Was passiert mit einer Demokratie, wenn Menschen sich vom Journalismus nicht mehr gehört fühlen? Und wie können Medien Vertrauen zurückgewinnen?
Darüber diskutierten Verlegerin Julia Becker, Aufsichtsratsvorsitzende der FUNKE Mediengruppe, zu der auch diese Zeitung gehört, und Eric Gujer, Chefredakteur der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), beim Stiftungstag der Brost-Stiftung (3. September) auf Zeche Zollverein in Essen. Die Stiftung fördert unter anderem Qualitätsjournalismus und damit Medienangebote, die verlässlich informieren, unterschiedliche Perspektiven abbilden und Teil eines demokratischen Diskurses sind.
Die Menschen bezahlen dafür, dass sie sich auf sichere, relevante Informationen verlassen können.
Julia Becker , Verlegerin der FUNKE Mediengruppe
Nicht einmal jeder zweite erwachsene Internetnutzer in Deutschland hält den Großteil der Nachrichten für vertrauenswürdig. Lediglich 45 Prozent der Befragten sagen, dass man den meisten Berichten vertrauen könne. Das zeigt der aktuelle Reuters Institute Digital News Report 2025 der Universität Oxford. Am meisten vertrauen die Menschen laut Studie den öffentlich-rechtlichen Nachrichtenangeboten sowie Lokal- und Regionalzeitungen.
Was zeichnet Qualitätsjournalismus aus? Und was müssen Redaktionen tun, um vertrauenswürdig zu bleiben? Für Julia Becker beginnt Qualität mit einem Versprechen. Journalismus müsse dem Pressekodex verpflichtet sein, Informationen überprüfen und nach dem Vier-Augen-Prinzip arbeiten. „Die Menschen bezahlen dafür, dass sie sich auf sichere, relevante Informationen verlassen können“, sagte Becker.
Journalismus muss Zweifel aushalten
NZZ-Chefredakteur Eric Gujer stellte vor allem einen Begriff in den Mittelpunkt: Glaubwürdigkeit. Und das bedeute nicht, dass das Publikum jeder Veröffentlichung inhaltlich zustimmen müsse. „Im Gegenteil: Vertrauen entsteht dann, wenn Leserinnen und Leser sagen können, dass sie einer journalistischen Stimme auch bei inhaltlicher Uneinigkeit Glauben schenken“, so Gujer.

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Er kritisierte, dass Journalistinnen und Journalisten in den vergangenen Jahren komplexe Probleme oft zu einseitig betrachtet hätten. Es sei ihre Aufgabe, gerade dort hinzusehen, „wo man es eben nicht genau weiß“, sagte Gujer. Redaktionen dürften sich nicht vorschnell mit der ersten vermeintlich eindeutigen Antwort zufriedengeben.
Vertrauen entsteht dann, wenn Leserinnen und Leser sagen können, dass sie einer journalistischen Stimme auch bei inhaltlicher Uneinigkeit Glauben schenken.
Eric Gujer, NZZ-Chefredakteur
Vertrauen in Journalismus entsteht durch Nähe
Für Verlegerin Julia Becker ist Nähe eine entscheidende Voraussetzung. Besonders greifbar werde dieser Anspruch im Lokaljournalismus. Dort begegnen Reporterinnen und Reporter den Menschen, über die sie berichten, immer wieder: im Rathaus, auf dem Marktplatz, im Verein oder bei öffentlichen Veranstaltungen. „Vertrauen muss jeden Tag neu erarbeitet werden – vor allem dadurch, mit den Menschen zu sprechen, statt über sie“, sagte Becker. Sie sprach von einer besonderen Bringschuld: „zuhören, nachfragen und auch in Regionen sichtbar sein, die weit von den politischen und medialen Zentren entfernt sind“.
Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt warnte sie davor, den Osten Deutschlands als Sonderkategorie zu behandeln. Viele westdeutsche Medien hätten in einer Tonalität berichtet, durch die sich Menschen vor Ort nicht ernst genommen fühlten. „Die Unterscheidung zwischen ‚denen da drüben‘ und dem Rest des Landes hat eher Distanz geschaffen, statt Verständnis zu ermöglichen.“
Wie viel Haltung verträgt Journalismus?
„Wie viel Haltung verträgt Journalismus?“, fragte Moderatorin Anke Plättner die beiden an diesem Abend. „Entscheidend ist vielmehr, ob Bericht und persönliche Meinung voneinander getrennt werden“, antwortete Becker. Eine persönliche Einschätzung müsse als solche gekennzeichnet sein. Ebenso müsse es möglich sein, ihr zu widersprechen.
Auch Eric Gujer mahnte: „Journalisten dürfen ihrem Publikum nicht vorschreiben, was es denken soll. Vielmehr müssen wir relevante Sichtweisen abbilden, sie anhand von Fakten überprüfen und ihre Widersprüche offenlegen.“ Seine wichtigste Forderung für die kommenden Jahre lautete: „Mehr Demut.“
Die Zukunft findet auch auf Instagram statt
Die Diskussion endete mit einem optimistischen Ausblick in die Zukunft: Julia Becker sieht Hoffnung in der Kreativität junger Journalistinnen und Journalisten, in ihrer Lust am Informieren und in ihrem Wunsch, sich in der Gesellschaft einzubringen. Videobeiträge, Podcasts oder Instagram-Formate würden dabei helfen, jüngere Menschen mit journalistischen Inhalten zu erreichen. Allein die Videoproduktionen der FUNKE Mediengruppe haben 2026 auf Instagram rund 400 Millionen Aufrufe erzielt, berichtete Becker.
Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob Journalismus auf Papier, im Podcast oder auf Social Media erscheint. Entscheidend ist, ob journalistische Prinzipien unabhängig vom jeweiligen Kanal gewahrt bleiben.






