Wenn Wolfgang Heitzer an die Szene der Sammelaktion in Oberhausen denkt und sie beispielhaft für viele ergreifende Erlebnisse anschaulich erzählen will, dann kommt er nicht weit: „Da kramt dann dieser kleine Junge, der vor mir steht, plötzlich in seiner Hosentasche herum, und … erzähl Du lieber.“ Sein Freund André auf der Heiden übernimmt: „Der holt da aus seiner Tasche ein paar Münzen hervor, genau 70 Cent, und drückt uns die in die Hände, der letzte Rest seines Taschengeldes. Damit wir den Kindern in Saporischschja helfen. Das treibt uns die Tränen in die Augen.“

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Heitzer und auf der Heiden – die beiden bilden die Spitze eines seit rund 20 Jahren kreativen Vereins „Oberhausen hilft“, der in dieser Zeit immer wieder hier verzweifelten Bürgern, die durch die Maschen des offiziellen sozialen Netzes gefallen sind, mit Sachmitteln aus Notlagen hilft und bereits in den Nuller-Jahren in der Oberhausener Partnerstadt Saporischschja ein Waisenhaus sanierte. Seit Beginn des russischen Angriffskrieges vor vier Jahren schickt der nur aus fünf aktiven Ehrenamtlichen bestehende private Hilfsverein Lastwagen mit dringend benötigten Hilfsgütern an die Bevölkerung in der ost-ukrainischen 700.000-Einwohner-Großstadt.

Spenden und Sachmittel von 1,4 Millionen Euro gesammelt

„Oberhausen hilft“-Vereinsvorstand Wolfgang Heitzer mit Larissa Kaplunowa im Sommer 2022 am Saporischschja-Geschenkstein auf dem Saporischschja-Platz vor dem Bert-Brecht-Haus. Kaplunowa stammt aus Saporischschja und arbeitete damals am Bertha-von-Suttner-Gymnasium.
„Oberhausen hilft“-Vereinsvorstand Wolfgang Heitzer mit Larissa Kaplunowa im Sommer 2022 am Saporischschja-Geschenkstein auf dem Saporischschja-Platz vor dem Bert-Brecht-Haus. Kaplunowa stammt aus Saporischschja und arbeitete damals am Bertha-von-Suttner-Gymnasium.© FUNKE / Foto Services | Gerd Wallhorn

Seit März 2022 ruft „Oberhausen hilft“ die Oberhausener Bürger regelmäßig zu Sachspenden auf, abgestimmt mit dem tatsächlichen Bedarf der notleidenden Menschen in Saporischschja – von warmen Decken über Winterjacken, Kinderschlafsäcke und Spielzeug bis hin zu Generatoren zur Stromversorgung und medizinischen Geräten für Krankenhäuser. Bei Geldspenden ziehen die Vereinsaktiven los, um die Güter einzukaufen. „Wir haben einen Grundsatz: Wir schicken kein Geld, sondern nur Sachartikel zur Hilfe“, sagt auf der Heiden. „Wir wollen ganz sicher gehen, dass die Spenden tatsächlich dort ankommen, wo sie gebraucht werden.“

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Gut vier Jahre nach Beginn des Krieges hat der Vereinsvorstand jetzt beim Redaktionsbesuch eine erstaunliche Bilanz gezogen: Knapp eine Million an Geldspenden und nochmals eine halbe Million an Sachspenden sind zusammengekommen – insgesamt 1,4 Millionen Euro aus einer Ruhrgebietsstadt mit Einwohnern, die nicht gerade eine üppige Kaufkraft aufweisen.

Nun ist der Transport des 23. Lasters bereits komplett, die Inhalte müssen nur noch auf die Reise geschickt werden: 3,5 Tage sind die Lkw-Transporter unterwegs, wenn nichts dazwischenkommt. Der bürokratische Aufwand ist enorm: Zollkontrollen, Gewichtsprüfungen, exakte Liste über jede einzelne Sachspende mit dem genauen Ort im Laster, auf welcher der 40 Paletten sich die Ware befindet. „Die Ukrainer nehmen das ganz genau, dabei wollen wir doch nur helfen“, sagt Wolfgang Heitzer. „Doch ich habe dafür durchaus großes Verständnis, denn so wollen die Ukrainer die Korruption im Land bekämpfen: Es soll nichts abgezweigt werden.“

