Zusammenfassung
- Ford in Köln steht vor einem massiven Stellenabbau, und die Konzzernzentrale klappt den finanziellen Rettungsschirm zu.
- Die teuren Elektroautos von Ford, wie der Explorer und Capri, finden kaum Abnehmer, während andere Hersteller schon jetzt oder bald günstigere Modelle anbieten.
- Die deutsche Autoindustrie kämpft mit hohen Energie- und Arbeitskosten, dem Wegfall der E-Auto-Kaufprämie sowie einem schleppenden Ausbau der Ladeinfrastruktur, was den Erfolg der Elektromobilität gefährdet.
Die Lage beim angeschlagenen Autobauer Ford in Köln spitzt sich zu, weil die Konzernzentrale in den USA den finanziellen Schutzschirm für Köln zuklappt. Mitarbeiter standen am Dienstagabend mit Fackeln vor dem Werkszaun. An eine Halle wurde der Schriftzug „Fuck you - wir bleiben“ projiziert. Am Mittwoch lief eine Betriebsversammlung. Ist Ford noch zu retten? Angesichts der vielen konzerninternen und politischen Fehler sind Zweifel angebracht, erklärten Experten im NRW-Landtag. Die wichtigsten Fragen und Antworten:
Ford in der Krise: Wie schlimm ist die Lage?
Bei Ford ist in Deutschland bis 2027 mit einem Abbau von 2900 Arbeitsplätzen zu rechnen, fast ausschließlich in Köln. Dort beschäftigt das Unternehmen rund 12.000 Menschen. In Großbritannien sollen 800 Stellen wegfallen, in anderen EU-Ländern 300. Das Ziel: Kostensenkung und mehr Wettbewerbsfähigkeit.
Ford in der Krise: Warum protestieren die Beschäftigten?
Die Ford-Konzernleitung will nicht mehr für Schulden des Kölner Standortes bürgen, aktuell soll es hier Verbindlichkeiten in Höhe von sechs Milliarden Euro geben. Bisher glich die Zentrale die Verluste in Köln aus, das ist der Ford Motor Company aber auf Dauer zu teuer. Eine mögliche Folge ist die Insolvenz, nicht unmittelbar, aber in den kommenden Jahren. Ford hat zwar eine einmalige Finanzspritze in Höhe von 4,4 Milliarden Euro angekündigt. Die gebe dem Werk aber keine echte Perspektive, vermutet die IG Metall. Es drohe ein „Sterben auf Raten“.
Der mögliche Wegfall eines Viertels der Ford-Beschäftigten in Köln könne zudem zu einer „Überlastung der verbleibenden Mitarbeiter führen“, warnt Felix Syrovatka vom Institut für Arbeit und Wirtschaft an der Uni Bremen gegenüber dem Arbeitsausschuss des Landtags.
SPD-Kritik: „Ford hat die E-Mobilität verschlafen“
Die Expertenanhörung im Landtag ging auf einen Antrag der SPD-Fraktion zurück. Darin wird ein schneller Ausbau der Ladesäulen für E-Autos in NRW und mehr Mitbestimmung für die Beschäftigten in der Industrie gefordert. Speziell zu Ford heißt es: „Fehlsteuerungen des Ford-Managements im Gesamtkonzern hinsichtlich des mangelnden Angebots preiswerter Automodelle und eines Verschlafens der E-Mobilität maßgeblich verantwortlich für die wirtschaftliche Schieflage des Unternehmens und für mögliche Standortkonsequenzen in Nordrhein-Westfalen ist.“
Welche Fehler hat Ford selbst gemacht?
Ford sieht sich mit dem Vorwurf konfrontiert, Modelle anzubieten, die Kundinnen und Kunden nicht wollen. Früher stand die Marke für solide und bezahlbare Modelle wie „Fiesta“ und „Focus“. Die Elektroautos „Explorer“ und „Capri“, die heute in Köln für Europa gebaut werden, sind mit etwa 40.000 Euro sehr teuer. Französische und chinesische Hersteller bieten schon E-Autos für etwa 25.000 Euro an, VW will im kommenden Jahr mit einem günstigen Modell nachziehen.

