Eigentlich wurden sie für Menschen mit Diabetes entwickelt, berühmt wurden sie als Lifestyle-Mittel zum Abnehmen: Wirkstoffe aus der Gruppe der GLP-1-Rezeptor-Agonisten. Doch während die Welt über den „Ozempic-Effekt“ auf der Waage diskutiert, bahnt sich in der Forschung eine kleine Sensation an. Eine neue systematische Übersichtsarbeit deutet darauf hin, dass diese Medikamente Prozesse im Gehirn beeinflussen könnten, die eng mit der Entstehung von Alzheimer verknüpft sind.

Abnehmspritzen gegen Alzheimer: Überraschende Ergebnisse aus dem Labor

Forschende der Anglia Ruskin University in Cambridge haben für ihre Analyse 30 präklinische Studien unter die Lupe genommen. Das Team konzentrierte sich dabei auf die Frage, wie Wirkstoffe wie Semaglutid, Liraglutid, Exenatid und Dulaglutid (bekannt unter Markennamen wie Ozempic, Wegovy oder Mounjaro) auf die typischen Eiweißablagerungen im Gehirn wirken.

Die nun im Fachjournal „Molecular and Cellular Neuroscience“ veröffentlichten Ergebnisse lassen aufhorchen: In gleich 22 der analysierten Arbeiten verringerte sich die Menge der berüchtigten Amyloid-Beta-Plaques, während 19 Studien zudem einen Rückgang der Tau-Proteine verzeichneten.

Da beide Ablagerungen als Hauptverdächtige für die Zerstörung von Nervenzellen im Gehirn gelten, ist dieser Befund hochspannend. Besonders ein Wirkstoff rückte dabei ins Rampenlicht: Liraglutid lieferte die konstantesten Belege dafür, dass beide Proteinarten effektiv eingedämmt werden können.

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Auch Dulaglutid überzeugte im Tierversuch: Obwohl seltener untersucht, sanken bei Mäusen die Ablagerungen, während die kognitive Leistung gleichzeitig stieg. Selbst der prominente Wirkstoff Semaglutid lieferte überwiegend positive Signale, auch wenn eine der untersuchten wissenschaftlichen Arbeiten hier keinen Nutzen feststellen konnte.

Ozempic: Wie die Spritze das Gehirn schützen könnte

Doch wie hilft ein Diabetesmittel dem Gehirn? Der Physiologe und Mitautor Simon Cork, der die Auswertung als eine der bisher umfassendsten bezeichnet, sieht mehrere Ansatzpunkte. „Unsere Studie hebt mehrere biologische Signalwege hervor, über die GLP-1-Medikamente die Alzheimer-Krankheit beeinflussen könnten, darunter die Verringerung von Entzündungen, die Verbesserung der Insulinsignalisierung im Gehirn und die Veränderung von Enzymen, die an der Produktion von Amyloid-beta beteiligt sind“, sagt er gegenüber ScienceAlert. Sowohl Übergewicht als auch Diabetes sollen jeweils einen eigenen Zusammenhang mit Alzheimer haben.

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Ozempic gegen Alzheimer: Ein Dämpfer für die Euphorie

Trotz der vielversprechenden Zahlen ist Vorsicht geboten. Der Haken: Die Analyse basiert fast ausschließlich auf Zellkulturen und Tierversuchen. Bisher gibt es kaum belastbare Daten von menschlichen Probandinnen und Probanden, die die Abnehmspritze genutzt haben.

Lediglich zwei kleine klinische Studien mit Menschen flossen in die Arbeit ein – und deren Ergebnisse auf die Gesundheit waren eher durchwachsen. So konnte eine Phase-II-Studie mit Exenatid zwar eine Verringerung schädlicher Eiweiß-Fragmente im Plasma nachweisen, einen echten Gewinn für das Gedächtnis der Probanden gab es allerdings nicht.

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Ähnlich verhielt es sich bei einer kleineren Untersuchung zu Liraglutid: Zwar hielt der Wirkstoff den Energiestoffwechsel im Gehirn stabil, doch die Eiweiß-Belastung und die kognitiven Fähigkeiten blieben unverändert. Während eine Studie immerhin positive Veränderungen bei Entzündungsmarkern im gesamten Körper zeigte, bleibt Exenatid insgesamt das Mittel mit den geringsten Veränderungen.

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„Abnehmspritzen“ gegen Alzheimer brauchen mehr Forschung

„Zwar fehlen noch Studien am Menschen, die einen Einfluss auf den kognitiven Verfall belegen, doch deuten die derzeitigen Erkenntnisse darauf hin, dass diese Medikamente eher eine vorbeugende Wirkung haben als bei Patienten mit bereits bestehender kognitiver Beeinträchtigung“, betont Cork.

Denkbar sei vor allem ein präventiver Einsatz: Die Medikamente könnten Menschen helfen, die sich noch in einem sehr frühen Stadium der Krankheit befinden – bevor die ersten großen Gedächtnislücken auftreten.

Das Fazit der Forscher ist eindeutig: Die „Abnehmspritzen“ sind heiße Kandidaten für die künftige Alzheimer-Prävention. Cork betont dennoch: „Nun sind größere klinische Studien in der Frühphase erforderlich, um festzustellen, ob diese vielversprechenden Anzeichen tatsächlich zu greifbaren Vorteilen für die Patienten führen.“

ari