Nato-Generalsekretär Mark Rutte hat geschafft, was kaum noch einer für möglich hielt: Beim Weltwirtschaftsforum in Davos hat Rutte US-Präsident Donald Trump dazu bringen können, in der Grönland-Krise einzulenken. Die Drohung mit Strafzöllen für Grönland-Unterstützer wie Deutschland ist vom Tisch, stattdessen sind jetzt Eckpunkte eines Abkommens besprochen, das Trump prompt als großen Erfolg feiert. Rutte preist dafür Trumps Rolle in der Nato in schrillen Tönen, die sich sonst niemand traut: „Ich glaube, wir können glücklich sein, dass Trump da ist“, sagte der Niederländer in Davos.
Der Nato-Chef hat einen Sinn für die realen Machtverhältnisse: Er weiß, dass die USA der alles entscheidende Machtfaktor der Allianz sind, ohne sie wäre die Nato am Ende. So bemüht sich Rutte seit seinem Amtsantritt im Oktober 2024, den Erwartungen der US-Regierung so weit wie möglich entgegen zu kommen - und zeigt sich gegenüber dem erratischen Trump geradezu unterwürfig, was dem Präsidenten sichtlich gefällt, bei europäischen Regierungschefs aber immer wieder für Irritationen sorgt.
So sprach Rutte den US-Präsidenten beim Nato-Gipfel in Den Haag öffentlich respektvoll als „Daddy“ an. Zuvor schickte Rutte einen Dankesgruss per SMS an Trump: „Du hast uns zu einem wirklich, wirklich wichtigen Moment für Amerika, Europa und die Welt geführt“, lobte Rutte. „Du wirst etwas erreichen, was kein amerikanischer Präsident seit Jahrzehnten geschafft hat.“
Rutte an Trump: „Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen“
Trump machte den privaten Jubel-Tweet öffentlich, ebenso wie Ruttes jüngste Schmeichelei im Vorfeld des Treffens in Davos: „Was du in Syrien geschafft hast, ist unglaublich.“ Er werde in Davos Trumps Arbeit auch in Gaza und in der Ukraine herausstellen, so Rutte. Und: „Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen.“
Schon kurz nach Amtsübernahme hatte der Generalsekretär eine klare Botschaft an die Allianz, ganz im Sinne Washingtons: Die Nato müsse mehr für ihre kollektive Verteidigung und die Abschreckung tun und dafür auch mehr Geld in die Hand nehmen. Rutte war es, der Trumps Forderung durchsetzte, jeder Nato-Staat müsse künftig fünf Prozent seiner Wirtschaftskraft für Verteidigung ausgeben. Wobei der Generalsekretär einen kleinen Rechentrick anwendete, der das Ziel für die Nato-Staaten halbwegs verträglich macht Das Bündnis brauche mehr Kräfte, mehr Investitionen und schnellere Innovationen, die Mitgliedstaaten müssten ihren „fairen Anteil“ tragen. „Um mehr zu tun, müssen wir mehr ausgeben“, forderte Rutte.
Der Nato-Chef sollte nach dem Wunsch der 32 Mitgliedstaaten keine große Kursänderung einleiten, die Erwartungen sind dennoch hoch: Rutte muss dem russischen Präsidenten die Stirn bieten – und er muss zugleich Donald Trump bei Laune halten, damit das Bündnis nicht auseinanderbricht.
Rutte war schon länger ein „Trump-Flüsterer“
Rutte gilt dafür als Idealbesetzung. Er hat den Ruf eines „Trump-Flüsterers“. Denn was ihn im Bündnis praktisch alternativlos machte, ist sein ungewöhnlich gutes Verhältnis zu Trump, dessen Präsidentschaft das große Angst-Thema auch im Nato-Hauptquartier ist: Trump spielt immer wieder mit der Drohung, die USA könnten die Nato verlassen – was das Ende der Allianz bedeuten würde. Wiederholt hat er auch die amerikanischen Schutzzusagen für die Verbündeten im Fall eines Angriffs infrage gestellt, was die Abschreckungsstrategie der Nato beschädigt.
