Flucht

Unser Reporter: So war die Flucht aus dem Chaos von Kabul

| Lesedauer: 7 Minuten
Flucht aus Afghanistan

Flucht aus Afghanistan

Wie unser Reporter Jan Jessen und andere Deutsche von der Bundeswehr aus Kabul evakuiert wurden

Beschreibung anzeigen

Taschkent/Berlin  Unser Mitarbeiter Jan Jessen ist einer der 125 Menschen, die am Dienstag von der Bundeswehr aus Kabul nach Taschkent gebracht wurden.

  • Jan Jessen saß in Kabul fest und wurde mit einer Bundeswehr-Maschine aus der von den Taliban eingenommenen Stadt gerettet
  • Er berichtet von Panik und dramatischen Zuständen
  • "Jetzt gibt es bei vielen eine gewisse Erleichterung", sagt er

Unser Kollege Jan Jessen von der Neuen Ruhr Zeitung gehörte zu den 125 Menschen, die am Dienstag von der Bundeswehr aus Afghanistan nach Usbekistan ausgeflogen wurden. Wir haben ihn in Taschkent am Flughafen telefonisch erreicht, hier schildert er seine Eindrücke.

Als wir zum Flughafen fuhren, war Kabul fast leer. Der Verkehr ist hier normalerweise heftig, jetzt waren kaum Fahrzeuge unterwegs. Westliche Kleidung hatte niemand mehr an, die Männer waren alle traditionell angezogen. Frauen waren gar keine auf der Straße. Auch ein Großteil der Geschäfte war noch zu, aber ein paar Straßenhändler waren schon wieder da und die afghanische Polizei. Die waren am Sonntag für eine Weile verschwunden gewesen.

Und die Taliban waren natürlich da, massenhaft unterwegs in Pickups, in Polizeifahrzeugen, auf Motorrädern, sie standen an Straßenecken und Tankstellen, zum Teil mit amerikanischen Sturmgewehren. Sie waren überall, wirkten aber eher entspannt und desinteressiert.

Ausreise aus Kabul: „Chaotisch wurde es erst, als wir am Flughafen ankamen“

Ich bin unterwegs mit Claudia Peppmüller und Birgit Hellmuth vom Friedensdorf International. Die Organisation ist schon seit 1988 in Afghanistan aktiv und arbeitet gut mit der Hilfsorganisation Roter Halbmond zusammen, deswegen kamen wir in den letzten Tagen in deren Gebäude unter. Als klar war, dass es losgeht mit der Ausreise, haben wir uns in einem Auto des Roten Halbmonds auf den Weg zum Flughafen gemacht.

Wir hatten ein bisschen Angst, dass es an Taliban-Checkpoints zu Problemen kommen könnte, aber es war nichts. Chaotisch wurde es erst, als wir am Flughafen ankamen. 500, 600 Leute standen da vor dem Tor, alle völlig aufgeregt und in Panik. Dazu afghanische Sicherheitskräfte, amerikanische Soldaten und die Bundeswehr, die das Gelände gesichert haben. Sie haben versucht, die Menge mit Gewehrschüssen zu beruhigen, aber das war kaum möglich.

Registrierung am Kabuler Flughafen: Erst ein blaues, dann ein gelbes Armband

Wir haben es recht schnell in den Flughafen geschafft. Dort wurden unsere Kleidung und unser Gepäck durchsucht, wir wurden registriert. Man kriegt zuerst ein blaues Armband, nach der Registrierung dann ein gelbes. Nachdem wir das hinter uns hatten, ging es im Gänsemarsch weiter in Richtung Terminal.

Auch dort war die Stimmung noch sehr aufgeregt, und über dem Gebäude flogen die ganze Zeit Chinooks und andere Hubschrauber. Wir sind einer Familie mit kleinen Kindern begegnet, die waren in Tränen aufgelöst. Die Großmutter hat erzählt, dass sie die Taliban verprügelt hätten. Dann ist sie einer meiner Begleiterinnen um den Hals gefallen und hat nur noch geweint, bis sie zusammengebrochen ist. Wir hatten Angst, dass sie einen Herzinfarkt hatte, aber es kamen schnell Sanitäter und haben ihr geholfen, sie war dann wieder bei Bewusstsein. Das waren heftige Szenen.

