Die Wahlbeteiligung bei der Kommunalwahl 2025 in Wuppertal lag bei 50 Prozent – gut drei Prozentpunkte höher als 2020, aber noch immer deutlich unter den Werten von Bundes- oder Landtagswahlen. Warum gehen Menschen nicht zur Wahl? Und was bedeutet das für die Demokratie? Darüber haben wir mit dem Wuppertaler Politikwissenschaftler Detlef Sack gesprochen.
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talzeit: Herr Sack, nur jeder zweite wahlberechtigte Wuppertaler ist gestern zur Kommunalwahl gegangen. Woran liegt das?
Detlef Sack: Es gibt im Grunde drei Hauptgründe, warum Menschen wählen gehen. Erstens: Bürgerpflicht und soziale Konvention – ich gehe wählen, weil das von mir erwartet wird. Zweitens: Ich habe ein konkretes Interesse. Das Thema öffentliche Sicherheit, Klimaschutz oder die Länge von Baugenehmigungen regt mich so auf, dass ich meine Stimme abgeben will. Drittens: Es ist Teil meines Lebensstils und mit meiner Wahl drücke ich meine Persönlichkeit aus.
Und warum bleiben Menschen der Wahl fern?
Es gibt eine eigennutz-orientierte Kalkulation: Meine Stimme macht sowieso keinen Unterschied, also gehe ich gar nicht erst hin. Dann bewerten Menschen Wahlen unterschiedlich wichtig – Kommunalwahlen gelten eben als weniger relevant als Bundestagswahlen. Der dritte Grund ist entscheidend: Menschen haben das Gefühl, dass ihre Stimme nicht gehört wird. Das nennen wir politische Selbstwirksamkeit. Und diese ist sozial ungleich verteilt.
Was heißt das konkret?
Je niedriger Ihr Bildungsgrad, je weniger Einkommen Sie haben, je schwieriger es ist, am Monatsende die Rechnungen zu bezahlen und je ungepflegter das Viertel ist, in dem Sie wohnen – umso wahrscheinlicher ist es, dass Sie das Gefühl haben: Die Politik hört nicht auf Leute wie mich.
In Wuppertal sieht man das sehr deutlich an den Stadtteilen.
Genau. In Langerfeld-Nord, Oberbarmen oder Ostersbaum ist die Wahlbeteiligung besonders niedrig. Das sind Viertel mit einer Bevölkerung, die tendenziell ein niedrigeres Bildungsniveau und Einkommen hat, deren Arbeitsverhältnisse prekärer sind, die in beengteren Wohnverhältnissen lebt und wo die Infrastruktur – Supermärkte, Apotheken, Ärzte – schlechter ist.
Aber warum ist ausgerechnet die Kommunalwahl so unbeliebt? Kommunalpolitik betrifft doch den Alltag viel direkter.
Eine genaue Antwort haben wir darauf nicht, außer: Es hat sich historisch so entwickelt. Diese Hierarchie der Wahlen – Bundes- vor Landtags- vor Kommunalwahlen – zieht sich durch die gesamte bundesdeutsche Geschichte. Es ist ein Reproduktionseffekt, bei dem wir gar nicht mehr genau sagen können, wann das eigentlich entstanden ist. Es ist gewissermaßen ein Relikt des Nationalstaates.
Also war es einfach schon immer so?
Im Prinzip ja. Auch zu Zeiten, als die europäische Integration total wichtig war, blieb die Wahlbeteiligung bei Europawahlen niedrig. Als Politikwissenschaftler würde ich sagen: Was in den Kommunen passiert, ist total wichtig für unseren Alltag. Aber das kommt bei den Bürgerinnen und Bürgern nicht in dieser Art und Weise an.
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Am 28. September steht die Stichwahl zwischen Miriam Scherff und Matthias Nocke an. Wie schätzen Sie die Wahlbeteiligung ein?
Bei Stichwahlen sinkt die Wahlbeteiligung in der Regel noch weiter. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass viele AfD-Wähler gar nicht mehr wählen gehen, weil sie sich von einem moderaten CDU-Kandidaten nicht repräsentiert sehen. Alles in allem gehen zur Stichwahlen nur noch die politisch Interessierten. Scherff und Nocke müssen beide kräftig mobilisieren. Scherff eher bei den Grünen und den Linken, Nocke eher bei der FDP und Teilen der AfD. Ob das gelingt, wird sich zeigen. Ich würde mich davor hüten, das Ergebnis vom Sonntag einfach auf die Stichwahl zu übertragen.
Was müsste sich ändern, damit mehr Menschen zur Wahl gehen?
Das eigentliche demokratische Problem ist nicht, dass mal 50 und mal 60 Prozent zur Wahl gehen. Das Problem ist die Verkrustung: Es ist immer die gleiche Schicht, die wählt. Das bedeutet, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen systematisch weniger am politischen Leben teilhaben. Wahlbeteiligung ist sozial ungleich verteilt und das ist gefährlich für die Demokratie.
Über die Person
Detlef Sack ist seit Dezember 2021 Professor für Politikwissenschaft an der Bergischen Universität Wuppertal. Der 1965 geborene Wissenschaftler lehrte zuvor von 2008 bis 2021 an der Universität Bielefeld und war als Gastdozent unter anderem in Birmingham, Shanghai und Sankt Petersburg tätig. Sack forscht schwerpunktmäßig zu Kommunalpolitik, Governance und öffentlich-privaten Partnerschaften.