Rutte hatte den US-Präsidenten schon während seiner ersten Amt im Weißen Haus gleich mehrmals besucht – ungewöhnlich für einen Premier aus einem kleineren EU-Land. 2019 meinte Trump über seinen Gast: „Wir sind Freunde geworden.“ Die Beziehungen zwischen Washington und Den Haag seien so gut wie noch nie. Bei der Münchner Sicherheitskonferenz mahnte Rutte: „Wir sollten aufhören, über Trump zu jammern und zu nörgeln. Wir müssen mit jedem zussammenarbeiten können.“ Rutte hatte aber auch einen exzellenten Draht zum früheren US-Präsidenten Joe Biden, der ihm als freundschaftliche Geste schon mal erlaubte, sich für ein Foto auf den Präsidentenstuhl am Schreibtisch im Oval Office zu setzen.
Nato-Chef fuhr bisher mit dem Rad ins Büro
Das Vertrauen der Amerikaner ist der Schlüssel für den Top-Posten, ohne Zustimmung aus Washington geht nichts. „Der Nato-Chef muss im Krisenfall aber auch noch mit jedem anderen Regierungschef selbst nach Mitternacht vertraulich telefonieren und Kompromisse schmieden können, selbst mit Erdogan oder Orban“, beschreibt ein Nato-Diplomat die Aufgabe. Denn die Hauptaufgabe des Generalsekretärs ist es, die 32 Mitgliedsländer mit ihren sehr unterschiedlichen Interessen auf Konsens-Kurs zu halten. Dieser politische Job geht in der Nato traditionell an einen Europäer, die militärische Führung hat stets ein US-General.
Auf die Aufgabe war Rutte gut vorbereitet: Der Rechtsliberale hat in den Niederlanden in 14 Jahren vier verschiedene Koalitionsregierungen geführt - er weiß also, wie man Kompromisse findet und Konsens herstellt. Das sind Fähigkeiten, die sehr wichtig seien in der Nato, hatte Ruttes Vorgänger Jens Stoltenberg bei der Amtsübergabe erklärt. Was er lieber nicht sagte: Sein Nachfolger hat sich in den Niederlanden den nur bedingt ehrenvollen Spitznamen „Teflon-Rutte“ erarbeitet: Alle Attacken ließ er geschickt abperlen.
Rutte gilt als geschmeidig, pragmatisch, charmant. Dazu führte er schon als Regierungschef ein für diesen Job ungewöhnliches Leben: Der studierte Historiker und Ex-Manager lebte als Junggeselle in einer gewöhnlichen Etagenwohnung in Den Haag, fuhr dort oft mit dem Fahrrad ins Büro. Das ist nun aber tabu: Der Nato-Chef arbeitet meist in der Hochsicherheits-Zone des ohnehin streng gesicherten Nato-Hauptquartiers, seine Dienstvilla befindet sich in einer hermetisch abgeriegelten Wohnanlage am Rande des Brüsseler Zentrums.

Rutte spielt seit seiner Kindheit leidenschaftlich gern Klavier, teure Hobbys sind nicht bekannt. Affären auch nicht: „Ich bin einfach noch nicht der Richtigen begegnet“, sagte er einmal im niederländischen Fernsehen.
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Wie Rutte mit Widerständen umgeht, hat er schon vor seiner Wahl demonstriert, als einige Nato-Staaten wie Rumänien, Ungarn und die Türkei Bedenken gegen seine Kandidatur erhoben. Rutte räumte sie mit díplomatischem Geschick aus dem Weg. Dem ungarischen Premier Viktor Orban sicherte er sogar schriftlich zu, dass er sein Land nicht zu einer Beteiligung an einem geplanten Nato-Einsatz zur Koordinierung von Waffenlieferungen für die Ukraine drängen werde. Die Regierung von Orban befürchtet, dass das Bündnis durch das Projekt in eine direkte Konfrontation mit Russland getrieben werden könnte.
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An Ruttes eigener klarer Haltung gegenüber Moskau besteht kein Zweifel. Der Abschuss des in Amsterdam gestarteten Passagierfluges MH17 über der Ostukraine 2014, bei dem 298 Passagiere ums Leben kamen, darunter 153 Niederländer, hat die niederländische Politik tief geprägt, auch Rutte persönlich. Seine Regierung macht Russland für den Abschuss verantwortlich, Rutte droht: „Wir werden die Russische Föderation für ihre Rolle in dieser Tragödie zur Rechenschaft ziehen.“