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Voll gepackt war auch der 22. Lkw-Transport des Vereins „Oberhausen hilft e.V.“ – mit Winterjacken, Winterschuhen, Lebensmitteln, Medikamenten und insgesamt 25 Generatoren. Kurz vor der Abfahrt im Dezember 2025 versammelten sich (von links): André auf der Heiden (Oberhausen hilft e.V.), Marc Grunenberg (Büro für Interkultur), Jörg Brandenburg (Leiter der Feuerwehr), Dirk Bläser (Feuerwehr), Monika Heirich (Firma Heirich Tief- und Straßenbau), Sascha Pohlmann (Feuerwehr), Oberbürgermeister Thorsten Berg, Wolfgang Heitzer und Jörg Bischoff (beide Oberhausen hilft e.V.) sowie Taras Schevtschenko.© Stadt Oberhausen / Tom Thöne | Tom Thöne

Frühere Spender: „Ich tue mir die Bilder nicht mehr an“

Wie auch Wohlfahrtsverbände berichten, hat die Spendenbereitschaft der Bevölkerung für die Ukraine extrem abgenommen. Nach Beobachtung von Heitzer und auf der Heiden liegt das an mehreren Faktoren: an der Gewöhnung an einen Krieg mitten in Europa, an den Nachrichten über Korruption und Vetternwirtschaft im engsten Umkreis der Führungsspitze der Ukraine – und an der Flut der Mega-Konflikte in der Welt. „Uns wird gesagt: Ich schaue keine Nachrichten mehr, ich halte das nicht mehr aus, ich tue mir die Bilder nicht mehr an.“

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Gleichwohl bemerkt der Verein immer noch eine sehr, sehr starke Verbundenheit der Oberhausener mit den Schicksalsschlägen der Ukrainer. „Diejenigen, die uns Spenden geben, sagen immer wieder: Uns geht es ja noch gut, wir müssen nicht in so einer fürchterlichen Situation leben wie die Bürger in Saporischschja.“ Ältere Spender schildern ihre traurigen eigenen Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg.

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Während im ersten Jahr der Verein „Oberhausen hilft“ selbst von Bürgern angesprochen worden ist, wie man den Ukrainern helfen kann, hängt jetzt vieles von einzelnen Personen und Initiativen ab. Direkte Ansprache, ein dichtes Netzwerk, engagierte Schulen wie das Sophie-Scholl-Gymnasium mit einer hoch motivierten Elternschaft helfen, den Spendenstrom nicht versickern zu lassen. „Für uns ist das keine abstrakte Geschichte, die irgendwo in den Nachrichten läuft“, meinen die beiden Vereinsverantwortlichen beim Besuch der Redaktion zu ihrem persönlichen Engagement. „Wir waren vor Ort, wir ahnen, was die Menschen in Saporischschja aushalten müssen. Das ist gar nicht zu beschreiben. Und wir wissen, wie konkret wir wem helfen können.“

Ein Foto des Beschenkten als Beweis

Das weist der Verein auf Bitten der Spender auch immer wieder nach: So möchten einige zum Beweis ein Foto erhalten, auf dem zu sehen ist, wer die warme Mütze oder den Kinderschlafsack erhalten hat. „Die Beschenkten sind unglaublich dankbar.“ Die Helfer kennen aber auch ihre Grenzen: „Was wir machen, wie wir helfen können, ist letztendlich angesichts der großen Tragödie in der Ukraine nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Schicksal der Ukraine können wir nicht wenden. Doch unsere Hilfe ist immer noch besser als nichts zu tun.“

André auf der Heiden ist Vorstandsmitglied von „Oberhausen hilft“ und langjähriger Personalratsvorsitzender der Stadt Oberhausen.
André auf der Heiden ist Vorstandsmitglied von „Oberhausen hilft“ und langjähriger Personalratsvorsitzender der Stadt Oberhausen. © FUNKE FotoServices | Kerstin Bögeholz

Wer helfen will, findet alle Informationen auf der Webseite des Vereins: https://www.oberhausen-hilft.de/. Dabei kann man als Zweck der Überweisung „Ukraine“ angeben, aber man kann auch mit seinem Geld dafür sorgen, dass Oberhausenern in Not geholfen wird. Denn auch diese Rettungsaktionen gehen weiter.