Der Tag endet bei knapp über Null Grad Außentemperatur und heißem Chili con Carne. 60 bis 65 Portionen garen gerade noch bei 130 Grad im nagelneuen Konvektomaten, sechs Kannen Kaffee sind schon gekocht – und Kinderpunsch gibt es auch, neben frischem Obst, Brötchen, Brot, Kartoffelsalat, Kuchen und Gebäck. Um kurz nach 19 Uhr steht Nils* geduldig wartend in der Mitte der Schlange und trägt sein Leben in einem Rucksack, einer großen Reisetasche und einer Plastiktüte bei sich. „Ich weiß gar nicht, ob alle kommen“, sagt Petra Bec beim Blick auf ihn und die weiteren Gäste. „Zum Monatsende wird es ja immer voller“, fügt die Vorsitzende des Vereins „Gelsenkirchen packt an! Warm durch die Nacht“ (WddN) noch hinzu. Aber heute, Anfang Februar?
WddN in Gelsenkirchen: Auf knappen acht Quadratmetern fing alles an
Immer wieder montags, mittwochs und freitags wird es in und um die ehemaligen Toilettenanlangen des Hauptbahnhofs lebendig. Hier ist der Mittelpunkt von Warm durch die Nacht, hier fing alles an – auf knappen acht Quadratmetern. Bis heute sind viele weitere Quadratmeter hinzugekommen.
In einem Raum liegen gestapelt auf Regalen lange Hosen und Jeans, an anderer Stelle hängen Pullover, dann Jacken, Schuhe und schätzungsweise 30 bis 50 Schlafsäcke. „Ist halt Winter“, sagt Petra Bec – und damit die wohl gefährlichste Zeit für all die Menschen, die auf der Straße leben.

Nur die bis zur Decke gefliesten Wände sind von den Bahnhof-WCs geblieben, ansonsten erinnert nichts mehr an die ehemaligen Nassräume. Einer der Räume ist voll mit Hygiene- und Drogerieartikeln, wieder ein anderer, größerer Raum ist die Speisekammer von Warm durch die Nacht.
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Bevor der Konvektomat einzog, mussten die Ehrenamtler von WddN Suppe und Eintöpfe in riesigen Töpfen auf Platten erwärmen, haben dazu noch die drei Mikrowellen genutzt. „Das Gerät macht uns das Leben einfacher, wir haben da schon so lange drauf gewartet“, sagt Petra Bec.
Der Verein Warm durch die Nacht ist weit über die Grenzen Gelsenkirchens bekannt
Entstanden vor über zehn Jahren, 2014, als Bürgerinitiative, ist Warm durch die Nacht seit 2016 ein eingetragener Verein – und mittlerweile weit über die Grenzen der Stadt bekannt. Der Name ist Antrieb allen Handelns: Obdachlose und Bedürftige werden mit heißem Essen, Kaffee, Tee oder eben auch mal Kinderpunsch versorgt, sodass sie warm durch die Nacht kommen. Dazu gibt es ein offenes Ohr oder auch eine Umarmung für die Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben und viel zu häufig nicht gesehen werden.
53 Ehrenamtliche engagieren sich bei WddN
Bei „Warm durch die Nacht“ engagieren sich mittlerweile 53 Helferinnen und Helfer ehrenamtlich. Die Essensausgabe findet immer Montag, Mittwoch und Freitag statt. Los geht es um 20 Uhr. Weitere Infos zu WddN gibt es auch im Netz unter gepa-wddn.ruhr oder bei Facebook und Instagram.
Die Spendenbereitschaft der Gelsenkirchener für Warm durch die Nacht und auch für den Verein Arzt mobil (mehr Infos gibt es unter arztmobil-gelsenkirchen.de) ist übrigens stetig und ungebrochen, heißt es seitens der beiden Vereine. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Arbeit fest in der Stadtgesellschaft etabliert ist.
Weitere Informationen über Hilfsangebote für obdachlose Menschen und Bedürftige gibt es auch auf der Homepage der Stadt unter gelsenkirchen.de
Für Nils ist die WddN-Essensausgabe ein Fixpunkt: „Wenn es die nicht gäbe...“, sagt der 46-Jährige, „ich wüsste nicht, wo ich hin sollte.“ Schließlich mache er mit Pfandsammeln schon lange keine guten Geschäfte mehr. Ruhig und besonnen beginnt er zu erzählen, davon, dass er seit vier Jahren wieder auf der Straße lebt und unter freiem Himmel schläft. Im Sommer und im Winter. Er sei schon im „ganzen Pott und in der Eifel“ gewesen, doch schließlich habe es ihn zurück nach Gelsenkirchen, seine Heimat, gezogen.

