Auf den ersten Blick könnte man vermuten, Kodo Nishimura sei gerade auf dem Weg zu einer Party. Er ist sorgfältig geschminkt, seine Ohren mit Creolen geschmückt. Sein grün-beige glänzendes Gewand hat er mit High Heels kombiniert. Dieser junge Mann schleicht nicht über das Gelände seines Tempels im Zentrum Tokios, wie es für Mönche üblich ist. Kodo Nishimura stolziert eher, fast wie auf einem Catwalk. Und das hat Programm, erklärt der 36-Jährige: „Ich versuche einfach, ich selbst zu sein.“

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
In seinem Heimatland hat diese Haltung Kodo Nishimura in den vergangenen Jahren zum Star gemacht. Denn Nishimura ist der einzige offen homosexuelle Mönch in ganz Japan. Seine Sexualität lebt er nicht nur offen aus, sondern macht sie zum Politikum: Japan ist der einzige Staat der G7 – also der führenden Industrienationen –, der die gleichgeschlechtliche Ehe nicht voll legalisiert hat. Nishimura findet: Der Buddhismus, als eines der einflussreichsten Glaubenssysteme Japans, müsse seinen Teil dazu beitragen, dass sich das ändert.
Lesen Sie auch
Japans erster queerer Mönch: „Wusste, dass ich keine Frau heiraten würde“
Dies gebe die Lehre vor, wie der Mönch erklärt: „In der Schule des Jodoshu, oder ‚Schule des Reinen Landes‘, der ich angehöre, gibt es ein Lied, das sehr deutlich wird. Darin heißt es: ,Das Mondlicht scheint auf das Dorf herab, und alle, die heraufschauen, werden erleuchtet.“ Das bedeutet zweifellos, dass Buddha mit allen ist, die bereit sind, Buddha zu folgen.‘“ Das beziehe zum Beispiel auch Diebe oder Sexworker ein, so der Mönch.
Seine auffälligen Klamotten trage er mit Absicht, erklärt Nishimura weiter. Auch das widerspreche dem Buddhismus nicht, entgegen einigen Darstellungen: „Der Buddhismus ist in seiner langen Geschichte nie stehen geblieben, hat sich immer mit der Zeit entwickelt.“ Und jetzt, glaubt Kodo Nishimura, sei eben die Zeit, als Mönch zu strahlen – zumindest als ein Mönch wie er. Heute hält er Vorträge vor Hunderten von Menschen, gibt Interviews. Seine Autobiografie wurde neben mehreren weiteren Sprachen auch ins Deutsche übersetzt – erschienen 2022 im Verlag Knaur. Titel: „Der Mönch in High Heels: Du darfst sein, wer du bist“.

Dass die Praxis oft anders aussieht, das weiß auch Nishimura selbst. Auf dem ruhigen Tempelgelände im Zentrum Tokios, zwischen Straßen und Wolkenkratzern, wuchs er in einem buddhistischen Alltag auf. Diskriminierung habe es auch im Buddhismus – entgegen den Idealen – immer gegeben. Egal ob nach Geschlecht oder sexueller Orientierung: „Mein Vater, der diesen Tempel hier noch immer leitet, sagte mir einmal: ‚Wenn du den Tempel erben möchtest, wirst du eine Ehefrau brauchen.‘“ Ohne Frau komme ein Mönch neben der Lehre mit all den administrativen Tätigkeiten einfach nicht hinterher. „Die Rollenverteilung war also völlig klar. Aber gleichzeitig wusste ich, dass ich niemals eine Frau heiraten würde.“
Gemeinde reagierte positiv: „Alle Personen verdienen Respekt“
Also ging Kodo Nishimura nach seinem Schulabschluss zunächst zum Studieren in die USA, wurde Make-up-Künstler, arbeitete in der Beautybranche, hatte sein Coming-out. Zu seiner Überraschung nahmen seine Eltern in Tokio die Neuigkeit positiv auf – was Kodo Nishimura dazu ermutigte, sich doch näher mit dem Buddhismus zu beschäftigen. Mittlerweile hat er das für das Mönchtum übliche Buddhismusstudium abgeschlossen. Obwohl es für Menschen wie ihn beschwerlich ist: In den Seminaren gibt es kaum eine Diskussionskultur, eher Frontalunterricht. Kritische Fragen, die die angehenden Mönche gern beantwortet hätten, lassen sich kaum ungezwungen stellen. „Ein sehr angesehener Mönch bestätigte mir aber, dass alle erleuchtet werden können. Und dass alle, auch queere Personen, als Mönche Respekt verdienen.“
- Altersunterschied: Mein Mann ist 14 Jahre jünger: „Andere Frauen waren ihm zu doof“
- Sexualität: Jungfrau und Single Mitte 30: „Ich habe Angst, dass ich alleine ende“
- Stille Geburt: Sternenkind: „Unser Sohn war gesund – und trotzdem starb er“
- Familie: Überforderter Vater: „Bin an meinen Ansprüchen gescheitert“
Als junger Mönch mit schrillem Outfit strahlt Kodo Nishimura scheinbar eine gewisse Anziehungskraft aus. Er wirkt nahbar, fast weltlich: „Im Gespräch mit Mitgliedern der Gemeinde oder auch auf Veranstaltungen spielen Fragen zum Coming-out natürlich eine Rolle.“ Aber 80 Prozent der Personen, die ihn aufsuchten, seien heterosexuelle Frauen, die um Rat zu Diskriminierungsthemen oder zur Kindererziehung bitten. „Oder manchmal auch zu Make-up!“
Mönch über Diskriminierung: „Vieles wird einfach vergehen“
Doch es gibt auch Kritik am Auftreten des „Mönchs in High Heels“. Bis heute ist es übliche Praxis, dass Mönche auf alle Extravaganzen verzichten. Und je nachdem, wie konservativ diese Vorstellung gefasst wird, können unter Extravaganz nicht nur Ohrringe, Make-up und Stöckelschuhe fallen. Sondern auch die Auslebung von Sexualität – was auch in buddhistischen Kreisen teils in der Ablehnung von Homosexualität mündet.
Auch interessant
Schließlich gilt als Ziel im Buddhismus die Auflösung allen Verlangens. Aber Kodo Nishimura lässt sich von alldem nicht beirren – nicht nur, weil ihn solche Kritik eher selten erreiche: „Überall sieht man ja auch Mönche, die dicke Armbanduhren tragen. Das wird kaum kritisiert. Was wäre dann an Make-up verkehrt, das viel weniger Geld kostet?“ Konservative und Progressive gebe es überall im Leben. „Und viele Vorstellungen werden einfach vergehen, das sieht man ja auch in Japan schon.“
Damit scheint Kodo Nishimura zumindest richtig zu liegen, was den Umgang mit queeren Personen in Japan angeht. In den vergangenen Jahren zeigten Umfragen, dass mittlerweile die Mehrheit der Gesellschaft Diskriminierung von Personen mit LGBTQ-Identität ablehnt. Womöglich auch wegen der zunehmenden Sichtbarkeit von Menschen wie Kodo Nishimura – dessen Heels unter dem Mönchgewand eben kaum zu übersehen sind.








