederlassen will? Streit als Aphrodisiakum?
Lieber Friedrich! Lieber Lars!
Man glaubt es kaum: Aus erbitterten Gegnern werden Freude, Duz-Freunde sogar. „Lieber Friedrich“, sagt der Lars, und „lieber Lars“ der Friedrich. Hinzu kommt: Der Lars, SPD-Chef Klingbeil, sieht plötzlich auch ganz anders aus als früher, irgendwie staatsmännischer, krawattiger. Wieso geriert er sich, der sozusagen das männliche Gegenstück zu Saskia Esken ist, plötzlich wie ein Sieger? Wieso hat die bei Genossen und Nicht-Genossen schon immer unbeliebte Esken den Karren SPD in den Dreck gefahren, der liebe Lars aber nicht?

Was ist wahr, was inszeniert, was Realität, was Theater? Ohne Authentizität keine Glaubwürdigkeit, ohne Glaubwürdigkeit kein Vertrauen, und ohne Vertrauen – ja, was passiert eigentlich, wenn das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Politik weiter schwindet, wenn das ZDF-Politbarometer zeigt, dass drei von vier Deutschen Friedrich Merz Wählertäuschung vorhalten?
AfD kurz vor dem Durchbruch
CDU und CSU haben noch keinen Tag an der Spitze einer neuen Koalition regiert, und schon werden sie vom potenziellen Wähler abgestraft, verlieren in den Umfragen, während die Anti-Demokraten von der AfD weiter hinzugewinnen. Es fehlt nicht mehr viel, dann ist die AfD stärkste politische Kraft in Deutschland. Hätte mir vor fünf Jahren jemand gesagt, dass es dazu so schnell kommen könnte, hätte ich gesagt: Erzähl doch keinen Scheiß!
„Das Fundament einer Demokratie ist nicht Vertrauen“, hat meine Kollegin Gilda Sahebi von der „taz“ gerade in einer Kolumne geschrieben. Viel mehr gehe es um „wertschätzendes Misstrauen“, um „resiliente, feste demokratische Strukturen“, die Macht „kontrollieren und kritisieren“. „Kontrolle ist besser“, hat sie ihre Kolumne betitelt. Ich würde hinzufügen: Aber Vertrauen ist sprichwörtlich eben auch gut.
Man braucht beides in einer funktionierenden Demokratie: Vertrauen und Kontrolle, Kontrolle und Vertrauen. Vertrauen ist der Kitt jeder zwischenmenschlichen Beziehung. Ohne Vertrauen gibt es keine gesellschaftlichen Strukturen, keine Bindung, keinen Zusammenhalt zwischen Regierung und Volk. Vertrauen ist eine Wette auf die Zukunft, die die Gegenwart erträglich, ja, erst möglich macht. Eine „riskante Vorleistung“ nannte es der Soziologe Niklas Luhmann, denn Vertrauen kann enttäuscht werden.
Merz muss mehr Wüst wagen
Es ist eine Binse, dass es sehr leicht ist, Vertrauen zu zerstören, und sehr schwer, es aufzubauen. Noch-Kanzler Olaf Scholz hat im Bundestag die Vertrauensfrage gestellt und verloren. Nun sollten wir dem Noch-Nicht-Kanzler Merz, trotz allem, ein Mindestmaß an Vertrauen als „riskante Vorleistung“ entgegenbringen. Dazu sollte Merz mehr Hendrik Wüst wagen. Es geht nicht anders: Wenn wir, Bundesregierung und Bundesbürger, jetzt nicht zusammenhalten, werden wir die enormen Herausforderungen kaum unbeschadet überstehen.
Auf bald.
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