Als das Schauspiel Essen seine erste digitale Theaterproduktion 2021 herausgebracht hat, war die Fassung von „Der Reichsbürger“ vor allem ein Signal der Hoffnung in Zeiten der Pandemie. Die Theater hatten geschlossen, die Kunst kam ins Haus. Die dazu notwendigen VR-Brillen wurden damals sogar per Kurierdienst ausgeliefert. Auch die zweite große VR-Produktion „Die Wand“ war im Essener Schauspiel zunächst als digitales Theater für zu Hause konzipiert.
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Bei „Memories of Snow“, der jüngsten Augmented-Reality-Installation im Schauspiel Essen, ist das anders. Die digitale Bühnen-Produktion setzt bewusst auf die Anwesenheit der Zuschauer. Und ist doch ganz anders als gewöhnliche Theaterabende.
Die Zuschauer tauchen buchstäblich in die Handlung ein
Eine Bühne, feste Sitzplätze und Kulissen gibt es nicht. Und die Schauspieler begegnen dem Publikum größtenteils nur als Stimmen. Dafür verwandelt sich die Studiobühne „Ada“ im Grillo-Theater in einen Erlebnisraum, in dem die Requisiten scheinbar durch den Raum schweben, Wände verschwinden, sobald man sich ihnen nähert und die Zuschauer buchstäblich in die Handlung eintauchen. Wer die AR-Brille absetzt, sieht nur einen leeren Theatersaal. Die Räume, Einrichtungen, Szenen entstehen mittels digitaler Technik.
Verantwortlich dafür sind der erfahrene Digitaltheatermacher Roman Senkl und das Theaterkollektiv minus.eins.labs. Senkl hat sich schon vor einigen Jahren am Dortmunder Schauspiel und der dortigen Akademie für Theater und Digitalität mit der Frage beschäftigt, wie neue digitale Technologien in der Theaterarbeit einen Platz finden können. Das „Extended Reality Theater – XRT“ im Schauspiel am Staatstheater Nürnberg ist seit 2023/24 die erste Spielstätte für digitales Theater, die Senkl künstlerisch leitet.
„Memories of Snow“ in Essen: Die Vorlage stammt von Teona Galgoțiu
In Essen bringen der gebürtige Grazer und sein Team mit „Memories of Snow“ nun ein Stück der rumänischen Filmemacherin und Autorin Teona Galgoțiu auf die Bühne. „Ein Glücksfall“, sagt Senkl über die Vorlage, die viele aktuelle Themen und Fragestellungen aufgreife, mit denen man sich im Vorfeld auch selber beschäftigt habe, von der Klimakrise bis zum Generationenkonflikt.
Im Mittelpunkt steht dabei eine Figur, Cali, deren Erinnerungen an eine im Untergang begriffene Welt die Zuschauer auf eine Spurensuche mitnehmen. Ängste und Verlustmomente, aber auch die Erfahrung von Gemeinschaft und die Entdeckung gemeinsamer Handlungsräume spielen in diese apokalyptische Szenerie hinein.
Die Zuschauer nehmen sich gegenseitig wahr und können miteinander interagieren
Das Publikum erlebt die rund einstündige Reise durch die in 3D gebauten Räume mittels AR-Brille. Anders als beim VR-Format sorgen die hochmodernen Headsets dafür, dass man nicht komplett von der realen Umgebung abgeschottet wird. „Man hat immer ein Gefühl für den realen Raum“, erklärt Szenograf Philip Bussmann das Prinzip von Augmented Reality (AR), was übersetzt „erweiterte Realität“ bedeutet. So können sich die jeweils sechs Zuschauer pro Vorstellung nicht nur jederzeit gegenseitig wahrnehmen, sondern sogar miteinander interagieren.
Es sei spannend zu sehen, wie Menschen mit unterschiedlichen Backgrounds mit der ungewohnten Theatersituation umgingen, sagt Phil Jungschlaeger, zuständig fürs Creative Coding. Zuschauer mit Gaming-Erfahrung treffen in den Vorstellungen auf Mixed-Reality-Neulinge. Kein Problem, sagt Senkl. „Man wird langsam und behutsam in die Handlung reingeführt“. Die technische Einweisung sei schon Teil der Erzählung.
„Wir leben in einer hybriden Wirklichkeit“
„Wir leben in einer hybriden Wirklichkeit“, erklärt Senkl. Die entscheidende Frage sei, ob „ein Theater auf der Höhe der Zeit“ den Fragen, Problemen und Veränderungen der Gegenwart auch mit den Mitteln der Gegenwart begegnen wolle. In der Ada bringt man beides zusammen: die virtuelle und die reale Welt.
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Der Einsatz der hochmodernen AR-Technik soll dabei kein Spektakel, kein ästhetisches Ausnahme-Erlebnis sein, sondern die Möglichkeiten von Theater über den analogen Raum hinaus erweitern. „Wir wollen nicht, dass alles digital wird“, bremst Phil Jungschlaeger die Ängste vor einer KI-dominierten Kunstwelt. Die Co-Präsenz, das Erleben digitaler Formate im Bühnenraum, bleibe ein wesentlicher Aspekt der gemeinsamen Arbeit. „Das Schöne am Theater sei schließlich, „dass es so eine Vielzahl an Spielweisen gibt.“
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Die Premierentermine am Freitag, 10. Oktober, sind bereits ausverkauft. Weitere Termine im Oktober: 12., 18., 19. und 25. Oktober. Weitere Termine und Tickets unter www.theater-essen.de