Jedes Jahr im Sommer kommt ein kleiner Ort in Schleswig-Holstein, der nur 2000 Einwohner zählt, sehr groß raus: Zehntausende aus aller Welt ziehen dann auf die Felder dieses Dorfs, um eine riesige Metal-Party zu feiern, die durch nichts zu verderben ist. Wenn es regnet, pogen die Fans eben im Matsch, zelten im Schlamm neben Bühnen, von denen schnelle, lärmige Gitarrensounds dröhnen. Über dreieinhalb Jahrzehnte hat Wacken Open Air (WOA) eine Legende geschaffen – eine, die man weltweit erzählt.

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Wacken-Ableger steigen längst auf Kreuzfahrtschiffen und in Gasthöfen im Winter. Nun aber fügen die Organisatoren ein ganz neues Kapitel hinzu, am anderen Ende der Welt: An diesem Wochenende kommt das Festival erstmals nach Japan. Wobei die Party in Yokohama ganz anders aussehen wird als das oft matschige Original im deutschen Norden: Am Südrand Tokios steigt alles indoor – mit Bestuhlung. Man will es den älteren Gästen rechtmachen. Aber passt das zusammen? Oder ist das gar die Zukunft?
Wacken Open Air: Heavy-Metal-Festival kommt nach Japan
Dass das weltweit bekannteste Metal-Festival nach Japan expandieren will, überrascht jedenfalls nicht. Metalarchive zählen Tausende Bands dieses lauten Genres aus dem ostasiatischen Land. In den Nullerjahren boomte das mit Metal verwandte japanische Rockgenre Visual Kei. Vor rund zehn Jahren wurde die Girlband Babymetal, die Elemente quietschigen J‑Pops mit röhrenden Sounds verbindet, international beliebt. Ausländische Bands zählen in Japan ohnehin schon lange zu ihrem Tourprogramm.
Nur gefällt sich die internationale Fangemeinde von Bands wie Motörhead, Iron Maiden, Judas Priest oder Alice Cooper eben in ihrem Image des Derben, Rustikalen. Tanzen bedeutet in dieser Subkultur, sich gegenseitig anzuspringen, zu schubsen, das oft lange Haar durch die Luft zu wirbeln, dabei laut zu grölen. Aber Yumi Miura, die das Event in Yokohama mit veranstaltet, schätzt ihre Gäste anders ein: „Das Publikum ist etwas älter, möchte lieber aufmerksam der Musik lauschen.“ Ums Pogen wird es eher nicht gehen.
Entsprechend wirbt der Veranstalter auf seiner Website mit „einer komfortablen Umgebung, völlig unabhängig von der Witterung“. Außerdem: „Da sich die Show auf eine einzige Bühne konzentriert und es durchweg reservierte Sitzplätze gibt, können die Gäste ihren eigenen Platz einnehmen und vollends in jeden Moment eintauchen – ein erstklassiges Festivalerlebnis, das speziell auf ein erwachsenes Publikum ausgerichtet ist.“ In Pausen werden Dokumentarvideos alter Wacken-Konzerte gezeigt.

Heavy Metal in Japan: Indoor-Konzept und bestuhlte Arena
Die Pia Arena MM in der Hafengegend Yokohamas fasst gut 12.000 Personen, wegen der Bestuhlung wohl etwas weniger. Von den 80.000, die es im Sommer nach Wacken zieht, wird das Event weit entfernt sein. Ausverkauft ist es bisher auch nicht. Wie wild – oder: wie nah am norddeutschen Original – es an diesem Wochenende in Japan zugehen wird, ist also fraglich. Das Eskalationslevel werde aber auch von den Bands auf der Bühne abhängen: Pogo- oder Stagedivingverbote, nur weil überall Stühle stehen, gibt es keine.
Dass mit Ideen wie Indoor und Bestuhlung ausgerechnet in Japan experimentiert wird, ist kein Zufall: Nirgendwo sonst ist der globale Trend der alternden Gesellschaft derart vorangeschritten wie hier. Drei von zehn Personen sind schon 65 oder älter, mehr als 100.000 Menschen haben ein dreistelliges Lebensalter. Tendenz steigend. Das bedeutet auch: Indem die große Popularisierungswelle des Heavy Metal in den 1980ern auch viele Japaner erreichte, freuen sich heute viele von ihnen, wenn sie mal sitzen können.
Aber ersticken Stühle bei einem Metal-Konzert die Stimmung im Saal? Und ist der Blick nach Japan womöglich ein Blick in die Zukunft von Metal-Konzerten in Europa? „Wir hoffen, nicht!“, sagen Martina John und Justus Ledig, langjährige Metalfans und Hosts des Podcasts „Blech“. „Es scheint uns schwer vorstellbar, auch wenn die Szene altert und bequemer zu werden scheint. Headbangen, Moshpits und ein Stehplatz im Publikum sind inhärente Bestandteile der Szene und eines Metal-Live-Erlebnisses.“
Metal-Festival: Hohe Ticketpreise leisten sich vor allem ältere Fans
Auch in europäischen Ländern sei aber längst zu beobachten, dass ein Großteil des Publikums altert, wie die Gesellschaft generell. Laut den Podcast-Hosts von „Blech“ zeigt sich dies schon an der Preisstruktur von Konzerttickets. Der Eintritt zu kürzeren Festivals kostet oft mehrere Hundert Euro, Plätze in der ersten Reihe sind nicht selten besonders hochpreisig. „Daran lässt sich ablesen, dass Metal eine Musikkultur für Menschen ist, die alt genug sind, Geld zu verdienen“, so Martina John und Justus Ledig.
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Entsprechend treten beim Festival in Yokohama – offizieller Name: Full Metal Japan – powered by Wacken Open Air – vor allem Bands auf, die schon länger zur Szene zählen: Am Samstag spielt etwa die deutsch-englische Michael Schenker Group, am Sonntag die für ihre theatralischen Shows bekannte Band Powerwolf. Tickets kosten zwischen 20.000 und 28.000 Yen (rund 113 bis 158 Euro) – was im unter sinkenden Reallöhnen leidenden Japan auch eher diejenigen anzieht, die etwas mehr Geld im Portemonnaie haben. Und das sind heutzutage eben meist diejenigen, die nicht mehr ganz so gut zu Fuß sind.










