Es sollte eigentlich ein friedlicher, bunter Nachmittag werden – nun aber ist der sechste Gelsenkirchener Christopher Street Day unter dem Motto „Gesellschaft ist, was wir daraus machen“ kurz vor Beginn am eigentlichen Veranstaltungstag abgesagt worden.
CSD Gelsenkirchen wegen abstrakter Bedrohungslage abgesagt
Auf Nachfrage bei der Polizei heißt es: „Der Veranstalter hat sich am Samstag (17. Mai) eigenständig dazu entschieden, den CSD kurzfristig abzusagen“, erklärt ein Polizeisprecher gegenüber der Redaktion. Der Grund sei eine „abstrakte Bedrohungslage“ gewesen, so der Sprecher weiter.
Veranstalter war in diesem Jahr zum ersten Mal das queere Jugendzentrum „Together“. Die Veranstaltung war mit 600 Menschen angemeldet. Das Team des Jugendzentrums berichtet: „Eine Stunde vor Beginn der Demonstration erreichte uns ein Anruf von der Polizei, dass es eine unkonkrete Anschlagswarnung gäbe. Die Warnung war für einen CSD in Nordrhein-Westfalen, aber nicht konkret, für welchen Punkt.“ Nach Informationen des Together seien noch weitere CSD, zum Beispiel in Mönchengladbach, geplant gewesen.
Weiter heißt es seitens des Veranstalters: „Es wurde darum gebeten, den Demo-Zug abzusagen. Das Straßenfest hätte laut Polizei stattfinden können. Die Polizei war sehr kooperativ und hat uns mehr als unterstützt.“ Die Entscheidung, den CSD abzusagen, sei gemeinschaftlich mit den anwesenden Kooperationspartnern beschlossen worden. „Wir sind nur ein kleines Jugendzentrum mit kleiner Besetzung und wir haben mit unseren Ehrenamtlichen und Kooperationspartnern monatelang diesen CSD geplant. Uns ist es sehr schwergefallen, den CSD abzusagen, aber Sicherheit vor allem in Anbetracht der vielen jungen CSD Besuchenden ging letztendlich vor und war ausschlaggebend für unsere Entscheidung.“
Bundeskriminalamt: Hass und Hetze gegen queere Menschen nehmen zu
CSD-Paraden stehen für Vielfalt und Toleranz. Doch Hass und Hetze gegen queere Menschen nehmen zu. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes (Stand: Dez. 2024) richteten sich 2023 1.785 Straftaten gegen lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche sowie andere queere Menschen. Das ist ein Anstieg von etwa 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr - 2022 wurden 1.188 Fälle registriert.
Der CSD in Mönchengladbach fand zwar statt. Die Polizei hatte aber vorsichtshalber wegen der Drohung die Sicherheitsmaßnahmen vor Ort erhöht. So fiel der geplante Demonstrationszug aus, die Veranstaltung fand stattdessen als stationäre Kundgebung statt.
Das Problem betrifft jedoch nicht nur kleinere CSDs. Beim größtenteils friedlichen Umzug Ende Juli 2024 in Berlin gab es beispielsweise 58 vorläufige Festnahmen. Gleich zu Beginn des CSD hatte Einsatzkräfte eine Gruppe Rechter ausgebremst, die versucht hatte, zum Aufzug zu kommen. Zwei Tage zuvor waren zwei Männer, die eine Regenbogenfahne - ein Symbol der queeren Vielfalt und Toleranz - dabei hatten, in Berlin von mehreren Jugendlichen attackiert und verletzt worden.
Ebenfalls im Juli 2024 kam es während des Kölner CSD-Umzugs zu einem Vorfall. Eine Gruppe von zwölf jungen Männern und einer Frau hatte lautstark rechtsradikale und homophobe Äußerungen von sich gegeben. Auch hatte die Gruppe der Polizei zufolge Regenbogenfahnen abgerissen.
Abgesagter CSD: „Muss darum gehen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen“
„Die Sicherheit muss gewährleistet sein, aber es muss auch darum gehen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen und solche Veranstaltungen weiter durchführen“, sagte die Stadtverordnete Hannah Huesmann Trulsen, die in den vergangenen Jahren für die Organisation des CSD verantwortlich war und eng vernetzt in der queeren Community ist. Sie plädierte dafür, zeitnah eine alternative Veranstaltung durchzuführen, um der LSBTIQ-Gemeinschaft in Gelsenkirchen mehr Sichtbarkeit zu verschaffen.
Die Gelsenkirchener Landtagsabgeordneten Ilayda Bostancieri (Grüne), Christin Siebel und Sebastian Watermeier (beide SPD) äußerten sich ebenfalls am Samstagnachmittag: „Die Absage des CSD in Gelsenkirchen aufgrund einer abstrakten Bedrohungslage hinterlässt ein bedrückendes Gefühl. Als demokratische, offene Gesellschaft können wir nicht hinnehmen, wenn die Demonstration queerer Menschen infrage gestellt wird. Die Freiheit, sichtbar zu sein, darf nicht durch Angst eingeschränkt werden. Das aber ist das erklärte Ziel derjenigen Kräfte, die Drohungen aussprechen und Unsicherheiten schaffen.“
WHO streicht Homosexualität aus Krankheitsliste
Der 17. Mai ist IDAHOBIT, der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit und findet inzwischen in mehr als 130 Ländern statt. Er erinnert an den 17. Mai 1990, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel strich. Seither gilt sie offiziell nicht mehr als Krankheit.
Lisa Schuhmacher, Mitglied im Vorstand der Partei Die Linke, nannte es einen „Skandal“, dass „ein Fest der Liebe, der Sichtbarkeit und des Zusammenhalts aus Angst vor Gewalt abgesagt werden muss.“ Dies sei ein trauriges Zeichen dafür, dass Hass und Gewaltandrohungen zu einer realen Bedrohung für Menschen würden, die für Vielfalt, Freiheit und Gleichberechtigung einstünden.
Reaktionen auf Absage: „Wir sind traurig, aber bleiben laut“
„Ich finde es unglaublich traurig und bestürzend, dass die Gefahr für queeres Leben immer mehr zunimmt“, sagte Barbara Christ, Leiterin des Mädchenzentrums, das für einen Teil des Bühnenprogramms verantwortlich gewesen wäre. „Wir müssen weiter gemeinsam in einer Gesellschaft kämpfen, in der alle frei leben und lieben können. Ich hoffe, dass wir nächstes Jahr den CSD wieder friedlich feiern können.“
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„Wir sind traurig, aber bleiben laut“, teilten die Mitarbeiter des „Together“ zu der Absage auf Instagram mit. Um den IDAHOBIT, den Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit, doch noch irgendwie feiern zu können, hat man kurzzeitig den Treffpunkt in das Jugendzentrum an der Wildenbruchstraße verlagert. Dort habe man ein offenes Ohr und wolle gemeinsam Spaß haben.
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Zu besonderen Vorkommnissen ist es nicht gekommen, sämtliche Gäste und Besucherinnen und Besucher des CSD seien am frühen Nachmittag bereits auf dem Rückweg gewesen, berichtet die Polizei weiter. Weitere Details konnte die Polizei noch nicht bekannt geben, die Ermittlungen laufen.