Neulich in einer Autobahntankstelle bei Scheveningen. Ein deutsches Paar steht in der Kassenschlange. Als die beiden an der Reihe sind, redet der wortführende Herr drauflos, als sei er am Kamener Kreuz und nicht in einem Land mit eigener Sprache und Kultur. „Zapfsäule Nummer drei hatten wir, und dazu nehmen wir noch zwei Kaffee mit Milch. Bitte.“ Hinterm Tresen steht eine Niederländerin, dem Anschein nach Anfang 20. Sie schaut die Urlauber an, als sprächen sie Klingonisch. Dann fragt die verdutzte Frau auf Englisch: „Sorry, could you repeat please?“

Empfohlener externer Inhalt

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von Instagram, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Holland, das ist für viele Deutsche die Fortsetzung der Bundesrepublik mit anderen Nummernschildern. Generationen von Teutonentouristen haben es sich an den Stränden wochenlang gut gehen lassen, ohne einen einzigen Satz in einer Fremdsprache sagen zu müssen. Niederländer können eh alle Deutsch, dieser kollektive Eindruck hat sich festgesetzt. Die herrlich unkomplizierten Zeiten gehen langsam, aber zweifellos vorüber.

Niederländer sind genervt von Deutschen, die kein Englisch können

Denn junge Niederländer – und Niederländerinnen genauso – verlieren das Interesse am großen Nachbarn. Englischsprachige Länder haben uns in der Beliebtheitsrangliste abgehängt. 70 Prozent der Schüler und Studenten finden Deutsch uncool, ermittelte schon vor einigen Jahren das Duitsland Instituut in Amsterdam in einer ernüchternden Studie. Für Feriengäste aus dem Rheinland und aus Westfalen bedeutet das: Sie müssen damit rechnen, dass niederländisches Servicepersonal genervt mit den Augen rollt, wenn sie ihre Bestellung wie selbstverständlich auf Deutsch aufgeben. Keiner erwartet, dass wir Niederländisch sprechen. Aber ein bisschen Englisch sollte schon sein.

Vor ein paar Tagen sorgte die Tageszeitung „de Volkskrant“ mit einer rigorosen Forderung für Aufsehen im niederländischen Bildungswesen und unter den Lesern. „Schluss mit Deutsch in der Oberstufe“, fordert ein giftiger Kommentar. Der Staat gebe zu viel Geld aus für Lehrerstellen und Austauschprogramme. „Ja, Deutschland ist unser wichtigster Handelspartner“, räumt der Autor des Gastbeitrags – ein meinungsstarker Unternehmer, der nicht bei der Zeitung angestellt ist – ein. Dieser Umstand sei jedoch keine Rechtfertigung, „dass sich jedes Jahr so ​​viele Schüler mit Deutsch abmühen müssen, was Millionen an Steuergeldern kostet“. Die meisten Heranwachsenden, prophezeit der Kommentator, werden in ihrem Berufsleben nie ein Wort Deutsch sprechen müssen.

Mehr Nachrichten aus den Niederlanden

  • „2 Brüder“ in Venlo: Supermarkt in Not wegen Millionenschulden
  • Casino-Krise in Holland vertreibt deutsche Glücksspiel-Touristen
  • Schlumpfspray boomt in den Niederlanden: Ist es in Deutschland legal?

Cooles Berlin? Junge Niederländer wollen lieber nach London

Am Nassauplein in der Innenstadt von Den Haag sehen sie das ganz anders. Von einem braunen Backsteingebäude aus operiert die „Actiegroep Duits“, ein Zusammenschluss mehrerer Organisationen, die unsere Sprache in den Niederlanden fördern. Die ebenfalls am Nassauplein residierende Deutsch-Niederländische Handelskammer ist dabei, das bereits erwähnte Duitsland Instituut, die Deutsche Botschaft und das Goethe-Institut. Die Mitglieder der Aktionsgruppe wollen Schülerinnen und Schüler zum Vokabelpauken motivieren: Deutsch sei die meistgesprochene Muttersprache in der EU und für Niederländer relativ leicht zu lernen, außerdem locke Deutschland mit einer coolen Hauptstadt: „Berlin ist ein kultureller Schmelztiegel, der junge Menschen aus aller Welt anzieht.“

Ex-Botschafter Ronald van Roeden in Berlin.
Ex-Botschafter Ronald van Roeden in Berlin.© Jasper Kettner

Das Problem ist, dass sich niederländische Oberstufler eher für London begeistern als für Berlin. Ronald van Roeden (68) weiß das, er hat bis Dezember 2024 in Berlin gelebt. „Englisch hat alle anderen Fremdsprachen verdrängt“, berichtet der ehemalige niederländische Botschafter in Deutschland. „Ich habe in der Grundschule neben Englisch auch Deutsch und Französisch gelernt. Das ist heute anders: Die Schüler dürfen eine Fremdsprache auswählen und weniger wählen Deutsch. Die Popkultur ist ein Grund dafür, aber auch die internationale Orientierung der Niederlande.“

Niederlande feiern den „Tag der deutschen Sprache“

Der 25. September soll Deutschland bei den Holländern zu neuer Popularität verhelfen. Dann feiern sie den offiziellen „Tag der deutschen Sprache“, ins Leben gerufen von der Actiegroep Duits. Hunderte Schulen machen mit, sie dekorieren Klassenzimmer mit schwarz-rot-goldenen Fähnchen, manche Lehrer bringen Essen mit, das ihrer Auffassung nach typisch deutsch ist – Frikadellen, Bockwürste, Wackelpudding. Ob‘s hilft?

WM 2006 - Serbien-Montenegro - Niederlande 0:1
Holland ist „da bei“? Nicht nur Fußballfans tun sich mit der deutschen Sprache schwerer als früher. © picture-alliance/ dpa | Wolfgang Kumm

Sogar der Einsatz eines prominenten Fernsehmoderators hat wenig gebracht. Der Komiker Arjen Lubach (45) besitzt ein Herz fürs Deutsche, vergangenes Jahr hat er zusammen mit Jan Böhmermann (44) einen Song über den Rechtsruck in Europa aufgenommen. Also trommelte Lubach kürzlich in seiner Satiresendung auf Niederlandes RTL-Ableger für die Völkerverständigung: Künftige Erstsemester sollten Germanistik studieren, appellierte er. Wer gut Deutsch spreche, sei auf dem Arbeitsmarkt begehrt.

An der Universität Utrecht haben sich daraufhin immerhin 20 Frauen und Männer für Germanistik eingeschrieben – im Vorjahr waren es nur vier. Aus Uni-Sicht trotzdem zu wenig. Die Hochschule stellt den Bachelor-Studiengang mangels Nachfrage ein.