„Da! Ein Zitronenfalter!“ Der Arm von Helmut Kessler schwenkt herum, seine Hand zeigt auf einen flatternden gelben Fleck, drei Augenpaare folgen der Bewegung. Was heute beinahe Begeisterungsstürme auslöst, war zwar früher auch etwas Besonderes, aber sicher keine Seltenheit. Schmetterlinge, gerade die hellgelben, tänzelten im Frühling über nahezu jeder Blume, in direkter Nachbarschaft zu Bienen, Hummeln und anderem fliegenden Getier. Und heute? Eher gähnende Leere über dem Beet als schwirrende, emsige Insektenvielfalt.

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Helmut Kessler, Ökologe aus Speldorf, spricht sogar vom großen Schweigen der Insekten. Denn nur wenn es summt und brummt, funktioniere die Natur. Doch allzu oft bleibe es gespenstisch still – dem dramatischen Rückgang vieler Insektenarten geschuldet.

„Das Insektensterben ist nicht weg, aber es ist weg aus den Köpfen der meisten“, ist die Wahrnehmung des Experten. Um mehr Mülheimerinnen und Mülheimer für das überaus komplexe Leben der Insekten zu begeistern und ihre überragende Wichtigkeit für funktionierende Ökosysteme – Grundlage für einen Großteil unserer Nahrung – aufzuzeigen, startet der Mülheimer eine VHS-Reihe.

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Insekten neu entdecken: Mülheimer Ökologe begeistert mit spannenden Beispielen

Denn, so seine Beobachtung: „Die Menschen haben sich von Insekten entfremdet. Wir müssen sie wieder an diese Lebenswelt heranführen.“ Und seine Erkenntnis aus jahrzehntelanger, auch beruflicher Beschäftigung mit dieser Lebenswelt: „Es tut sich ein ganzer Kosmos auf.“

Helmut Kessler kann zig spannende Beispiele erzählen, wie etwa das von der Dolchwespe – „groß wie eine Hornisse“ –, die eine Käferlarve im Erdreich zur Eiablage sucht und diese selbst in 20 Zentimetern Tiefe findet, durch einen gezielten Stich am Bauch lähmt, um ihr Ei darauf abzulegen, und schließlich ein Jahr später der Nachkömmling schlüpft. „Das ist Natur – fressen und gefressen werden“, begeistert sich Kessler.

Neue VHS-Reihe in Mülheim
Der Mülheimer Ökologe Helmut Kessler berichtet über „Das große Schweigen der Insekten“. © FUNKE Foto Services | Michael Dahlke

Um den Menschen die Abneigung, gar die Angst vor Insekten zu nehmen, engagiert sich der 69-Jährige. „Deshalb bin ich an die VHS herangetreten.“ Herausgekommen ist eine vielfältige Reihe (siehe Info-Box). Ein großes Anliegen ist ihm auch die Wissensvermittlung bei Kindern und Jugendlichen. „Wir sind in der Biomasse der Erde nur ein sehr kleiner Baustein, haben aber viel Einfluss.“

Mülheimer Experte: Wildbienen sichern Bestäubung – Pestizide bedrohen Insekten

Beim Insektensterben denken viele sofort an die Honigbiene. „Doch die ist quasi das Hausschwein – sie wird von den Imkern umsorgt, vor Krankheiten beschützt. Die allermeiste Arbeit aber bei der Bestäubung von Pflanzen wie etwa Obstbäumen machen die rund 560 Wildbienenarten, betont Kessler und unterstreicht: „Insekten sind unsere Lebensgrundlage.“ Wenn in der Landwirtschaft Chemie gespritzt wird, trage der Wind diese Substanzen weiter, etwa in Naturschutzgebiete.

Neue VHS-Reihe in Mülheim
Der Ökologe Helmut Kessler aus Mülheim informiert bei einer vielfältigen VHS-Reihe über die Lage der Insekten und gibt Tipps, wie man etwas zu ihrem Schutz tun kann.© FUNKE Foto Services | Michael Dahlke

Gerade im urbanen Raum mit viel bebauter Fläche und versiegelten Böden seien Friedhöfe und Kleingartenanlagen „wichtigste Flächen“, wie Kessler sagt. Flächenfraß sowie Pestizide auf den Äckern, aber auch im heimischen Garten, seien das K.O.-Kriterium für heimische Insekten.

Schmetterlinge sterben aus: Lebensräume und Futterpflanzen fehlen

Sein oberstes Credo für die Natur, damit sie leben kann und es Insekten gut geht: Mehr lassen als tun. Heißt: Den Garten nicht penibel aufräumen, sondern Gehölze liegen und Verblühtes stehen lassen, auch Laubhaufen nicht wegräumen, damit Insekten Lebensraum und Nahrung daraus ziehen können.

