In einer polnischen Höhle nahe Krakau stoßen Forscherinnen und Forscher auf menschliche Überreste aus der Magdalénien-Zeit. Die Knochen, die von mindestens sechs Erwachsenen und vier Kindern stammten, weisen deutliche Spuren von Kannibalismus auf. Doch welche Umstände führten zu dieser erschütternden Praxis?

Höhle in Polen: Forscher analysieren Schnitte und Brüche der Schädelknochen

In einer kürzlich in der Zeitschrift „Scientific Reports“ veröffentlichten Studie, schildern die Historiker ihre Entdeckung aus der archäologischen Stätte Maszycka-Höhle. Der Fund umfasst 53 Knochen, die auf etwa 18.000 Jahre datiert werden – also auf das Magdalénien der europäischen Urgeschichte. Mit modernen 3D-Mikroskopietechniken konnten die Experten an 68 Prozent der Knochen eine Vielzahl von Schnittspuren und Brüchen nachweisen.

Das Forscherteam entdeckte zahlreiche Schnittspuren, die es als eindeutige Hinweise auf Kannibalismus interpretiert. Die meisten dieser Spuren deuten darauf hin, dass die Opfer skalpiert, entfleischt und von Ohren sowie Kiefern befreit wurden. Doch dabei blieb es nicht: Weitere Funde zeigen, dass auch andere Körperteile betroffen waren. Brüche an den Schädelnähten belegen, dass die Schädel gezielt zertrümmert wurden – offenbar, um an das Gehirn zu gelangen. Auch an Schulter-, Arm- und Beinknochen waren Spuren dieser Praktik zu finden.

Ein dunkler Höhleneingang in einem laubbefallenen Waldstück.
Der Eingang zur Maszycka-Höhle in Polen.© Institut Català de Paleoecologia Humana i Evolució Social | Institut Català de Paleoecologia Humana i Evolució Social

Kannibalismus in der Urzeit: Welche Gründe erkennen die Experten für diese grausamen Praktiken?

„Die Lage und Häufigkeit der Schnittspuren und die absichtliche Zertrümmerung des Skeletts weisen eindeutig auf eine ernährungsphysiologische Nutzung der Körper hin“, sagte der leitende Studienautor Francesc Marginedas, ein Doktorand am katalanischen Institut für Humanpaläoökologie und soziale Evolution (IPHES). Das Muster der Schnittspuren und Brüche lässt zudem darauf schließen, dass die Menschen unmittelbar nach dem Tod gezielt die kalorienreichsten Körperteile entnahmen. Experten zufolge standen dabei insbesondere das Knochenmark, die Muskeln und das Gehirn im Fokus.

Auch spannend: Sensation in Pompeji – Archäologen stoßen auf opulentes Badehaus

Warum die Menschen zu dieser Zeit Kannibalismus praktizierten, bleibt unklar. „In prähistorischen Kontexten könnte es eine Reaktion auf Überlebensbedürfnisse oder rituelle Praktiken oder sogar auf die Dynamik der Gewalt zwischen Gruppen gewesen sein“, schreibt die Co-Autorin der Studie und Forscherin am IPHES, Palmira Saladié. Allerdings verzeichnete die Region während des Magdaléniens (vor 23.000 bis 11.000 Jahren) einen Bevölkerungszuwachs – ein Hinweis darauf, dass Hunger als Grund für den Kannibalismus eher unwahrscheinlich ist, so die Studie.

Spannende Achäologie-Artikel – für Sie recherchiert

Kultur des Magdaléniens: Diese bedeutende Rolle hatte der Kannibalismus für die Urvölker

Die Forscher nehmen an, dass es sich bei dem Fund aus der Maszycka-Höhle um ein Beispiel von „Kriegskannibalismus“ handelt. Vermutlich führte ein Mangel an Ressourcen zu territorialen Spannungen und Überlebenskämpfen, die in Gewalt eskalierten. Bei den gefundenen Skeletten „ähnelt das Altersprofil dem einer vollständigen Kernfamilie, was darauf schließen lässt, dass sie angegriffen, unterworfen und anschließend ausgeschlachtet worden sein könnten“, schreiben die Forscher in ihrer Studie.

  • Aktuelle Nachrichten aufs Handy? Hier geht es zur neuen WAZ-News-App – für Android und iOS.
  • Die WAZ auch bei Social Media – ob WhatsApp, Instagram oder Facebook.
  • Sie mögen den Tag kompakt zusammengefasst? Dann sind Sie beim täglichen WAZ-Newsletter richtig – hier entlang.

Hinweise auf Kannibalismus finden sich auch an weiteren europäischen Fundorten aus der gleichen Zeit. Dies deutet darauf hin, dass diese Praxis eine bedeutende Rolle in der Kultur des Magdaléniens spielte, unabhängig davon, ob es sich um das Verspeisen der eigenen Verstorbenen oder der Feinde handelte.