Mithilfe einer auf paläografische Vergleiche spezialisierten Künstlichen Intelligenz ist es Wissenschaftlern gelungen, die berühmten Schriftrollen von Khirbet Qumran am Toten Meer mit bislang unerreichter Genauigkeit zu datieren. Diese neuen Ergebnisse legen nahe, dass die Entstehungszeit der Texte grundlegend überdacht und in weiten Teilen neu angesetzt werden muss.
Khirbet Qumran am Toten Meer: Neue Erforschung der Schriftrollen verblüfft Forscher
Die in den Höhlen nahe der archäologischen Stätte Khirbet Qumran am Toten Meer entdeckten Schriftrollen stellen ein herausragendes Zeugnis des jüdischen religiösen Lebens in der Zeit zwischen etwa 250 v. Chr. und 200 n. Chr. dar. Diese Epoche fällt zugleich mit den Anfängen des Urchristentums zusammen. Die sogenannten Qumran-Schriftrollen umfassen einige der ältesten bekannten biblischen Texte sowie eine Vielzahl weiterer religiöser und gemeinschaftlicher Schriften des antiken Judentums.
Zwischen 1947 und 1956 wurden insgesamt elf Höhlen entdeckt, vorwiegend durch Beduinen. Die dort gefundenen Texte, überwiegend in hebräischer Sprache verfasst, zeichnen sich fast ausnahmslos durch ihren literarischen und religiösen Charakter aus. Diese literarische Qualität unterscheidet die Qumran-Handschriften deutlich von anderen antiken Textfunden der Region. Trotz intensiver Forschung blieben zentrale Fragen, etwa nach der Identität der Verfasser und den konkreten Gründen für das Verstecken der Schriften – bis heute nur teilweise beantwortet.
Enoch-KI entschlüsselt wahres Alter: Präzise Datierung erlaubt Erforschung der biblischen Autorenschaft
Die präzise Datierung der Qumran-Schriftrollen ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis jüdischer und frühchristlicher Ideengeschichte, betont Mladen Popović von der niederländischen Universität Groningen. Herkömmliche paläografische Methoden sind jedoch aufwendig und oft ungenau. Popović und sein Forschungsteam entwickelten daher eine KI, die auf paläografische Muster trainiert wurde und diese mit modernen radiokarbondatierten Befunden kombiniert.
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Mithilfe der sogenannten „Enoch-KI“ analysierten sie 30 Schriftrollen aus Qumran, weiteren Höhlen sowie Masada. Die Altersbestimmung erfolgte mittels Beschleuniger-Massenspektrometrie (AMS). Die Ergebnisse überraschten: Viele der Manuskripte sind deutlich älter, als bisher angenommen. Einige Fragmente lassen sich bis ins 3. Jahrhundert v. Chr. zurückdatieren.

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Besonders bedeutsam ist die Neudatierung des Papyrusfragments 4Q114, das einen Abschnitt aus dem Buch Daniel enthält. Bisher auf ca. 160 v. Chr. datiert, legen neue Analysen ein Entstehungsdatum rund 70 Jahre früher nahe. Damit fällt der Text in die vermutete Entstehungszeit des letzten Teils des Buchs Daniel – ein Schlüssel zur Erforschung biblischer Autorschaft.
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Merkmale der Handschrift: Insbesondere zwei Texte erweisen sich als Sensationsfund
Im nächsten Schritt analysierte das Forschungsteam um Mladen Popović mithilfe der eigens entwickelten Künstlichen Intelligenz „Enoch“ weitere 135 bislang undatierte Qumran-Fragmente. Grundlage war ein Trainingsdatensatz aus zuvor radiokarbon-datierten Schriftrollen, anhand derer Enoch charakteristische Merkmale der Handschriften, etwa Linienführung und Proportionen, einer bestimmten Zeit zuordnen lernte.
Die so ermittelte Datierung erlaubt eine zeitliche Eingrenzung mit einer Genauigkeit von etwa 30 Jahren. Dabei zeigte sich, dass viele der untersuchten Fragmente älter sind, als bislang angenommen. Äußerst faszinierend ist etwa die Neudatierung des Fragments 4Q109 (Kohelet), das nun in das 3. Jahrhundert v. Chr. fällt. Eine Periode, aus der bislang keine erhaltenen Textfassungen bekannt waren.
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Zusammen mit dem neu datierten Daniel-Fragment liegen damit erstmals zwei biblische Handschriften aus der mutmaßlichen Entstehungszeit des Alten Testaments vor. Auch zeigte sich bei den Untersuchungen, dass wichtige Schriftformen, wie die hasmonäische und herodianische, früher parallel genutzt wurden.







