Leicht war es nicht: Im Labyrinth aus 7.489 Aktenordnern der Evangelischen Kirche in Wuppertal hat ein Spezialteam gesucht – und gefunden, was jahrzehntelang verborgen geblieben ist. Das Ergebnis: Sieben Akten, die jetzt auf den Tischen unabhängiger Staatsanwälte landen sollen.

Monatelang über Akten der Evangelischen Kirche Wuppertal

Sieben Monate lang saßen die Ermittler zwischen vergilbten Papieren und dem Echo längst vergangener Tage. Gudrun Winkels-Haupt und sechs weitere Fachleute – darunter drei ehemalige Kripobeamte – haben im Wuppertaler Kirchenkreisarchiv Akten unter die Lupe genommen.

Anlass war ein Pilotprojekt, das die rheinische Kirche ins Leben gerufen hat. Dabei ging es darum, alle Personalakten – von der Nachkriegszeit bis heute – auf Hinweise sexualisierter Gewalt zu untersuchen.

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Sexueller Missbrauch: Evangelische und Katholische Kirche

Fälle von sexualisierter Gewalt gibt es sowohl in der Evangelischen als auch in der Katholischen Kirche. Die beiden großen Kirchen unterscheiden sich aber sowohl in den Tatorten als auch in den Gelegenheitsstrukturen, die den Missbrauch begünstigen. Das berichtet die Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

Katholische Kirche
📍 Tatorte: Gemeinde, Heim, Internat, Schule
⚠️ Begünstigende Faktoren: fehlende Auseinandersetzung mit Sexualität/Zölibat in Priesterseminaren, das Beichtgeheimnis (strikte Schweigepflicht, auch bei sexueller Gewalt).

Evangelische Kirche
📍 Tatorte: Gemeinde, Heim, Pfarrfamilie
⚠️ Begünstigende Faktoren: „Gelegenheitsstrukturen“, das Selbstbild als offene/liberale Kirche (erschwert Offenlegung), Seelsorgegeheimnis (Hinweise wurden nicht weitergegeben – selbst bei Entbindung von der Schweigepflicht).

Winkels-Haupt und ihre Kollegen – die sogenannten „Aktenscreener“ – haben dabei besonders auf Auffälligkeiten in der Dokumentation geachtet – wie etwa

  • plötzliche Kündigungen,
  • Beschwerdebriefe oder
  • versteckte Formulierungen, die auf sexuell-übergriffiges Verhalten hindeuten können.

Außerdem hatten sie auch einen Leitfaden der Evangelischen Kirche im Rheinland zur Hand. Der sollte sicherstellen, dass sie alle die Akten mit den gleichen Kriterien untersuchen, heißt es im entsprechenden Artikel auf der Webseite des Evangelischen Kirchenkreises Wuppertal.

Die „Aktenscreener“ mussten sich in Wuppertal durch Stapel von Dokumenten kämpfen. Alle Akten wurden dabei mit den gleichen Kriterien untersucht.
Die „Aktenscreener“ mussten sich in Wuppertal durch Stapel von Dokumenten kämpfen. Alle Akten wurden dabei mit den gleichen Kriterien untersucht.© dpa | Stephanie Pilick

Kripo-Beamter kritisiert: Details „bewusst nicht schriftlich festgehalten“

Der ehemalige Kripo-Beamte Frank Gartmann nennt die Akten ein „Spiegelbild der Gesellschaft“, die sich jahrzehntelang nicht mit sexualisierter Gewalt auseinandersetzen wollte.

So habe es zwar in manchen älteren Akten, Hinweise auf ein „unschickliches Verhalten“ von Pfarrern oder Jugendmitarbeitenden gegeben. Details wurden aber „bewusst nicht schriftlich festgehalten“, so Gartmann.

„Zu oft fühlte sich niemand letztverantwortlich“, kritisiert auch Superintendentin Ilka Federschmidt scharf. Der fatale Mechanismus: „Betroffene wurden oft im Sinne eines falsch verstandenen theologischen Verständnisses von Vergebung dazu gedrängt, dem Täter zu verzeihen.“

Anlaufstellen für Opfer sexueller Gewalt

Hilfe-Portal sexueller Missbrauch
ℹ️ Hilfe und Unterstützung bei sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche – vor Ort, online oder telefonisch.
☎️ 0800 22 55 530
⌚ Mo., Mi., Fr.: 9.00 bis 14.00 Uhr, Di., Do.: 15.00 bis 20.00 Uhr

Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS
ℹ️ Anonyme, kostenlose Beratung durch geschulte ehrenamtliche Berater für Opfer von Kriminalität und Gewalt. 
☎️ 116006
⌚7 Tage die Woche von 7 bis 22 Uhr.

Die Opferbeauftragte des Landes NRW
ℹ️ Zentrale Anlaufstelle für alle Opfer von Straftaten und ihre Angehörigen, hilft passende Hilfsangebote zu vermitteln.
☎️ 0800 3345667
📧poststelle@opferbeauftragte.nrw.de

Fachstelle Sexualisierte Gewalt, Stadt Wuppertal
ℹ️ Beratung und Unterstützung für Eltern, Angehörige, Jugendliche und Kinder
📧 fsgstadt.wuppertal.de

Hinweise sollen geprüft werden – auch außerhalb Wuppertals

Die sieben identifizierten Akten wandern nun zur Evangelischen Kirche im Rheinland. Die wiederum will sie Staatsanwälten zur Untersuchung vorlegen. Die unabhängige Juristen sollen nicht nur nach strafrechtlicher Relevanz suchen, sondern auch das institutionelle Versagen unter die Lupe nehmen.

Was in Wuppertal begann, soll jetzt Kreise ziehen. Der standardisierte Leitfaden wurde an alle Kirchenkreise verteilt, damit auch dort die Archive ihre Geheimnisse preisgeben müssen.

„Bitte melden Sie sich bei uns“

Ab Herbst öffnet außerdem eine spezielle Kontaktstelle – die Evangelische Kirche Wuppertal will Betroffene finden. „Wir bitten ganz ausdrücklich darum, dass sie sich bei uns melden“, appelliert Federschmidt.

Unsere Quellen