Wie war das damals in der Schule? Erzähl doch mal! Wenn Michaela Koch, die vor Jahrzehnten Schülerin der Mülheimer Pestalozzi-Schule war, diese Aufforderung erhält, denkt sie sofort an eine ganz besondere Person: an Lehrer Winfried Schmidt. An diesen Mann, „in den eigentlich alle verknallt waren“, und der in jeder Pause umringt war „von einem riesigen Pulk“. Auch die Jungs schauten zu ihm auf. „Dabei war er kleiner als die allermeisten Schüler“, so die 68-Jährige. Aber eben immer für sie da: „Wenn man Mist gemacht hatte, ist er sogar mit zum Rektor gegangen und hat einem beigestanden.“ Leider ist Schmidt im September 2024 gestorben – und so verpasst er das große Fest zum 150-jährigen Bestehen der Schule am 20. Juni.

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Michaela Koch, die die Schule an der Bülowstraße 1972 verließ – mit dem Hauptschulabschluss in der Tasche –, ist eine klassische Zeitzeugin. Sie hat noch viele Bilder von früher im Kopf und hat sich erst kürzlich wieder mit Klassenkameraden getroffen, um die Erinnerungen aufzufrischen. Die Schule hätte gern mehr von solchen Geschichten. „Wir freuen uns über jeden, der sich bei uns meldet und etwas von früher erzählt“, so Leiterin Julia Friedrichs.
Es gibt noch viele Fragen zur Historie der Mülheimer Grundschule
Es gibt noch etliche offene Fragen zur Historie der Broicher Grundschule, die einst auch Volks- und später Hauptschule war, und ehemals nur evangelische Kinder aufnahm. „Es gibt erstaunlich wenig in den Archiven“, sagt Friedrichs. Was man weiß: Die 1876 gegründete Schule lag zunächst an der Pestalozzistraße und musste zwischenzeitlich Kinder aus der im Krieg zerstörten evangelischen Grundschule an der Bergstraße aufnehmen. Dadurch wurde sie zu klein, ein Neubau musste her. 1953 zog man in das noch heute genutzte Gebäude an der Bülowstraße.

Für das anstehende Jubiläum sind ein Schulfest mit eigens getextetem Song und coolem Kindertanz geplant, eine Projektwoche, eine Ausstellung und eine Festschrift. Für diese interviewen kleine, wissbegierige Menschen, die zum Team der Zeitungs-AG gehören, aktuell große, wissende Menschen, die Spannendes von früher erzählen können. Amna aus der 3a zählt dazu, Hassan aus der 4b und einige andere.
Ermordete Mülheimerin war Bärbel Nordens erste Klassenlehrerin
Unter anderem haben sie Bärbel Norden (72) getroffen, die Ostern 1960 als Erstklässlerin startete und bis zum Hauptschulabschluss 1968 blieb. Nordens stärkste Erinnerung gilt Luise Stöcker, der Klassenlehrerin, die sie als i-Dötzchen hatte. „Als ich elf Jahre alt war, hat meine Mutter eines Tages gesagt: Schau mal in die Zeitung.“ Dort stand Unfassbares: Stöcker war ermordet worden. „Wir haben uns gewundert, warum sie länger nicht aufgetaucht ist.“ Doch mit einer solchen Wendung habe niemand gerechnet. Anders als es heute wohl wäre, war der verstörende Vorfall damals ein Tabu: „Niemand hat uns aufgeklärt, niemand hat uns betreut. Die Lehrer wurden zwar alle vernommen, der Unterricht aber ging normal weiter.“ Bis heute ist der Kriminalfall ungelöst.
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Auch an Lehrerin Eva Schmitz, die durch Güte auffiel, denkt Norden gelegentlich. „Wir hatten einen Mitschüler, der Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben hatte. Der arme Kerl hätte eigentlich auf eine Hilfsschule gehört.“ Dann aber hätte er auf dem Arbeitsmarkt Probleme bekommen. „Also hat Frau Schmitz ihn Jahr für Jahr in die nächste Klasse mitgenommen und er hat den Abschluss mit Ach und Krach geschafft.“ Eine, wie Norden heute noch findet, weise Entscheidung: „Er ist Gärtner geworden. Und glücklich.“
Noch heute backt die 57-Jährige nach Rezepten der Hauswirtschaftslehrerin
Glücklich wird auch Sandra Hense (57), wenn sie an alte Pestalozzi-Tage denkt, und da vor allem an die Stunden bei Hauswirtschaftslehrerin Rita Bäuerle. „Dort, wo heute die OGS ist, hatten wir damals Physik, Chemie – und Kochen.“ Noch heute backt sie nach den alten Rezepten, so einen Apfelkuchen oder den weihnachtlichen Rotweinkuchen.
Wir freuen uns über jeden, der sich bei uns meldet und etwas von früher erzählt.
Julia Friedrichs, Leiterin der Pestalozzi-Schule
Hense ist 1987 mit Realschulabschluss abgegangen, und auch ihr Mann Dirk sowie ihr Sohn Nils waren einst auf dieser Schule. Die Familie ist noch heute vielfältig mit der Grundschule verbunden, so arbeitet Sandra Hense in der Erstförderung von Seiteneinsteigern. Das Paar hat den Wandel der Schule über Jahrzehnte live verfolgt – und für gut befunden.
Oberstes Gesetz der Schule? Die Kinder sollen sich wohlfühlen
280 Jungen und Mädchen besuchen diese heute; 25 Lehrkräfte sind im Einsatz sowie 15 pädagogische Mitarbeiter. Alle haben ein Ziel: „Die Kinder sollen sich hier wohlfühlen.“ Dafür wird laut Friedrichs so manches verändert, pädagogisch wie baulich. Seit dem Sommer lernen die Erstklässler Deutsch, Mathe und Co. nicht mehr im Klassenverband, sondern nach gemeinsamem Morgenkreis ganz individuell nach eigenen Stärken und in eigenem Tempo. Nach und nach soll es so auch in anderen Jahrgangsstufen ablaufen.