Es habe Probleme in der Familie und mit seinem Vermieter gegeben, berichtet Nils weiter. Es folgte: die Obdachlosigkeit. Nils spricht offen über sein Leben und vor allem darüber, dass er immer sehr viel nachdenke. Das Leben auf der Straße lässt eine Menge Raum zum Nachdenken. Ob er sich schon einmal Hilfe geholt habe? „Ich bin austherapiert“, antwortet er und rückt in der Schlange zum heißen Chili weiter vor.
Kombination von gleich zwei Hilfsangeboten kommt bei den Bedürftigen gut an
Um kurz vor 20 Uhr ist diese allerdings noch überschaubar. Das WddN-Team hat vor den großen Rolltoren die an diesem Abend wohl längste Theke mit gespendetem Essen in Gelsenkirchen aufgebaut. Hübsch anzusehen ist das alles – und somit ja auch eine Form von Wertschätzung.

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Gegenüber steht – wie meist jeden Montag – die mobile Arztpraxis des ebenfalls sehr bekannten Gelsenkirchener Vereins „Arzt Mobil“. Heute sind die beiden Streetworkerinnen Jennifer Ruhnau und Natalie Erbach dabei und auch die Ärztin Barbara Blenkers. Seit September 2022 sind sie als medizinische Unterstützung regelmäßig am Bahnofsvorplatz vor Ort. Und sie haben festgestellt: Die Kombination von gleich zwei Hilfsangeboten für bedürftige Menschen ist eine mehr als gute.

„Wir bekommen viel viel mehr Kontakt“, weiß Jennifer Ruhnau – schlicht, weil sie so mehr Menschen mit ihrem Angebot erreichen könnten als an den anderen Standorten auf dem Stadtgebiet. Und: „Die Gäste können beide Angebote gut miteinander verbinden“, so Ruhnau weiter. Schließlich kommen zu Spitzenzeiten auch mal bis zu 120 Gäste zur Essensausgabe am Hauptbahnhof.
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Heute sind es schätzungsweise 35. Es ist ein Montagabend mit eisigem Wind, der Februar hat gerade erst begonnen – und die Essensausgabe fällt ausgerechnet auf einen Tag, an dem der öffentliche Nahverkehr betreikt wird. Das alles führen Petra Bec und das Team von Arzt Mobil als Gründe für die vergleichsweise wenigen Bedürftigen an, die gekommen sind. „Es ist ein ganz untypischer, ungewöhnlicher Tag“, sagt Barbara Blenkers dann auch. Die Ärztin erinnert sich an Abende, „da war kein Rauskommen“ aus ihrer mobilen Praxis.

Dementsprechend ruhig verläuft die Ausgabe – das sei nicht immer so, wie die Streetworkerinnen berichten. „Es hat sich zuletzt gehäuft, dass die Konflikte untereinander zunehmen“, hat Natalie Erbach beobachtet. Jennifer Ruhnau führt das nicht unbedingt auf den Konsum von Rauschmitteln (Crack beispielsweise sorgt für eine gesteigerte Gereiztheit und Aggressivität) zurück: „Es ist einfach, weil die Menschen mehr unter Druck stehen und die Lebenssituationen vielfach angespannter sind.“
Nils holt sich noch ein warmes Getränk am Bollerwagen von Warm durch die Nacht. Einige Scheiben frisches Brot hat er auch noch bekommen, fürs Frühstück –„das schmeckt so gut mit Nuss-Nougat-Creme“, sagt er noch. Dann macht er sich wieder auf, nimmt sein Leben in Tasche und Tüten und kommt nun hoffentlich wenigstens ein bisschen wärmer durch die Nacht.