Prof. Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung schreibt in seiner Stellungnahme für den Landtag: „Die viel zu teuren Autos finden keine Abnehmer. Die Auslastung von Ford Köln liegt derzeit bei rund 30 Prozent. Wie schnell der amerikanische Mutterkonzern Werke schließt, zeigt das Beispiel Saarlouis im Herbst vergangenen Jahres. Es liegt daher nahe, dass sich auch Niehl nicht lange halten wird, wenn nicht endlich Autos in einer Preisklasse zwischen 20.000 und 25.000 angeboten werden.“
Gerade am Design des Capris scheiden sich zudem die Geister. Der ikonische Vorfahre aus den 1970-ern und 1980-ern war ein sportlich aussehendes Auto. Der aktuell Ford- Capri ist ein eher langweiliges „SUV Coupé“. Das Erbe des schnittigen Ur-Capris kann es trotz des vielversprechenden Namens kaum antreten.
Ford als Hersteller von „Brot und Butter-Autos“
Prof. Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung schreibt an den NRW-Landtag:
„Ford ist nicht irgendeine Autofirma: Ford ist DER Autobauer. Mit der Einführung des Fließbands und der Idee, durch hohe Stückzahlen bei Verzicht auf Varianten Autos zu Preisen herzustellen, die durch einen hohen Stundenlohn praktisch für alle leistbar waren, hat Henry Ford die Kernelemente des westlichen Wohlstands etabliert. Nicht umsonst wurde dafür der Begriff des „Fordismus“ geprägt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Ford ein glühender Antisemit war, große Sympathien für Hitler hegte und ihn mehrfach traf. Es ist daher kein Zufall, dass eines der größten Werke der Ford AG zur damaligen Zeit ausgerechnet in Deutschland eröffnet wurde. Nur durch Konrad Adenauers Schlitzohrigkeit konnte der damalige Oberbürgermeister von Köln die bereits getroffene Entscheidung für Berlin als Standort infrage stellen und schließlich 1925 Niehl als neuen Produktionsort durchsetzen. 2
Ford Köln und auch Opel (im Eigentum von General Motors) gehörten von Beginn an zu den führenden Herstellern von „Brot und Butter“-Autos in Deutschland, also Fahrzeugen, die sich Haushalte mit durchschnittlichem Jahreseinkommen ab den 1960er Jahren leisten konnten. Der M12 und der M15, später der Escort oder der Fiesta, stehen exemplarisch für diese Produktlinie. Leider hat es Ford Köln im Verbund mit Ford Europa verpasst, diese Linie fortzusetzen und beim Übergang zu elektrischen Fahrzeugen zu punkten.“
Ein großer Fehler, zumindest nach Einschätzung der IG Metall, ist, dass die Meinung der Ford-Beschäftigten bei der Krisenbewältigung nicht zähle. Mitbestimmung werde, obwohl vom Betriebsverfassungsgesetz vorgeschrieben, bei Fragen zur Betriebsänderung nicht gewünscht. „Nicht nur bei den Ford Werken haben Betriebsräte im letzten Jahr erlebt, dass die Verpflichtung von Unternehmen, Betriebsräte schon in der Planungsphase anzuhören, nicht ernst genommen wird“, kritisiert Kerstin Klein von der IG Metall Köln-Leverkusen.

Welcher Teil der Krise ist nicht von Ford verursacht?
Die ganze deutsche Autoindustrie befindet sich mitten in einem schmerzhaften Umbau vom Verbrenner zur E-Mobilität, angetrieben von den strengen Klima- und Umweltschutzvorgaben der EU. Der Verband der Autoindustrie (VDA) sieht sich von der Politik im Stich gelassen: „,Mit dem Wegfall der Kaufprämie, dem schleppenden Ausbau der Ladeinfrastruktur und einem unzureichenden politischen Bekenntnis zur Automobilindustrie ging ein Vertrauensverlust in die Elektromobilität einher“, schreibt der VDA. Wirtschaftsvertreter bemängeln zudem hohe Energie- und Arbeitskosten sowie eine ausufernde Bürokratie.
Lesen Sie hier: Wie NRW die Elektromobilität verschläft
Die Unsicherheit auf den Weltmärkten verschärft die Lage. Mittlerweile würden 78 Prozent der in Deutschland produzierten E-Autos ins Ausland exportiert, so der VDA. Aber in China, den USA und andernorts herrsche ein Trend zum Protektionismus, also eine Haltung gegen Autoimporte. „Fahrzeugproduktion und -absatz haben sich nachhaltig in den ostasiatischen Raum und nach Indien verschoben“, erklärt der Lobbyverband „Automotiveland NRW“. China sei aber schon längst keine „verlängerte Werkbank deutscher Konzerne“ mehr, sondern flute den Markt mit eigenen, günstigen und fortschrittlichen Produkten.
Gibt es einen Ausweg aus der Ford-Krise?
Der Autoindustrie-Verband VDA sagt: „Der Erfolg der E-Mobilität steht und fällt wesentlich mit dem Ausbau der Ladeinfrastruktur.“ Der Verband „Automotiveland NRW“ erklärt in seiner Stellungnahme, es sollten – neben dem massiven Ausbau von öffentlichen und privaten Ladesäulen – wieder Kaufprämien für den Erwerb von Elektrofahrzeugen eingeführt werden. Widersprüchliche Aussagen aus der Politik zu einem Verbrenner-Verbot werden von der Industrie als schädlich angesehen, weil sie Kundinnen und Kunden verwirrten.

Der angeschlagene Hersteller Ford müsste in Köln Autos produzieren, die von den Verbrauchern akzeptiert werden. Das funktioniert über den Preis, das Design und technische Finessen. Durch den Ausbau der Zusammenarbeit mit anderen Herstellern könnten Kosten eingespart werden.
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