Anstelle herkömmlicher Klassenzimmer findet das Lernen an der Bülowstraße künftig in Lernlandschaften statt, „an Orten, wo Kinder Ruhe finden oder sich austauschen und bewegen können“, so Friedrichs, die sich auch besonders über das grüne Klassenzimmer freut, das jüngst im Schulgarten entstanden ist. Die Kinder können Kaulquappen im Teich beobachten, Kartoffeln beim Wachsen zusehen, die Garten- oder die Bienen-AG besuchen – oder auch einfach mal nur die Natur in aller Schönheit erleben.
Kooperation mit einer von Uschi Glas ins Leben gerufenen Hilfsaktion
Friedrichs erwähnt zudem die neue Bücherei und Hense die Kooperation mit der einst von Schauspielerin Uschi Glas ins Leben gerufenen „Brotzeit“. Rund 60 Kinder frühstücken täglich in der Schule; Lebensmittelspenden machen es möglich. Eine Aktion, die hervorragend zum Schulmotto passt: „Mit Herz, Kopf und Hand“.
Genau mit dieser Einstellung gehen auch Amna und Hassan zu Werke. Im Interview mit Bärbel Norden haben sie erfahren, dass es schon damals Schultüten gab, dass ihre Lieblingsfächer Deutsch, Erdkunde und Handarbeit waren und dass Mädchen in der Pause gern Gummitwist gesprungen sind. „Kennt ihr das?“, fragt die ältere Gesprächspartnerin. Amna und Hassan schütteln den Kopf.

Einkaufen, kochen, Tisch decken – auch das zählte zum Unterricht
Sie finden es spannend, dass die Schülerinnen früher im Hauswirtschaftsunterricht zum Einkaufen geschickt wurden. Dass sie den Tisch decken und Eintopf zubereiten mussten. Und dass sie lernten, woraus Lebensmittel bestehen. „Was wünschen Sie der Schule zum Geburtstag?“, möchten die beiden abschließend wissen. „Dass sie noch lange besteht. Hier kann man sich wirklich wohlfühlen.“
Das Schulfest findet statt am 20. Juni von 11 bis 14 Uhr. Ansprechpartnerinnen sind neben der Schulleiterin auch Stellvertreterin Janina Hietzschold sowie zur Festschrift die Lehrerinnen Ane-Kristin Reif-Mosel und Victoria Voroshilov; Kontakt: 0208 4557860.









