Papier. Ein Werkstoff, der immer mehr aus der Zeit gefallen scheint – oder wo lesen Sie gerade diesen Text? Für Künstler Michael Beutler ist es das „Ur-Recycling-Material“, formbar, leicht verfügbar, in Form und Struktur überall auf der Welt anders. Es ist Teil des kulturellen Gedächtnisses.

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Für seine raumgreifende Installation „Tapetenwechsel“ in der alten Villa des Kunstmuseums Gelsenkirchen erhält der Künstler am Sonntag den mit 25.000 Euro dotierten Kunstpreis der Kunststiftung NRW. Der Nam June Paik Award ist gleichsam eine Auszeichnung für die Häuser, die ihn im jährlichen Wechsel präsentieren. Nun würdigt die Kunststiftung NRW also das Kunstmuseum Gelsenkirchen, das sich unter der Leitung von Julia Höner neu erfunden hat. So veränderte sich das Haus nicht nur baulich, auch die Werke wurden 2024 in ein neues Licht gerückt. Die Glanzstücke der größten kinetischen Sammlung kommen jetzt besser zur Geltung.

Beutlers Tapetenwechsel erstreckt sich über alle drei Etagen der alten Villa des Kunstmuseums, macht aus der denkmalgeschützten Alten Villa auf drei Etagen eine Werkstatt. Wer sie betreten will, muss durch eine riesige papierene Drehtür, angetrieben lediglich durch eine schwimmende Konstruktion, aufgehängt an fadenumwickelten Stahlrohren, die etliche Klettbänder zusammenhalten. Wer mittendrin steht, im Kunstwerk, dem kann schnell schwindlig werden. Ein Schubs, und die Drehtür setzt sich wieder in Bewegung, lautlos umkreisen drei Meter lange Papierbahnen die Betrachtenden.
Preisträger Michael Beutler
Michael Beutler wurde 1976 in Oldenburg geboren und lebt in Berlin und Aachen. Er ist bekannt für seine Werkstattkunst, mit der er Papier, Karton und Textilien zu skulpturalen Objekten verarbeitet. Er studierte an der Städelschule in Frankfurt am Main und der Glasgow School of Art. Seine Arbeiten waren unter anderem bei der Biennale 2017 in Venedig sowie dem Goethe-Institut in Kyoto zu sehen.
Ein Kunstmuseum als Papierwerkstatt: Aus Altpapier wird eine Installation

Beutler arbeitet vorwiegend mit gebrauchten Materialien: Kamen die Stahlrohre in ihrem ersten Leben in einem niederländischen Gewächshaus zum Einsatz, schöpfte er beim Papier wörtlich aus dem Vollen: alte Kataloge aus dem Kunstmuseum, ausgediente Kochbücher, Prospekte. Was auf dem Müll gelandet wäre, wurde zu Kunst. In eigens von ihm konstruierten Apparaturen machten Beutler und sein Team aus dem Altpapier zunächst Matsch, die sogenannte Pulpe, aus der schließlich die langen Papierbahnen geschöpft wurden. All die Maschinen sind Teil der Installation, machen den Entstehungsprozess sichtbar. „Ich umarme das Analoge“, sagt Michael Beutler und meint damit neben dem Papier auch seine raumfüllenden Maschinen, um es herzustellen.
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Wie ein riesiges Papierhaus wirkt der Hauptausstellungsraum, 300 jeweils drei Meter lange Papierbahnen wurden dort verarbeitet und an einer großen begehbaren Holzkonstruktion aufgehängt. Je nach Lichteinfall erinnern die unterschiedlich farbigen Papierwände an Kirchenfenster. Und immer wieder gibt das Papier kleine Überraschungen frei, werden Satz- und Wortfragmente aus ihrem ersten Leben vor dem Recycling sichtbar, gehören auch kleinere Risse und Löcher dazu. Einige Papierbahnen trocknete Beutler auf Stahlprofilen aus dem Trockenbau und erhielt so ebenjene Fassadenstruktur, die auch das Kunstmuseum Gelsenkirchen in Teilen umgibt.
Förderpreis für Lisa Klosterkötter
Die Kölner Künstlerin und Kuratorin Lisa Klosterkötter erhält den Förderpreis der Kunststiftung NRW. Mit ihrem dreiteiligen Projekt „Ein Dorf“ soll vor allem die Umgebung des Museums einbezogen werden: Im 24-Stunden-Museum ist schon jetzt eine textile Bibliothek entstanden, monochrom in pink. Tische, Stühle und regale sind allesamt mit Stoff bezogen. Auch der Vorplatz des Museums soll mit Lesungen und Performances belebt werden.
Beutler erinnere mit seinem Werk auch an die soziale Bedeutung von manueller Arbeit als identitätsstiftende Ressource, befand die Jury. In der ehemaligen „Industrie- und Fabrikstadt“ Gelsenkirchen halle das besonders nach. Das unterstreicht auch Michael Beutler, den besonders die handwerkliche und industrielle Geschichte Gelsenkirchens reizte. Auch Museumschefin Julia Höner findet, dieses handfeste Kunstwerk passe gut zum Haus, stehe gleichermaßen für Erneuerung und das Bewahren kultureller Geschichte. Ein bisschen wie die Alte Villa selbst, der eine Erneuerung an mancher Stelle auch guttun würde. „Zum Beispiel in Form einer Klimaanlage“, sagt Julia Höner und lacht. Denn dann könnten auch Teile der historischen Sammlung dort gezeigt werden, die bislang nur im Hauptgebäude zu sehen sind.
Die Preisverleihung und die Ausstellungseröffnung sind am Sonntag, 26. April, um 12 Uhr im Kunstmuseum Gelsenkirchen, Horster Str. 5-7. Anschließend ist die Ausstellung bis zum 16. August zu sehen.








