Es gab Zeiten, da konnten sich die Spanier fast darauf verlassen, dass ihre Schnellzüge pünktlicher waren als die Bahnhofsuhr. Wer mit dem AVE unterwegs war und mehr als fünf Minuten zu spät ankam, bekam auf bestimmten Strecken sein Fahrgeld zurück. Eine Garantie, von der Bahnreisende in anderen Ländern wie etwa Deutschland nur träumen konnten. 

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AVE steht für „Alta Velocidad Española“, spanische Hochgeschwindigkeit. Zugleich bedeutet das Wort auf Spanisch „Vogel“. Ein passender Name für einen Zug, der mit Tempo 300 durch die Landschaft fliegt. Spaniens Hochgeschwindigkeitszüge waren der Stolz der Nation. Schnell, bequem, zuverlässig. Und vor allem sicher.

Zugunglück: Bereits Anfang des Jahres starben Menschen bei Kollision

Von diesem Glanz ist nach zwei verheerenden Zugkatastrophen innerhalb von nur neun Monaten nicht mehr viel übrig. Erst starben im Januar bei Adamuz in Andalusien 46 Menschen, als zwei Schnellzüge kollidierten. Nun kamen beim Zusammenstoß zweier Hochgeschwindigkeitszüge nahe dem Dorf Urda in der Provinz Toledo mindestens 69 Menschen ums Leben. Beide Unglücke ereigneten sich auf der Strecke zwischen Madrid und Sevilla, mit der Spanien vor 34 Jahren sein Hochgeschwindigkeitszeitalter eingeläutet hatte.

Das Vertrauen in den AVE, der lange als einer der besten Schnellzüge der Welt galt, hat einen schweren Schlag erlitten. Dabei hatte sich das Image der spanischen Eisenbahn schon vor dem jüngsten Unglück deutlich verschlechtert. In einer Umfrage nach der Katastrophe von Adamuz im Januar erklärten 58 Prozent der Befragten, sie hätten wenig oder gar kein Vertrauen mehr in die Bahn. Fast drei Viertel hielten ein weiteres schweres Unglück für möglich. 

Dabei begann alles mit einer Erfolgsgeschichte. 1992 wurde die erste AVE-Strecke zwischen Madrid und Sevilla eröffnet. Im selben Jahr fanden in Barcelona die Olympischen Spiele und in Sevilla die Weltausstellung statt. Spanien, das jahrzehntelang als rückständig gegolten hatte, präsentierte sich als modernes Land. Der elegante weiße Schnellzug wurde zum Symbol dieses Aufbruchs.

Zugkatastrophe: Satz von Pedro Sánchez nun unglaubwürdig

Mit Milliardeninvestitionen bauten die Spanier ihr Hochgeschwindigkeitsnetz immer weiter aus. Heute ist es mit annähernd 4000 Kilometern das größte Europas und nach China eines der umfangreichsten der Welt. Madrid, Barcelona, Valencia, Alicante, Málaga, Granada und viele andere Städte sind miteinander verbunden. Seit dem Start des AVE im Jahr 1992 hat das Königreich mehr als 60 Milliarden Euro in den Ausbau seines Netzes gesteckt – einen Teil davon finanzierte die Europäische Union. 

Die Ergebnisse konnten sich zunächst sehen lassen. Mitte der 90er-Jahre erreichten auf der Strecke Madrid–Sevilla nach damaligen Angaben 99,9 Prozent der AVE-Züge pünktlich ihr Ziel. In einem internationalen Vergleich des Eisenbahnverbandes UIC gehörten Spaniens Hochgeschwindigkeitszüge später zu den pünktlichsten Europas. Weltweit lagen sie hinter den japanischen Schnellzügen auf Platz zwei.

Der AVE wurde zum Vorzeigeprodukt, auf das die Spanier ebenso stolz waren wie auf ihre Fußballnationalmannschaft. Selbst im vergangenen Februar, wenige Wochen nach dem Unglück von Adamuz, verteidigte Ministerpräsident Pedro Sánchez die Eisenbahn seines Landes noch im Parlament. „Trotz aller Probleme ist unser Bahnsystem eines der besten der Welt“, erklärte der Regierungschef. Wer das Gegenteil behaupte und den Menschen Angst mache, verbreite Unwahrheiten.

Zugunglück in Spanien: Bahnexperten schlagen Alarm

Doch hinter der glänzenden Fassade hatten sich längst Probleme angesammelt. Die Zahl der Reisenden ist in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen, seit 2019 hat sie sich auf wichtigen Verbindungen nahezu verdoppelt. Seit der Öffnung des Marktes fahren neben der staatlichen Renfe auch private Konkurrenten wie Iryo und Ouigo über die Gleise – die Belastung der Infrastruktur nahm zu.

Immer häufiger klagten Reisende über technische Pannen. Nach Recherchen des Radiosenders Cadena SER haben sich die Bahnverspätungen seit 2019 etwa verdreifacht. Die großzügige Pünktlichkeitsgarantie wurde 2024 abgeschafft. Heute gibt es bei AVE-Zügen grundsätzlich erst ab einer Stunde Verspätung die Hälfte des Fahrpreises zurück.

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Kritiker werfen den Verantwortlichen vor, sich zu lange auf den Bau immer neuer Strecken konzentriert und dabei die Pflege vernachlässigt zu haben. Zwar hat Spanien seine Wartungsausgaben für das Bahnnetz inzwischen deutlich erhöht. Doch Bahnexperten warnen, dass die Instandhaltung mit der wachsenden Beanspruchung der Gleise und Sicherheitssysteme nicht Schritt halte.