Interview

Madsen: „Es ist das Einfachste, uns Kacke zu finden“

Von vielen geliebt, aber auch von einigen gehasst: Johannes Madsen, Sebastian Madsen, Niko Maurer und Sascha Madsen (von links).

Von vielen geliebt, aber auch von einigen gehasst: Johannes Madsen, Sebastian Madsen, Niko Maurer und Sascha Madsen (von links).

Foto: Community Promotion

Essen.   Nach einem überaus erfolgreichen 2018 gehen die Indie-Rocker Madsen bald wieder auf Tour. Wir sprachen dazu mit Schlagzeuger Sascha.

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Hinter Madsen liegt das erfolgreichste Jahr der Karriere. Die aus den Brüdern Sebastian, Johannes und Sascha Madsen sowie Bassist Niko Maurer bestehende Rockband füllte in ganz Deutschland Hallen mit bis zu 5000 Zuschauern. Grund genug für die Indie-Hit-Lieferanten („Du schreibst Geschichte“, „Die Perfektion“), im März erneut auf Tour zu gehen. Zu diesem Anlass sprach Patrick Friedland mit Schlagzeuger Sascha (Foto rechts).

Herr Madsen, 2018 waren Sie so erfolgreich wie nie zuvor. Was haben Madsen zuletzt anders gemacht als früher?

Das Allerwichtigste: Wir haben den Stress rausgenommen und nichts gemacht, worauf wir keinen Bock haben. Dinge wie sich im Frühstücksradio zum Affen machen. Mit dem Album haben wir uns richtig viel Zeit gelassen, es über das ganze Jahr 2017 hinweg in Teilen aufgenommen und fertiggemacht, als wir wirklich Lust drauf hatten. Früher hieß es: „Wir haben 15 Stücke, die müssen wir sofort alle ganz schnell aufnehmen, damit wir sie auch schnell veröffentlichen können.“ Nun lief das alles anders – und bei den Erfahrungen, die wir zuvor machen mussten, kann ich nun sagen, dass uns das sehr gut getan hat. Dem Erfolg des Albums und der Tour hat das auch keinen Abbruch getan.

Was auffällt: Ihre echten Hits wie „Die Perfektion“, „Du schreibst Geschichte“ oder „Nachtbaden“, die jeder auf Festivals mitsingt, erschienen allesamt in den ersten Jahren. Doch erst heute spielen Madsen große Hallenkonzerte. Gibt es da eine Erklärung für?

Nee. Keiner weiß, warum. Ich suche nach einer Erklärung, habe aber noch keine gefunden. CD-Verkäufe gehen sowieso zurück und unsere Musik wird ja von den meisten Radiosendern auch nicht gespielt. Der dortige Einheitsbrei wird eh immer schlimmer, aber damit haben wir uns abgefunden (lacht). Dafür werden Konzerte immer größer, das geht vielen Bands so – aber dass die Schere bei uns so weit auseinander geht, das ist scheinbar ein Madsen-Phänomen.

Sie kommen aus dem dörflichen Wendland. Wie fühlt sich das eigentlich an, in Metropolen große Shows zu spielen?

Naja, wir sind nicht mehr die naiven Landeier von früher. Sebastian wohnt mittlerweile in Berlin, ich in Wien. Aber wir als Band brauchen auch mal die Ruhe zuhause und diesen Rückzugsort, an dem es keine Ablenkung gibt. An das Gefühl, in Städten wie Köln vor Tausenden Zuschauern zu spielen, die alle total abgehen, werden wir uns allerdings wohl nie gewöhnen. Vor solchen Gigs sind wir immer total aufgeregt. Und die Aufregung ist auch nicht immer eine gute.

Was darauf anspielt, dass Sänger Sebastian an Panikattacken litt ...

Er hatte lange mit der Art von Aufregung zu kämpfen, die schon körperlich gefährlich ist. Wir hatten das alle unterschätzt, Sebastian selber am meisten – bis es irgendwann zu spät war. Wir mussten als Band lernen, feinfühliger darauf zu achten, wie es ihm geht, frühzeitig zu reagieren und für ihn da zu sein. Die Panikattacken sind zum Glück sehr, sehr selten geworden. Auch deshalb war die vergangene nicht nur unsere größte Tour, sondern auch die beste.

Macht es Ihnen noch etwas aus, dass Sie seit jeher scharf von Kritikern angegangen werden? In Rezensionen fallen Sätze wie „Der Gesang kommt eher vertontem Pickelausdrücken gleich“. Wie geht die Band damit um?

Ganz kalt lässt einen das nicht. Es gibt persönliche Kritiken, die, ob positiv oder negativ, Quatsch sind. Manche werden tiefgehend beleidigend, da braucht man schon eine dicke Haut. Häufig kommt das von Typen, die deutschsprachige Musik bis auf ein, zwei Bands grundsätzlich scheiße finden. Es ist ja eh das Einfachste, uns Kacke zu finden, weil es Klischees gibt, denen wir total entsprechen. Vielleicht sollte sich der ein oder andere nach 15 Jahren, die wir nun erfolgreich zusammenspielen, aber mal Gedanken machen, wofür wir stehen.

