Im Gasthaus De Waag in Doesburg kann man sich leicht in die Zeit vor 500 Jahren zurückversetzen lassen. In eine Zeit, in der Doesburg eine blühende Hansestadt war und Kaufleute ihre Waren wiegen ließen, bei einem Glas Bier Verträge schlossen und Preise besprachen. Doesburg und acht weitere niederländische Städte waren im Mittelalter Mitglied des Hansebundes, einem Zusammenschluss von Kaufleuten und Städten, der den Handel zwischen Nord- und Westeuropa förderte.

Radtour auf dem Hanseradweg zwischen Doesburg und Harderwijk
Schon die erste Hansestadt - Doesburg - ist so einladend, dass man am liebsten im „Stadsbierhuys De Waag“ (von 1478) einkehren möchte.© Funke Medien NRW | Katrin Martens

Die gut erhaltene historische Altstadt mit ihren Patrizierhäusern und der imposanten Martinikirche erzählt von der reichen Vergangenheit Doesburgs. Hier startet die erste unserer vier Etappen auf dem Hanse-Radweg, genauer gesagt die Etappe 5, denn die Radroute beginnt auf deutscher Seite in Neuss. Von Doesburg bis Harderwijk sind es 185 Kilometer.

Europarcs setzt Ferienhäuser direkt an den Fluss

Schnell erreichen wir die IJssel, die im Mittelalter so wichtig für den Flusshandel und damit für die Hanse war. An der Flussschlinge Het Zwarte Schaar reihen sich Wohnwagen und Zelte am Ufer aneinander. Ein Yachthafen kommt in Sicht, aus dem Ferienpark Capfun Ijsselstrand wehen die wilden Rufe von Kindern herüber. Ein Stück weiter hat Europarcs luxuriöse Ferienhäuser an den Deich gesetzt, mit direktem Blick aufs Wasser.

Radtour auf dem Hanse-Radweg in NL
Jeroen und Karen Mulder betreiben die Nougaterie Jerom’s, angeboten wird einiges mehr als nur leckerer Nougat.© Funke Medien NRW | Katrin Martens

Der breite Radweg führt an Bronkhorst, der kleinsten Stadt der Niederlande, vorbei und mündet später am lauschigen Grandcafé Bij Ludger in ein Stückchen Wald. Hier betreiben Jeroen und Karen Mulder die Nougaterie Jerom’s, in der nicht nur leckerer Nougat, sondern auch Karamelsauce im Regal steht.

Die gotische Walburgiskirche von Zutphen ist schon von Weitem zu sehen, an der Stelle der früheren Stadtwaage steht heute der markante Wijnhuis-Turm, mit viel Außengastronomie drumherum. In den Straßen Groenmarkt und Zaadmarkt erinnern Kaufmannshäuser mit markanten Giebeln und Lagerböden daran, wie Gebäude genutzt wurden, um Waren wie Getreide, Holz, Salz und Stoffe zu lagern.

Radtour auf dem Hanseradweg zwischen Doesburg und Harderwijk
Die Hansestadt Deventer liegt besonders beschaulich am Fluss IJssel. Die Lebuinuskirche prägt das historische Stadtbild.© Funke Medien NRW | Katrin Martens

Der Radweg wechselt nun auf die andere Seite der IJssel und taucht ein in ein ruhiges Gebiet mit Feldern und Wiesen, teilweise nah am Fluss, teilweise weiter entfernt. Nach 53 Kilometern erreichen wir Deventer, eine Fußgängerfähre bringt uns hinüber in die Altstadt, deren Gassen mit bunten Regenschirmen geschmückt sind. Deventer war berühmt für seine Tuchproduktion und den Buchhandel. Heute lockt der riesige Platz Brink mit vielen Restaurants, Cafés und dem Museum De Waag.

