Ein faszinierender Fund in der südschwedischen Stadt Lund eröffnet neue Perspektiven auf das Leben mit Behinderungen im Mittelalter. Bei der Untersuchung eines männlichen Skeletts aus dem 14. oder 15. Jahrhundert entdeckte ein Forscherteam der Universität Lund eindrückliche Hinweise auf körperliche Einschränkungen – aber auch auf medizinische Versorgung, soziale Einbindung und respektvolle Behandlung.
Schwedische Forscher staunen: Was die Jahrhunderte alten Knochenfunde in Lund belegen
In einem kürzlich in „Open Archaeology“ veröffentlichten Artikel beschreiben die Wissenschaftler ihre neuesten Ergebnisse. Durch eine Kombination aus osteologischen Analysen, digitalen Ausgrabungsdaten, historischen Quellen und moderner 3D-Modellierung gelangten sie zu spannenden Erkenntnissen.
Die untersuchte Person – in der Studie als „Person 2399“ bezeichnet – war etwa Mitte 30 und erlitt nach Einschätzung der Forscher eine schwere Knieverletzung, vermutlich infolge eines Arbeitsunfalls, etwa durch den Tritt eines Pferdes oder einen herabfallenden Gegenstand. Die Verletzung war so schwerwiegend, dass der Mann zeitlebens auf Unterstützung beim Gehen angewiesen war.

Erstaunlich sind die Hinweise auf die medizinische Behandlung: Schmerzstillende Salben mit Lavendelöl, Opium und Alkohol sowie wiederholte Eingriffe zur Behandlung einer Knocheninfektion zeigen, dass der Mann nicht nur gepflegt, sondern auch mit einer relativ aufwendigen medizinischen Versorgung bedacht wurde. Dies lässt auf einen gewissen sozialen Status schließen – insbesondere, da diese Maßnahmen gewisse Ressourcen erforderten.
Auch der Ort seiner Bestattung ist aufschlussreich: Der Mann wurde am Fuße eines Kirchturms beigesetzt, der als prestigeträchtiger Platz, normalerweise wohlhabenden Bürgern vorbehalten war. In mittelalterlichen Begräbnistraditionen galt die Nähe zu einem heiligen Ort als Zeichen von Ansehen und gesellschaftlicher Bedeutung.
Spannende Achäologie-Artikel – für Sie recherchiert
Behinderung im Mittelalter: widersprüchliche Ansichten in Glauben und Rechtsprechung
Die Studie beleuchtet darüber hinaus die widersprüchlichen Sichtweisen der mittelalterlichen Gesellschaft auf Behinderungen. Christliche Lehren interpretierten eine körperliche oder geistige Einschränkung oft als Strafe oder göttliche Prüfung. Gleichzeitig übernahm die Kirche eine zentrale Rolle in der Pflege und Versorgung. Die Rechtsprechung hingegen war hart – körperliche Verstümmelung konnte eine Strafe darstellen, wodurch eine Behinderung mit Schuld oder Schande assoziiert wurde.
- Aktuelle Nachrichten aufs Handy? Hier geht es zur neuen WAZ-News-App – für Android und iOS.
- Die WAZ auch bei Social Media – ob WhatsApp, Instagram oder Facebook.
- Sie mögen den Tag kompakt zusammengefasst? Dann sind Sie beim täglichen WAZ-Newsletter richtig – hier entlang.
Trotz theologischer und rechtlicher Vorbehalte zeugt das Leben der „Person 2399“ von Mitgefühl und Fürsorge. Dass er Jahre nach seiner Verletzung überlebte und eine ehrenvolle Bestattung erhielt, spricht dafür, dass Menschen mit Behinderung in der mittelalterlichen skandinavischen Gesellschaft mit Respekt behandelt wurden – zumindest, wenn sie Teil einer angesehenen sozialen Schicht waren.