Neue VHS-Reihe in Mülheim
Reste im Garten einfach mal liegenzulassen, etwa wie hier als Totholz-Hecke, bietet Insekten Lebensraum und Nahrung, erklärt der Mülheimer Fachmann. © FUNKE Foto Services | Michael Dahlke

Was Natur-Ästheten vermutlich am meisten vermissen, sind die wunderschönen Schmetterlinge in ihren bezaubernden Farben und Formen. Dem BUND zufolge sind inzwischen 80 Prozent der 190 heimischen Tagfalterarten bedroht. Die Gründe: Ihre Lebensräume werden zerstört, ihnen fehlen Futterpflanzen, etwa durch Umweltgifte, Klimakrise und industrialisierte Landwirtschaft.

Verschollen geglaubter Nachtfalter wieder in Mülheim entdeckt

Wer Schmetterlingen etwas Gutes tun will, lässt im Garten Brennnesseln, Disteln, Löwenzahn und Klee stehen, und pflanzt etwa Phlox, Fetthenne, Schlüsselblume und Kräuter wie Thymian und Oregano, mäht den Rasen seltener und legt eine Wildblumenwiese an. Das komme auch anderen Insekten wie der Biene zugute. Wer noch mehr tun möchte, kann ein Insektenhotel als Nisthilfe anlegen. Dann aber ein gut gemachtes, verweist Kessler, mit glatt abgesägten und geschliffenen Hölzern ohne Splitter an den Einflugöffnungen. Und: „Wo man ein Hotel hinstellt, muss es auch Nahrung geben. Wenn nur Schottergarten drumherum ist, bringt das nichts.“

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Helmut Kessler hat sich seit Jahrzehnten der Umwelt, dem Naturschutz verschrieben, engagiert sich auch im BUND und im Vorstand der Kleingartenanlage an der Teutonenstraße in Broich. Bei einer abendlichen Bestimmung von Nachtfaltern ist ihm kürzlich ein Coup geglückt: Kessler entdeckte in Mülheim – im heimischen Garten in Speldorf – einen in NRW seit Jahrzehnten verschollen geglaubten Nachtfalter.

Wo man ein Hotel hinstellt, muss es auch Nahrung geben. Wenn nur Schottergarten drumherum ist, bringt das nichts.

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Helmut Kessler, Ökologe, zu Insektenhotels

„Der war zuletzt 1930 gesehen worden.“ Ob die Art nun tatsächlich nicht mehr da war oder ihre Sichtungen in den beinahe 100 Jahren schlicht nicht mehr dokumentiert worden sind, sei unklar. Viel wichtiger aber sei, so Kessler: „Inzwischen ist die Art schon wieder an 58 Stellen in NRW gesichtet worden.“

Dazu trage wohl auch bei, dass mehr Menschen auf Insekten achten und ihre Sichtungen über die App „Obsidentify“ registrieren, so wie Kessler es auch stets tut. „Die Raupe des Nachfalters lebt von einem bestimmten Moos, das wegen der Luftverschmutzung stark zurückgegangen war“, erklärt der Ökologe und spricht von einem erfreulichen Comeback des Schwarzfleck-Mooszünslers.

Reihe zur gefährdeten Vielfalt der Insekten

Die VHS-Reihe „Insekten – gefährdete Vielfalt, faszinierende Welt“ mit Helmut Kessler beinhaltet: Ausstellungseröffnung am Freitag, 17. April, 18.30 Uhr, VHS an der Aktienstraße, mit einem Vortrag des Ökologen (Eintritt frei). Weiterer Vortrag zur gefährdeten Vielfalt der Insekten: Montag, 20. April, 18-19.30 Uhr, (Gebühr: 7 Euro). Kompaktkurs zu Bedeutung, Gefährdung und Schutz von Insekten am 24., 27. und 29. April, 18–19.30 Uhr; Gebühr: 25,50 Euro). Exkursionen: Nachtfalterabend im Biogarten der VHS in der Müga (6. Mai, 19 bis 22 Uhr, Gebühr: 17 Euro) sowie insektenkundliche Exkursion (20. Juni, 9-12 Uhr; Gebühr: 17 Euro). Weitere Infos und Anmeldung unter vhs.muelheim-ruhr.de.

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Eine Wildbiene im Anflug auf ein Insektenhotel. Der Mülheimer Experte Helmut Kessler kann auch Auskunft darüber geben, wie man solch eine Behausung zusammenstellen kann, ohne dass sie später den Insekten schadet.© FUNKE Foto Services | Michael Dahlke