Auf der nächsten Etappe nach Zwolle lernen wir nicht nur etwas über die IJssellinie – eine Verteidigungslinie aus der Zeit des Kalten Krieges gegen einen möglichen Überfall der Sowjetunion – sondern passieren auch das prächtige Schloss Groot Hoenlo, mehrere alte Ziegeleien und die Windmühle des Ortes Wijhe, bevor es bei Vorchten auf die nächste Fähre geht.

Apfelkuchen mit Sahne am Marktplatz von Hattem

Das kleine Hattem wirkt, anders als die großen Hansestädte, eher verträumt. Am Platz an der Andreaskirche genießen die Menschen Apfelkuchen mit Sahne zum Kaffee, in der Kerkstraat bummeln sie durch die Geschäfte. Die Festung Dikke Tinne gibt es nicht mehr, aber Teile der Stadtmauer und das Stadttor Dijkpoort aus dem 14. Jahrhundert stehen noch.

Von Hattem sind es nur vier Kilometer bis nach Zwolle, dazwischen wartet ‘t Kleine Veer (Die kleine Fähre). Erneut geht’s über den Fluss. Der Schiffsführer kassiert 1,25 Euro pro Person und 50 Cent pro Rad. Bereits im Mittelalter war diese Fährverbindung sehr wichtig für den Alltag der Menschen, die IJssel bildete ansonsten für viele eine nicht zu überwindende Grenze.

Zwolle empfängt Radfahrerinnen und Radfahrer mit einer einladenden Geschäftigkeit. Viele Brücken führen über die malerische Stadsgracht in die Altstadt hinein. Hier mischt sich Moderne mit Mittelalter: Das futuristische Museum De Fundatie steht ganz in der Nähe des historischen Tors Sassenpoort. Am Grote Markt fällt das Restaurant „In Den Hoofdwacht“ auf, das bis 1614 Sitz der Polizeiwache war. Die riesige Michaelskirche ist zum Academiehuis geworden, einem neuen kulturellen Zentrum mit Büchermarkt, Ausstellungen und Café.

Ehrenamtliche ziehen die Seilfähre mit Muskelkraft

Von Zwolle nach Kampen radelt man auf direktem Weg nur 16 Kilometer, aber die Etappe 7 des Hanse-Radwegs sieht einen lohnenswerten Umweg über Hasselt vor. Sicher auch, damit man eine sehr besondere Fähre nutzen kann: die Haersterveer über den Fluss Overijsselse Vecht. Sympathische Fährmänner ziehen die Seilfähre mit Muskelkraft und zwei hölzernen Griffen übers Wasser – ehrenamtlich vom 1. Mai bis zum 1. Oktober.

Hasselt liegt zwar nicht an der IJssel, hatte früher aber über den Fluss Zwarte Water eine direkte Verbindung zur offenen See. So entstand auch hier ein blühendes Handelszentrum. In der Nähe steht der letzte erhaltene steinerne Seedeich der Niederlande.

Blattgold an der Brücke zeugt von Kampens Reichtum

Je weiter es früher an der IJssel flussabwärts ging, desto wichtiger wurde der Seeverkehr. Das spürt man besonders in Kampen. Der Ort lag strategisch günstig an der Flussmündung in die ehemalige Zuiderzee. Noch heute prägen viele Schiffe und ein Yachthafen das Bild. Drei prächtige Stadttore zeugen von dem Reichtum, den der europaweite Handel den Bewohnern brachte. An der Brücke über die IJssel ist sogar Blattgold verarbeitet worden. Das Museumsschiff Kamper Kogge, das hier im Hafen liegt, ist das einzige seetüchtige Schiff dieses Baustils in ganz Europa.

