Die Archäologen Dr. Wim van Neer, Dr. Bea De Cupere und Dr. Renée Friedman veröffentlichten kürzlich im „Journal of Archaeological Science“ eine Studie, die sich mit den frühesten Nachweisen von Hornmodifikationen bei Nutztieren befasst. In ihrer Untersuchung identifizierten die Forschenden die ältesten physischen Belege für derartige Eingriffe und lieferten zugleich die ersten Nachweise für Hornmodifikationen bei Schafen.
Fund in Ägypten: Schafe im Elitegrabkomplex von Hierakonpolis
In Hierakonpolis, etwa 100 Kilometer südlich des heutigen Luxor, wurde ein aufwendiger Grabanlagenkomplex ausgegraben, in dem Mitglieder der städtischen Elite bestattet wurden. Die Gräber enthielten neben wertvollen Grabbeigaben auch die Überreste von wilden und teilweise exotischen Tieren, darunter Rinder, Ziegen, Krokodile, Strauße, Leoparden, Paviane, Wildkatzen, Elefanten, Kuhantilopen, Flusspferde und Auerochsen.

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Zu den beigesetzten Tieren zählten auch Schafe. In den Gräbern 54, 61 und 79 identifizierten die Archäologen die Schädel von sechs Schafen, deren Hörner offenbar modifiziert worden waren. Die Veränderungen umfassten vollständig entfernte Hörner sowie solche, die nach hinten gebogen oder parallel nach oben gerichtet waren.
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Archäologen rätseln: Gab es eine bewusste Hornveränderung bei Nutztieren?
„Dies ist der früheste physische Beweis für eine Hornveränderung bei Nutztieren. Diese Praxis gab es auch bei Rindern, aber sie ist für diese frühe Zeit nur durch Darstellungen in der Felskunst belegt“, sagt Dr. van Neer. Die sechs Schafe, die im Elitegrabkomplex von Hierakonpolis in Oberägypten (ca. 3700 v. Chr.) gefunden wurden, wiesen Anzeichen für eine Deformation auf und ergänzen damit die Geschichte der Hornveränderung in Afrika, die bisher hauptsächlich auf Rinder beschränkt war.
Schafe wurden im 6. Jahrtausend v. Chr. aus der Levante nach Ägypten eingeführt und zählten bereits im 5. Jahrtausend v. Chr. zu den bedeutendsten Nutztieren des Landes. Ihre Darstellung auf Krügen, geschnitzten Reliefs und rituellen Gefäßen zeigt, dass die frühesten in Ägypten gehaltenen Schafe Korkenzieherhörner besaßen. Diese horntragenden Schafe wurden später in die Hieroglyphenschrift integriert und prägten die religiöse Ikonografie, insbesondere in der Form von Widdergottheiten mit Korkenzieherhörnern.
Ab dem Mittleren Reich erscheinen in Ägypten jedoch die sogenannten Ammon-Schafe, die durch halbmondförmige, nach hinten gebogene Hörner charakterisiert waren. Diese neue Variante verdrängte schließlich die ursprünglichen Schafe mit Korkenzieherhörnern vollständig.
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Studie enthüllt: Warum die alten Ägypter Frakturierungen vornahmen
Die Modifikation der Hörner wurde als Ergebnis eines gezielten Frakturierungsprozesses identifiziert. Dabei wurde der Schädel an der Basis des Hornkerns gebrochen, die Hörner in eine neue Position gebracht und für mehrere Wochen fixiert, bis die Frakturen verheilt waren.
Auf die Frage, warum die Elite von Hierakonpolis die Hörner ihrer Schafe verändern wollte, erklärte Dr. van Neer: „Dies ist ein Hinweis darauf, dass die im Elitefriedhof begrabenen Herrscher ihre Macht nicht nur durch die Haltung wilder und exotischer Tiere (Paviane, Elefanten, Flusspferde, Krokodile, Auerochsen), sondern auch durch die Veränderung ihrer Haustiere demonstrieren wollten.“
Diese Eingriffe hatten nicht nur eine ästhetische Wirkung, sondern könnten auch die Fähigkeit der Elite symbolisiert haben, die Natur zu kontrollieren und zu formen. Dieses Konzept war im prädynastischen Ägypten von zentraler Bedeutung und findet Ausdruck in der Beschaffung und rituellen Bestattung von wilden und gefährlichen Tieren wie Elefanten und Pavianen.
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Die Forschenden vermuten zudem, dass die modifizierten Hörner der Schafe möglicherweise die charakteristische Form des Addax (Addax nasomaculatus) imitieren sollten, einer Antilopenart mit aufrechten, spiralförmigen Hörnern. In der symbolischen Vorstellung könnte das Addax als Sinnbild für die Erneuerung des Lebens und die Überwindung von Chaos gedient haben.







