Mit der „Oberhausen Auswahl“ beweisen sich die Internationalen Kurzfilmtage nicht nur als Festival für ausgewiesene, meist jüngere Filmfans, die stets im Mai die Lichtburg füllen. Die selbst immerhin 70 Jahre alte Institution beweist alljährlich im Herbst auch ihr Herz für ältere Menschen, die das Festival nicht mehr eigenständig besuchen können. 2015 war erstmals die „Oberhausen Auswahl“ in Seniorenresidenzen zu sehen. Die Idee: Oberhausener zwischen 65 und 90 Jahren wählen selbst aus, was sie sehen wollen.

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Jeweils von Januar bis März sichten sie Filme aus dem Archiv der Kurzfilmtage und stellen daraus ein Programm zusammen, das dann durch Oberhausen tourt, gefördert von der Sparkassen-Bürgerstiftung. Traditionell steigt die „Auswahl“-Premiere während des Festivals, um im Herbst zu einer kleinen Tournee durch Senioren- und Kultureinrichtungen aufzubrechen. Von Anfang an kam das Konzept gut an - so sehr, dass man sogar 2020 trotz Corona-Lockdowns eine Online-Ausgabe zusammenstellte.

Ein sympathischer Cartoon-Esel fühlt sich unterbezahlt mit seinem Job am Strand:  Louise Bagnalls Film „Donkey“ zeigt irisch-schrägen Humor.
Ein sympathischer Cartoon-Esel fühlt sich unterbezahlt mit seinem Job am Strand:  Louise Bagnalls Film „Donkey“ zeigt irisch-schrägen Humor. © Internationale Kurzfilmtage | Louise Bagnall

Aktuell läuft die sechste Ausgabe der „Oberhausen Auswahl“ - dank der Förderung kostenfrei für alle Schauplätze vom Pflege Zentrum St. Clemens bis zum Haus Gottesdank, in dem Ende November die sieben ausgewählten Filme zu sehen sein werden. Weitere Häuser können sich noch bis Freitag, 15. November, beteiligen: Eine Mail an shipping@kurzfilmtage.de genügt.

Das Septett der „Oberhausen Auswahl“ bietet neben kurzen Spielfilmen auch stimmungsvolle Dokus und Animationsfilme für jedes Alter - und weckt den Eindruck, dass ausgerechnet 2020 ein ganz starkes Kurzfilmjahr aufgeboten hat: mit vier ausgesuchten Filmperlen.

Schwerstarbeit der Senner als hinreißendes Ballett

So erzählt „Kiki la plume“ von jenem Kanarienvogel, der nur seinen Käfig kennt, und von der alten Dame, die ihn füttert. Julie Rembauville und Nicolas Bianco-Levrin lassen ihren gefiederten Helden ausbüxen - und erkennen: Ein freier Vogel zu sein, ist ganz schön beängstigend. Ebenfalls in Frankreich drehte das Oberhausener Filmemacherpaar Volker Köster und Frédérique Lafont „La Bâche“ - und zwar in  Bonneval-sur-Arc, dem östlichsten Dorf der Region Savoyen hoch in den Alpen. Die Heuernte in Almen auf 3000 Meter Höhe erleichtern sich die Senner, indem sie mit ihren auf Folien hochgetürmten Heuladungen die Hänge abwärts rutschen: ein hinreißendes Ballett der Schwerstarbeit.

Der Filmemacher als Erntehelfer: Volker Köster (li.) und sein „Patron“ Rémi, der die Almen über Bonneval-sur-Arc bewirtschaftet.
Der Filmemacher als Erntehelfer: Volker Köster (li.) und sein „Patron“ Rémi, der die Almen über Bonneval-sur-Arc bewirtschaftet.© Ruhrpott-Film | Frédérique Lafont

Die „Essenz des deutschen Heimatfilms“ nennen die Kurzfilmtage Marion Kellmanns Collage aus Schnipseln von rund 50 Filmen des sonst so geschmähten „Papas Kino“ der Nachkriegsjahre - mit einer neuen Handlung. „Und der Sünder bereut“ erzählt natürlich eine dörfliche Liebesgeschichte, die nach dem Auftritt eines Bösewichts am Ende gut ausgeht. Ebenfalls auf dem Land, allerdings an der irischen Küste, lässt Louise Bagnall einen putzigen Esel namens „Donkey“ seine Arbeit verrichten. Doch das Cartoon-Tierchen ist seinen schlecht bezahlten Job am Strand bald leid.

„Geister des Ruhrgebiets“ mit etwas Gruselflair

Die 35-jährige Münchnerin Jovana Reisinger ist als Roman-Schriftstellerin noch erfolgreicher als mit ihren sarkastischen Kurzfilmen: „Die klaffende Wunde“ erzählt von Petra, die entspannen will, Martha, die sich Sorgen macht, und Maria, die einfach nicht mehr aufsteht. Dazu rauschen die Wellen und es ist heiß.

Idyll am Seeufer - dazu der gruselige Filmtitel „Die klaffende Wunde“. Jovana Reisinger ist als Roman-Autorin noch erfolgreicher als mit ihren Kurzfilmen.
Idyll am Seeufer - dazu der gruselige Filmtitel „Die klaffende Wunde“. Jovana Reisinger ist als Roman-Autorin noch erfolgreicher als mit ihren Kurzfilmen.© Internationale Kurzfilmtage | Jovana Reisinger

Ruhrgebiet mit etwas Gruselflair liefert die aus Borken stammende Mareike Wegener mit „X“: Im Tausch gegen die menschliche Seele vergibt der Teufel außergewöhnliche Talente. Die Stätte dieses Tauschhandels heißt X und liegt zwischen den Welten. Die Kurzfilmtage nennen das Werk „ein filmisches Ahnenritual zu Ehren der Geister des Ruhrgebiets“.

Zu guter letzt noch ein anrührendes Viertelstündchen aus den Niederlanden von Annelies Kruk: „Free as a Bird“ kennt man als Beatles-Song - hier geht‘s aber um den nierenkranken Hund Mikey und seine beste Freundin, die zwölfjährige Ariana: Sie ist fest entschlossen, eine Spenderniere für ihren Liebling aufzutreiben.