Sie rauchte, trug Herrenanzüge mit Krawatte und umrundete als erster Mensch die Welt in einem Auto: Clärenore Stinnes, 1901 als drittes von sieben Kindern des Mülheimer Großindustriellen Hugo Stinnes geboren, widersprach in ihrem Tun allem, was ihre Zeit von Frauen erwartete. Daran war ihre Mutter nicht ganz unschuldig, wollte sie die Geschicke des Unternehmens nach dem Tod ihres Mannes 1924 schließlich lieber in die Hände der älteren Brüder legen.

Täglich (außer Samstag)
Mülheim-Newsletter: Jetzt kostenlos anmelden!
Nachrichten, Service, Reportagen: Jeden Tag wissen, was in unserer Stadt los ist.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Clärenore Stinnes aber wollte auf eigenen Füßen stehen, landete über Umwege und einigen Modeljobs schließlich im Rennsport. Die Dino-Automobilwerke, die zuvor zum Stinnes-Konzern gehört hatten, hatten ihr den Job als Rennfahrerin angeboten, zunächst zu Werbezwecken. Denn eine Frau im Auto, das sorgte selbst in den Goldenen Zwanzigern für Aufsehen. An ihrer ersten Rallye durch das Ruhrgebiet nimmt sie noch unter dem Pseudonym Fräulein Lehmann teil. Die Mülheimerin verfestigt ihren Erfolg und wird mit 17 Rennsiegen (fast ausschließlich gegen Männer) die beste Rennfahrerin Europas.
Clärenore Stinnes traf Stalin, Atatürk und Hoover
Lesen Sie auch
Bei einer Rallye in Russland entsteht auch die Idee für ihre „Weltfahrt“. Zwei Jahre lang bereitete sie das größte Abenteuer ihres Lebens vor. Dabei wurde sie von ihrer Familie ebenso unterstützt wie von der deutschen Automobilindustrie, deren Stärke Stinnes mit ihrem Unterfangen unter Beweis stellen wollte. So überließen die Adler-Werke ihr damals das passende Gefährt, einen kastenförmigen und 40 PS starken „Standard 6“. Dazu stellte Adler noch zwei Mechaniker und einen Lkw für Ersatzteile, Benzin und Proviant. Am 25. Mai 1927 startete die Fahrt in Frankfurt, neben den Technikern begleitete der schwedische Kameramann Carl-Axel Söderström die abenteuerlustige Clärenore. Die beiden Mechaniker begleiten die Fahrerin nur bis nach Russland – zu beschwerlich ist die Reise für sie. „Fräulein Stinnes muss aus Stahl gemacht sein. So wie sie alles aushält, ohne zu klagen“, ist von ihnen überliefert. Ständig musste das Auto wegen schlechter Straßen geschoben werden und auch die Essensversorgung war trotz bester Verbindungen nicht überall möglich. Dabei hatte Außenminister Stresemann persönlich Clärenore Stinnes zuvor alle deutschen Vertretungen zur Verfügung gestellt, um dort Benzin hinzuschicken, Reserveteile, Gummi, Öl.
[Jeden Mittwoch kostenlos in Ihrem Postfach: Unser Kulturnewsletter mit allem Wissenswerten rund um Bühnen, Konzerte, Ausstellungen und Literatur aus dem Ruhrgebiet. Dazu gibt‘s handgemachte Eventtipps. Hier können Sie den Kultur-Newsletter bestellen.]
Nicht nur in der deutschen Politik sorgt die Tochter aus reichem Hause für Aufsehen: Nachdem sich zunächst Reichspräsident Paul von Hindenburg in ihr Reisetagebuch eingetragen hatte, folgen der türkische Staatspräsident Kemal Atatürk, US-Präsident Herbert Hoover, New Yorks Bürgermeister Jimmy Walker, Auto-König Henry Ford und der sowjetische Staats- und Parteichef Josef Stalin.

Sie alle bewundern wohl den Mut der jungen Frau: Ob gefrorenes Motoröl in Sibirien oder der beschwerliche Weg durch die Anden, deren Wegenetz damals noch nicht einmal in Karten verzeichnet war: Clärenore Stinnes ließ sich durch nichts aufhalten. Als ihre letzte Etappe sie schließlich durch die USA führte, war die Durchquerung wegen der gut ausgebauten Straßen fast ein Kinderspiel. Unter riesigem Jubel kehrten Stinnes und ihr Kameramann, den sie wenig später heiratete, am 24. Juni 1929 nach Deutschland zurück. Gemeinsam mit Carl-Axel Söderström machte Stinnes ihre Erlebnisse als Buch und Film öffentlich: „Im Auto zwischen zwei Welten“, heißen die Werke, die in den folgenden Jahrzehnten in Vergessenheit geraten. Die Stadt Mülheim schreibt dazu: „Bis zu ihrem Tod am 7. September 1990 blieben Automobile Clärenores große Leidenschaft. Trotz des großen Medieninteresses nach ihrer Reise und dem Bekanntheitsgrad ihrer Familie sind Clärenore Söderström, geborene Stinnes, und ihre Weltumrundung heutzutage der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt.“
2008 wurde die Geschichte der ungewöhnlichen Frau verfilmt: mit Sandra Hüller in der Hauptrolle.