Sandsturm verzögerte Abflug in Kabul

Dann zog plötzlich ein Sandsturm auf, die Maschine verspätete sich, wir hatten Sorge, dass sie gar nicht mehr kommt. Am Ende hat aber alles geklappt.

Mit uns saßen vor allem deutsche Staatsbürger im Flugzeug, ich saß neben einem Schweden und einem Bosnier, und es waren auch afghanische Ortskräfte an Bord. Insgesamt waren es fast 130 Leute. Vielen hat man eine tiefe Trauer angesehen. Erleichterung, ja, aber auch Trauer.

Kabul: Kurz vor der Abreise noch eine Schießerei vor der Unterkunft

Wir hatten in den letzten Tagen das Gebäude des Roten Halbmonds kaum noch verlassen. Deren Leute haben uns wunderbar betreut und bewirtet, das ist mir wichtig. Sie waren die ganze Zeit bei uns, haben uns aufgemuntert, wenn die Stimmung dunkler wurde. Wir haben versucht, das mit schwärzer werdendem Humor zu verdecken, aber diese zwei, drei Tage waren extrem angespannt. Man schläft nicht gut, wenn man immer damit rechnen muss, dass es an der Tür klopft und die Taliban davor stehen.

Einmal wurde es in dieser Zeit wirklich brisant: In der Nacht von Sonntag auf Montag gab es vor unserem Haus eine üble Schießerei und totale Panik. Ich werde in solchen Situationen erst nervös, wenn die Einheimischen nervös werden – und das waren sie auf einmal. Unser Koch kam plötzlich rein und schrie, „raus, raus“. Wir mussten alle ins Obergeschoss, Vorhänge zuziehen und das Zimmer verdunkeln.

Es ging das Gerücht, die Taliban und die Sicherheitskräfte im Gebäude neben uns würden sich eine Schießerei liefern, die Taliban würden das Gebäude durchsuchen. Das war ein Fehlalarm, tatsächlich hatten die Sicherheitskräfte dort irgendeinen Tresor mit Geld aufgemacht und sich um das Geld gestritten.

Als wir da in der Verdunkelung saßen, ging der Koch, der uns gewarnt hatte, in die Küche und fing an Essen zu machen, Hähnchen und Reis. Da saßen wir dann, bei Smartphone-Licht, auf der Plastikdecke auf dem Boden und haben gegessen. Das war bizarr.

„Dass es mit dem Vormarsch der Taliban so schnell gehen würde, war keinem klar“

Wir waren am vergangenen Dienstag hingeflogen. Dass es mit dem Vormarsch der Taliban so schnell gehen würde, war keinem klar. Wir waren am Samstag noch in Kabul selbst unterwegs, der Verkehr war wie immer heftig, die Geschäfte offen, die Restaurants offen, wir haben in einem schicken Einkaufszentrum Shakes getrunken. Die Leute haben gebowlt und Billard gespielt.

Jetzt gibt es bei vielen eine gewisse Erleichterung, dass es nicht zu Kampfhandlungen gekommen ist, bei denen Tausende gestorben wären. Aber es gibt vor allem auch Panik bei vielen, die sich für Menschenrechte, für Frauenrechte eingesetzt haben. Auch interessant: Afghanistan: Wie stellt sich die Welt zum Taliban-Staat?

Auch wenn ich froh bin, jetzt raus zu sein, bin ich tief traurig, weil viele gute Leute, die ich getroffen habe, jetzt Todesangst haben. Und man selbst haut halt ab. Aber vor Ort hätten wir nichts machen können. Trotzdem fühlt es sich nicht gut an.

Wir sind jetzt in Taschkent. Von hier aus geht es weiter nach Frankfurt.

Lesen Sie auch: Kabul-Luftbrücke: So gefährlich läuft die deutsche Evakuierung ab

Protokoll: Theresa Martus.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Politik

Leserkommentare (13) Kommentar schreiben