Sie spielen häufig bei politischen Veranstaltungen, singen aber selbst fast nie politische Texte. Warum die Diskrepanz?

Politisches in der Musik steht uns einfach nicht. Sebastian fühlt sich auch nicht wohl dabei, politische Texte zu schreiben. Wir haben neulich mit „Bumm Bumm Bumm“ und „Macht Euch laut“ zwei Songs gemacht, die klar in die Richtung gehen, werden aber sicher nie so wie Feine Sahne Fischfilet. Umso schöner, dass es die gibt und die so einen Erfolg haben. Das ist genau richtig in diesen Zeiten. Umso lieber spielen wir aber Konzerte in unserer Heimatregion gegen Castor-Transporte, in Chemnitz oder am 1. Mai in Rostock und setzen damit ein Statement.

Was kann eine Rockband wie Madsen überhaupt gegen Rechts bewirken? Gehen zu Ihren Konzerten nicht sowieso nur Leute mit demokratischer Einstellung?

Davon gehe ich aus. Bei unseren Gigs läuft auch niemand mit Shirts von den Onkelz oder Freiwild herum, das ist an sich schon mal gut. Wir müssen politische Statements da setzen, wo wir Leute erreichen können und die in der Demokratie, in der wir zum Glück leben, zum Nachdenken anregen. Klar machen, dass Nationalsozialismus immer ein Problem war und immer noch ist.

Zurück zum Tourleben: Die Band besteht aus drei Brüdern und einem guten Freund. Fühlt sich eine Tour immer noch wie ein Familienausflug an?

Klassenfahrt mit den besten Kumpels trifft es wohl am besten. Nur dass wir jetzt unser Bier nicht mehr heimlich trinken müssen und die Fahrten komfortabler geworden sind. Im Prinzip ist es immer noch wie früher. Da treffen sich ein paar Normalos, die Bock aufs Musikmachen haben. Ich genieße Tourbus-Fahren auch sehr. Da fällt dann auch mal die Klimaanlage aus und es wird richtig kalt oder heiß – mir alles egal.

Blicken wir auf die anstehende Clubtour: Als Support kommt Ferris MC mit. Den kennt man ja eher von Deichkind und seinen Hip-Hop-Soloplatten. Passt das musikalisch?

Wir kannten ihn schon, bevor er 2008 bei Deichkind eingestiegen ist, er ist einfach ein geiler Typ. Jetzt hatte er mal Lust darauf, eine Garagen-Punkrock-Platte zu machen und wir boten ihm schon vor Jahren an, dass er vorbeischauen soll, wenn er darauf Lust hat. So machten wir jetzt ein Album zusammen, auf dem ich auch trommle. Er schreit, rappt, singt, wir kloppen und schrammeln da drunter. Ein wenig wie 90er-Crossover, aber mit einigen neuen Einflüssen. Die Platte kommt dann wohl pünktlich zur Tour im März raus.

Spielen Sie dann mit Ihm als Ihre eigene Vorband?

Hätte ich Bock darauf, das wird aber zu viel. Kräftemäßig muss man da leider vernünftig sein. Nach einer Zwei-Stunden-Show sind wir doch ganz schön platt.

Früher war Bosse ja mal Support bei Ihnen. Der geht mittlerweile auf Nummer eins in die Charts, was Sie noch nie geschafft haben. Neidisch?

Eigentlich müsste man die Frage mit „ja“ beantworten. Aber nicht bei Aki. Das ist ein so geiler Typ, dem gönnt man das alles. Madsen und Aki – das war immer Liebe und wird immer Liebe sein.

Sie haben drei Kinder. Wann startet denn die nächste Bruder-Band aus dem Hause Madsen durch?

(lacht) Klar würde ich mich darüber freuen, aber ich mache den Kids keinen Druck. Wenn sie Lust auf Musik machen haben, sollen sie es tun. Bei uns zuhause stehen Drums, Gitarre, Klavier, Trompete und Querflöte. Es gibt da sicher eine Affinität – wäre auch komisch, wenn nicht.

Im Juni traten Sie mit Jan Böhmermann und dessen Orchester im TV auf. Wäre das nicht mal eine Idee für eine Tour – Madsen orchestral?

Wir haben nach diesem Auftritt schon Blut geleckt. Vielleicht machen wir sowas in ein paar Jahren zum 20. Geburtstag der Band. Madsen rein unplugged wird es aber wohl nie geben. Ein Album, bzw. ein Konzert ohne Verzerrer in den Gitarren macht uns keinen Spaß.

Gibt es sonst noch einen Wunschpartner für eine Zusammenarbeit?

Rivers Cuomo von Weezer und Chino Moreno von den Deftones. Mit Walter Schreifels von Rival Schools hat es ja schon geklappt.

>>> Madsen auf „Lichtjahre“-Tour 2019

Termine: 15.3. Frankfurt (Batschkapp), 16.3. Düsseldorf (Zakk, bereits ausverkauft), 22.3. Münster (Skaters Palace).

Karten für ca. 36 € gibt’s in unseren LeserLäden, unter 0201/804 60 60 und auf www.ruhrticket.de.

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