„Künstlerin ist Künstlerin“, sagt Silvia Tyra, lacht und greift in die Stofftasche neben sich. Daraus zieht sie zwei Leinwände hervor - die eine rechteckig, bunt bemalt; die andere quadratisch, rot dominiert. Was daran so besonders ist? Bis vor gut einem halben Jahr spielten Leinwand, Farbe und Co. so gut wie keine Rolle im Leben der Langenbergerin.

Malen statt singen

Bis März hat die gebürtige Essenerin nämlich den Frauenchor Silcher geleitet, den bis dato ältesten Frauenchor Nordrhein-Westfalens. Doch den Chor gibt es nicht mehr, der Nachwuchs fehlte. Und ihr fehlte plötzlich ein Hobby.

Malerei war da nicht unbedingt ganz oben auf der Wunschliste, erzählt sie. „Ich habe zuletzt so vor 30 Jahren mal was gemacht. Aber damals fehlte mir die Zeit und ich wusste auch nicht so recht, was ich machen sollte.“ Das habe sich erst vor gut einem Jahr geändert - als das Aus für den Chor schon abzusehen war.

Das Internet bringt die Künstlerin auf den Weg

„Im Internet bin ich auf so genanntes Soul Painting gestoßen, intuitives Malen. Das hat mich echt fasziniert.“ Also habe sie sich ein Tischchen gekauft, natürlich weiteres Material „und einfach losgelegt“. Aber es läuft nicht so rund, wie sie es sich vorgestellt hat. „Wissen Sie: Wenn man malt und es fällt einem nichts ein, dann macht man erstmal Pause“, sagt Silvia Tyra. „Manchmal auch drei Wochen“, fügt sie lachend an.

Kunst von Silvia Tyra
Kunst von Silvia Tyra© Silvia Tyra | Silvia Tyra

In einer solchen Kreativpause surft sie weiter durch das weltweite Netz - und gelangt über Soul Painting zum Pouring - was auf Deutsch so viel wie „schütten“ bedeutet. „Ich habe diese Technik gesehen und sofort gesagt: Das mach‘ ich! Pouring ist so vielfältig und es kommt so viel Interessantes dabei raus.“

Selbst im Urlaub wird gemalt

Gesagt, getan, Silvia Tyra legt los. Und wie. „Das macht süchtig“, sagt sie, „sogar in den Urlaub habe ich meine Sachen mitgenommen. Ich musste mich zwingen, die Leinwand und die Farben wegzupacken und den Urlaub zu genießen.“ Was ihr auch gelungen sei.

Kaum zu Hause packt Silvia Tyra die Farben wieder aus. Das Besondere beim Pouring: Bei dieser Technik handelt es sich nicht um klassische Malerei. Die Acrylfarben werden verdünnt und wenn sie die richtige Konsistenz haben, auf die Leinwand geträufelt.

Föhn und Küchenutensilien werden zum Kunst-Werkzeug

Dann wird es spannend: „Manchmal benutze ich einen Föhn, damit die Kleckse verlaufen. Oder ich puste auf die Farbe. Oder ich hebe die Leinwand an und drehe sie.“ Küchenutensilien kommen auch zum Einsatz, zum Beispiel eine Seie.

So etwas kommt dabei heraus, wenn Silvia Tyra Farbe auf eine Leinwand gibt und dann auf die Kleckse pustet. „Acrylic Pouring“ nennt sich das, die Acrylfarbe wird also gegossen oder geschüttet (von engl., to pour: gießen/schütten u.a.).
So etwas kommt dabei heraus, wenn Silvia Tyra Farbe auf eine Leinwand gibt und dann auf die Kleckse pustet. „Acrylic Pouring“ nennt sich das, die Acrylfarbe wird also gegossen oder geschüttet (von engl., to pour: gießen/schütten u.a.).© Sascha Döring | Sascha Döring

„Die Seie kommt in die Mitte der Leinwand, dann schichte ich die Farben übereinander in dieses Gefäß und die laufen langsam unten raus. Je nachdem, wie ich die Leinwand dann drehe, entstehen ganz unterschiedliche Strukturen:“

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Der kleine Arbeitsplatz, den sie sich eingerichtet hat, reicht da bald nicht mehr aus. „Der Tisch ist einfach zu klein.“ Also geht es in Wohnzimmer. „Manchmal brauche ich den ganzen Esstisch“, sagt sie. Eigentlich habe sie den Keller aufräumen und dort ein Atelier einrichten wollen - aber: „Im Keller gibt es nicht genug Licht. Und ich hoffe ja immer noch darauf, dass ich jemanden findet, der mir einen Raum anbietet.“

Ausstellung im November

Mittlerweile hat Silvia Tyra rund 80 Bilder geschaffen - und die stellt sie im November aus: Vom 16. bis zum 24. November hat sie dafür Platz in der Gaststätte „Silva“ bekommen, dem ehemaligen Probenlokal ihres Chores. Zu sehen ist die Ausstellung „Acrylic Pouring“ zu den Öffnungszeiten des Gasthauses an der Kohlenstraße 430 in Hattingen: montags bis samstags von 17 bis 22 Uhr (außer mittwochs), sonn- und feiertags von 12 bis 22 Uhr.