Den Aufzug schmückt ein hübsches buntes Bild, er fährt hinauf bis in die 20. Etage des Hochhauses am Hans-Böckler-Platz 7. Marlin de Haan steigt allerdings im 8. Stock aus. Dort hat sie vor zwei Monaten eine Wohnung auf Zeit bezogen.

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Der Auftrag der Künstlerin: Sie soll Begegnungen mit Menschen an einem besonderen Ort initiieren. Auftraggeber ist der Ringlokschuppen. Dort findet das Kulturprojekt am 8. und 9. Mai, jeweils um 20 Uhr, auch seinen Abschluss mit künstlerischen Darbietungen, Live-Musik und anregenden Gesprächen.

Professionelle Performer und Musiker sind dann dabei, aber auch die „Komplizinnen und Komplizen“ aus der Stadtgesellschaft, die de Haan für ihr Projekt gewinnen konnte. Dafür hat sie - alleine oder gemeinsam mit anderen Künstlern - viel getan. „Ich habe durch Aushänge in allen Hochhausfluren auf mich und das Projekt aufmerksam gemacht, Treffen und Konzerte in meiner Wohnung veranstaltet, um mit Nachbarn in Kontakt zu treten“, erzählt die frühere Theaterregisseurin.

Im Katzenkostüm ging es durch die Mülheimer Innenstadt

Außerdem haben sie und ihr Team Straßenmusik in der City gemacht und eine Plakataktion im Freien veranstaltet, bei der Passanten ihre Wünsche auf Pappschilder schreiben konnten. „Ich bin auch im Katzen-Kostüm durch die Stadt gelaufen, um mit Leuten ins Gespräch zu kommen“, berichtet die Künstlerin lachend. Was ihr tatsächlich gut gelungen ist. Selfies mit ihr waren gefragt, und: „Noch nie bin ich so viel umarmt worden - von Menschen jeden Alters.“

Luftaufnahme Forum Hochhäuser in Mülheim an der Ruhr
Die vier Hochäuser am Hans-Böckler-Platz in Mülheim sind ein besonderer Ort und irgendwie auch ein Wahrzeichen der Stadt.© FUNKE Foto Services | Martin Möller

Viele Erkenntnisse hat Marlin de Haan im Laufe der acht Wochen gewonnen. Grundsätzlich findet sie: „Die Menschen in Mülheim sind sehr offen und nett. Ich habe interessante Charaktere kennengelernt.“ Allerdings musste sie auch feststellen: „Die Innenstadt ist nur tagsüber belebt, das Forum als zentraler Ort macht um 21.30 Uhr zu. Dann muss man außen rum gehen.“ Eine Ausgehkultur gebe es in Mülheim zwar, aber: „Man muss wissen, wo die Ausgeh-Orte sind. Oder Mülheimer finden, die sie einem zeigen.“

Als Angstraum habe sie die Innenstadt und den Hans-Böckler-Platz nie empfunden. „Die Sicht der Leute von außen deckt sich nicht mit der Sicht der Menschen, die hier wohnen. Viele fühlen sich wohl hier in den Hochhäusern.“ Die „tolle Aussicht“ rangiere übrigens ganz oben in der Liste der Pluspunkte.

Wir verstehen uns als Initiatoren, wollen Prozesse anschubsen. Vielleicht erreichen wir, dass die Leute künftig mehr zusammen machen oder mehr einfordern.

Marlin de Haan, Künstlerin/Regisseurin

Schwimmbad in der obersten Etage ist der Lieblingsort

Eine Entdeckung, die die Künstlerin sofort gemacht hat: „Der Aufzug ist ein wunderbarer Kommunikationsort, der sehr geschätzt wird. Hier reden die Leute fast immer miteinander. Und es wird erstaunlich schnell persönlich.“ Orte, an denen Austausch stattfinde, seien auch der Waschraum, die Briefkasten-Ecke im EG und das Schwimmbad in der obersten Etage, das jeder nutzen darf und das der Lieblingsort der Bewohnerinnen und Bewohner sei. „Nachbarschaft findet hier statt, wenn man sie denn möchte“, bilanziert de Haan. Die Bewohnerschaft sei multikulturell, aber verständige sich gut. Was vielen fehle: der zentrale Treff, den es früher einmal gab (die „Tenne“).

Stadt-Kunst-Projekt im Mülheimer Hochhaus
Die Künstlerin Marlin de Haan steht an ihrem Fenster im 8. Stock eines Hochhauses am Hans-Böckler-Platz.© FUNKE Foto Services | Michael Dahlke

„Unser Plan ist es, die Anliegen der Menschen mitzunehmen und öffentlich zu machen. Wir wünschen uns, dass sie sie selber auf der Bühne inszenieren“, erklärt die Künstlerin. Manche ziehen da mit: Ein Nachbar hat einen Text über das Leben im Hochhaus geschrieben und wird ihn vorlesen, ein anderer „Komplize“ dreht ein Video an seinem Wohnort, das er vorführen wird. Die Plakate mit Bürger-Wünschen sollen im Ringlokschuppen als Kulisse dienen: „Frieden in Herz und Seele“ steht darauf, „Mehr Skateparks für alle“ oder „Nachbarschaft & Zusammenhalt“. Marlin de Haan und ihre Mitstreiter wollen selbst von Themen und Fragen berichten, die beim Projekt aufgekommen sind.

Team will Mülheimer/innen ermutigen, mehr einzufordern

„Wir, also das künstlerische Team, verstehen uns als Initiatoren, wollen Prozesse anschubsen. Vielleicht erreichen wir, dass die Leute künftig mehr zusammen machen oder mehr einfordern“, sagt Marlin de Haan. Intendiert ist auch, Menschen, die vielleicht noch nie im Ringlokschuppen oder an anderen Kultur-Orten waren, an die Kultur heranzuführen.

Apropos gute Nachbarschaft: Ein Hochhausbewohner hat Marlin de Haan schon einen Glücksbringer für die Abschlussveranstaltung am 8./9. Mai vorbeigebracht.