In alten Legenden berichten Seeleute von riesigen Kraken, die ganze Schiffe samt Mannschaft auf den Meeresgrund ziehen. Dass die Gruselgeschichten gar nicht so weit hergeholt sind, zeigt jetzt eine neue Studie über die urzeitlichen Vorfahren heutiger Kraken. Demnach wurden die Ur-Kraken bisher völlig unterschätzt. Laut dem internationalen Forschungsteam befanden sich die riesigen Tiere vor 70 bis 100 Millionen Jahren an der Spitze der Nahrungskette in den Meeren.

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Anhand der versteinerten Kraken-Schnäbel konnten die Wissenschaftler ihre beeindruckende Länge auf bis zu 20 Meter schätzen – vergleichbar mit heutigen Pottwalen. Mit den furchterregenden Beißwerkzeugen, die wohl dem Schnabel heutiger Papageien ähneln, konnten die Kraken Muscheln und Knochen zermalmen. Die Ergebnisse einer Analyse mehrerer solcher Fossilien, veröffentlichte das Team Ende April in der Fachzeitschrift „Science“.

Riesen-Krake zermalmte Beute mit Schnabel

Die Fossilien gehörten zu einer Gruppe ausgestorbener Flossenoktopusse, bekannt als Cirrata. Da die Kraken keine harten Skelette besaßen, hinterließen sie nur selten Fossilien – ein Grund, warum ihre Rolle in prähistorischen Ökosystemen lange unterschätzt wurde. Die versteinerten Kiefer sind einer der wenigen Hinweise, aus denen die Forscher auf die Dimension der Kraken schließen konnten.

Indem die Wissenschaftler Gesteinsproben aus der späten Kreidezeit (vor 100 bis 72 Millionen Jahren) durchleuchteten und die Scans durch eine Künstliche Intelligenz analysieren ließen, konnten sie viele bisher verborgen gebliebene Kieferfossilien entdecken. Die Fossilien aus Japan und der kanadischen Vancouver Island sind gut erhalten und weisen feine Abnutzungsspuren auf, durch die die Forscher auf die Ernährungsweise der Tiere schließen konnten.

„Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die frühesten Oktopusse gigantische Raubtiere waren“, zitiert eine Pressemitteilung Professor Yasuhiro Iba von der Universität Hokkaido. „Anhand außergewöhnlich gut erhaltener Kieferfossilien zeigen wir, dass diese Tiere eine Gesamtlänge von bis zu fast 20 Metern erreichten und damit möglicherweise die Größe großer Meeresreptilien derselben Zeit übertrafen.“

Orcas, Haie und Tiere im Meer

„Ich wäre sicherlich nicht in den Urzeitmeeren schwimmen gegangen“

„Das überraschendste Ergebnis war wohl der Grad der Abnutzung an den Kiefern“, führt Iba fort. So wiesen die Kieferfossilien viele Absplitterungen, Kratzer, Risse und Polierspuren auf – allesamt Anzeichen einer starken Beißkraft. „Bei gut entwickelten Exemplaren waren bis zu zehn Prozent der Kieferspitze im Verhältnis zur Gesamtlänge des Kiefers abgenutzt. Das ist mehr als bei modernen Kopffüßern, die sich von hartschaligen Beutetieren ernähren. Dies deutet auf wiederholte, kraftvolle Interaktionen mit ihrer Beute hin und offenbart eine unerwartet aggressive Jagdstrategie.“

„Einen Schnabel dieser Größe zu sehen, ist ehrlich gesagt ziemlich erstaunlich. Es war ein riesiges Tier. Ich wäre sicherlich nicht in den Urzeitmeeren schwimmen gegangen, wenn solche Tiere dort herumgeschwommen wären“, zitiert der „Guardian“ Dr. Thomas Clements, Paläobiologe an der Universität Reading, der nicht an der Forschung beteiligt war.