Radtour auf dem Hanseradweg zwischen Doesburg und Harderwijk
Am Reevediep hinter Kampen wurden kilometerlange, ausgezeichnete Radwege gebaut. © Funke Medien NRW | Katrin Martens

Zu Beginn der achten und letzten Etappe verändert sich die Landschaft. Wir verlassen die IJssel, das Reevediep liegt vor uns. Diese neue Wasserverbindung leitet das Hochwasser der IJssel ins IJsselmeer ab. Kilometerlange, ausgezeichnete Radwege wurden gebaut. Bald kommt Elburg in Sicht, das Fischerörtchen lag bis 1932 an der Zuiderzee. Fast genau quadratisch ist der Ort angelegt, die Gassen wirken wie aus dem Mittelalter. An der Gracht in der Beekstraat ballen sich die Cafés, Eisdielen und Bars. Vom kleinen Hafen gelangen die Segler heutzutage übers Drontermeer ins IJsselmeer, das der Abschlussdeich zum Binnenmeer gemacht hat.

Radtour auf dem Hanseradweg zwischen Doesburg und Harderwijk
Der Hafen von Elburg lag früher am offenen Meer.© Funke Medien NRW | Katrin Martens

Mit Blick aufs neue gewonnene Land, Flevoland, führt das letzte Stück des abwechslungsreichen, flachen Weges ins trubelige Harderwijk, Hansestadt Nummer 9. Nicht nur das kleine Palingmuseum zeugt hier von der Geschichte als bedeutsamer Fischerstadt, als der Hering- und Aalhandel dem Ort Wohlstand und Ansehen brachte – damals, zur Zeit der Hanse.

Alle Infos zum Hanse-Radweg:

Der im Jahr 2022 eröffnete Hanse-Radweg ist insgesamt eine grenzüberschreitende, etwa 440 Kilometer lange Fahrradtour, die in acht Etappen von Neuss bis Harderwijk führt. Die Etappen 5 bis 8 führen von Doesburg über Zutphen, Deventer, Hattem, Zwolle, Hasselt, Kampen und Elburg nach Harderwijk. Die Strecke durch die neun niederländischen Hansestädte beträgt 185 Kilometer. Mehrmals überquert man dabei mit einer Fähre die IJssel – in Deventer, Vorchten und Hattem – sowie bei Zwolle den Fluss Overijsselse Vecht. Die Orientierung ist mit Hilfe des niederländischen Knotenpunktsystems leicht.

Anreise mit dem Auto bis Doesburg (kostenloser Parkplatz De Bleek); von Harderwijk mit dem Zug zurück bis Dieren, dann mit dem Rad 4 Kilometer bis Doesburg.

Infos zum Hanse-Radweg findet man auf der Website hanseradweg.de, hier gibt es nicht nur eine Knotenpunkt-Übersicht für jede Etappe, sondern auch Hörgeschichten zu einzelnen Stationen. Inspirationen zu allen neun Hansestädten im Osten der Niederlande bekommt man auf der Website holland-hanse.de.

Übernachtungsmöglichkeiten am Ende der vier Etappen:

Deventer:

Hier lockt das Pillows Luxury Boutique Hotel aan de IJssel. Es liegt direkt am Fluss auf der anderen Seite der Altstadt und bietet dadurch einen wunderbaren Blick auf die historische Skyline. Das besondere Frühstück wird à la carte serviert.

Zwolle:

Das Grand Hotel Wientjes war früher eine Bürgermeisterwohnung und ist seit mehr als 90 Jahren ein besonderes Hotel mit roten Markisen und einem atmosphärischen Grand Café. Am Rande der Stadt stehen das Hotel Lumen und das Mercure Hotel für Gäste zur Verfügung.

Kampen:

Direkt an der IJsselkade liegt das Hotel van Dijk, das seit Jahrzehnten von dem sympathischen Ehepaar Herman und Irma Wessels betrieben wird. Im Januar 2026 wechselt der Besitzer.

Harderwijk:

Am Boulevard von Harderwijk liegt das Hotel Monopole. Von hier blickt man auf den Hafen, den Strand und den großen See Wolderwijd. Im historischen Zentrum kann man in einer ruhigen Straße im Bed & Breakfast De Keizerin übernachten. Eine weitere Möglichkeit für eine Übernachtung ist das Hotel Van der Valk.