Kriege, Krisen, Konflikte, Katastrophen: Die Welt taumelt täglich von einer traurigen Nachricht zur nächsten. Die Stimmung in der Bevölkerung: mies. Die Preise steigen, das Sozialsystem wird löchriger, die Sorge vor Kriminalität wächst.

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Das Ruhrgebiet mit seinen verarmten Städten schafft es in weiten Bereichen noch nicht einmal, rechtzeitig Abfallhaufen wegzuräumen, Graffiti zu überpinseln, Straßen und Radwege ohne Schlaglöcher und Baumwurzeln für seine Bürger herzurichten, oder die Schulen den Schülern in einem Topzustand zu überlassen. Für Pendler ist es unmöglich geworden, mit dem Zug verlässlich von Essen nach Köln zu fahren. Autofahrer stehen im Stau.

Mit anderen Worten: Die Verantwortlichen in NRW versagen seit vielen Jahren immer wieder darin, die Basis einer Gesellschaft zu pflegen, zu erhalten und modern auszubauen, nämlich die Infrastruktur. Sie wollen nun aber ein Mega-Event stemmen.

Ein kleines Wunder: Erstaunliche zwei Drittel der Wähler stimmen mit „Ja“

So ist es kein Wunder, dass selbst die größten Olympia-Fans unter den NRW-Politikern dem Bürgerentscheid sorgenvoll entgegenzitterten. So ist es ein Wunder, dass angesichts der Lage erstaunliche zwei Drittel der Wähler zum internationalen Mega-Projekt „Olympia“ in zehn oder mehr Jahren „Ja“ gesagt haben. Das zeugt von einem unerschütterlichen Optimismus, einer hohen Zuversicht in eine bessere Zukunft – ein Gefühl, das einem im Alltag der Ruhrgebietsstädte, erst recht in den sozialen Medien, selten begegnet.

Viele Bürger haben aber jetzt für Olympia gestimmt, eben weil der Alltag immer mühsamer zu bewältigen ist. Die Menschen haben es satt, von morgens bis nachts mit einem an Wahnsinn grenzenden Geschehen zugeballert zu werden. Sie gieren nach positiven Visionen, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen.

In den anvisierten Olympia-Städten in NRW haben 66 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die Bewerbung um die Olympischen Spiele der Region Köln-Rhein-Ruhr gestimmt. In Köln selbst, der „Leading City“ der Bewerbung, stimmten allerdings nur 57,4 Prozent der Wähler für die Olympia-Bewerbung. In allen anderen Städten lag die Zustimmungsquote höher als 62,7 Prozent.
In den anvisierten Olympia-Städten in NRW haben 66 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die Bewerbung um die Olympischen Spiele der Region Köln-Rhein-Ruhr gestimmt. In Köln selbst, der „Leading City“ der Bewerbung, stimmten allerdings nur 57,4 Prozent der Wähler für die Olympia-Bewerbung. In allen anderen Städten lag die Zustimmungsquote höher als 62,7 Prozent. © Rolf Vennenbernd/dpa | Rolf Vennenbernd

Der Olympia-Traum steht für das genaue Gegenteil des heutigen Welt-Wirrwarrs: Menschen fremder Kulturen kommen an einem Ort zusammen, sie feiern, tanzen, jubeln freundlich-friedlich gemeinsam – ohne Hass, ohne Feindschaft. Im Olympia-Ideal hat die Menschheit die Chance, das Beste, was in uns Menschen steckt, aller Welt zu zeigen.

Mit positiven Visionen Menschen für Politik begeistern

Die Politik muss daraus Lehren ziehen: Die Bürger wollen sich begeistern lassen, die Bürger können überzeugt werden. Doch dafür müssen Politiker endlich den Mut finden, weitreichende positive Visionen für unsere Gesellschaft zu entwickeln, um Menschen für sich zu gewinnen: Wie wollen wir in 20, in 30 Jahren leben?

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Allzu oft verstehen sich heutige Politiker zu wenig als Gestalter der Zukunft, sondern nur als technische Verwalter kleingeistiger Paragrafen. Mit seinem viel zitierten Spruch („Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“) als Leitlinie für eine Alltagspolitik ohne Fantasie hat der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) jedenfalls schon immer falsch gelegen.