Der Chef der Essener National-Bank, Thomas A. Lange, will die Beschäftigten in der Finanzwirtschaft für Fehlentwicklungen in den Sozialen Medien sensibilisieren. Er sei besorgt um die Demokratie, sagt der erfahrene Manager im Gespräch mit unserer Redaktion. Daher melde er sich als Vorsitzender des Arbeitgeberverbands der privaten Banken in Deutschland zu Wort. „Es gibt unzählige Versuche, Wahrheiten zu manipulieren. Fakten werden systematisch verneint, stattdessen wird eine Gegenrealität konstruiert“, sagt Lange. Hoffnungen setzt er in Seminare für Beschäftigte, die den Menschen helfen sollen, Falschnachrichten zu erkennen.
Herr Lange, machen Sie sich Sorgen um die Demokratie in Deutschland?
Lange: Unser demokratisches System ist in den vergangenen Jahren in Teilen unserer Gesellschaft massiv unter Druck geraten. Die Hassrede in den sogenannten Sozialen Medien nimmt zu. Fake News verbreiten sich. Mehr und mehr wird die Meinungsfreiheit als Freibrief für verfassungsfeindliche Gesinnungen missbraucht. Ja, ich mache mir Sorgen um die Demokratie.
Sie führen seit bald 20 Jahren die National-Bank und sind Vorsitzender des Arbeitgeberverbands der privaten Banken in Deutschland, der für rund 135.000 Beschäftigte in mehr als 100 Unternehmen steht. Warum sind die Abgründe der Sozialen Medien ein Thema für Sie?
Lange: Es ist der grundgesetzlich verankerte Auftrag der Sozialpartner, die Wirtschafts- und Arbeitsbedingungen in unserem Land zu wahren und zu verbessern. Dazu gehört, die Demokratie als Grundlage der sozialen Marktwirtschaft und unseres freiheitlich-gesellschaftlichen Zusammenlebens zu verteidigen. Diese Aufgabe ist aktueller denn je. Das gilt insbesondere mit Blick auf meine Verantwortung als Arbeitgeberpräsident und die Gesamtheit der privaten Banken in Deutschland.
„Fakten werden systematisch verneint“
Wie meinen Sie das?
Lange: Es gibt unzählige Versuche, Wahrheiten zu manipulieren. Fakten werden systematisch verneint, stattdessen wird eine Gegenrealität konstruiert. Damit verbunden ist ein Phänomen, das „Firehosing“ genannt wird, bildlich gesprochen: das Spritzen mit dem Feuerwehrschlauch. Falschnachrichten werden so häufig wiederholt, bis Menschen sie als real wahrnehmen. Denn als soziale Wesen tendieren wir dazu, einen Sachverhalt eher zu glauben, wenn er von scheinbar unterschiedlichen Quellen gleichlautend oder inhaltlich übereinstimmend berichtet wird.
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Und dadurch gerät die Demokratie in Gefahr?
Lange: Ja, denn ohne das Bekenntnis zur Wahrheit ist die Demokratie nicht funktionsfähig. Desinformationen und Verschwörungserzählungen finden im Internet einen bislang nicht gekannten Widerhall. Das gefährdet zunehmend die Art unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Daher sind auch wir als Akteure der Wirtschaft gefordert. Das gilt für Unternehmen ebenso wie für Verbände. Das treibt mich um.
Woher kommen die Angriffe auf die Demokratie?
Lange: Es sind unterschiedliche Akteure am Werk. Ein roter Faden ist, das Vertrauen in die Kompetenz und Handlungsfähigkeit etablierter Institutionen erschüttern zu wollen. Es geht darum, die Gesellschaft zu spalten. Solche Interessen werden von Rechtspopulisten ebenso verfolgt wie von staatlich gesteuerten oder gestützten Agitatoren, etwa aus dem russischen oder asiatischen Raum.

Was können Sie denn – jenseits von Analyse und Appellen – als Wirtschaftsakteur tun?
Lange: Verantwortung übernehmen und handeln! So hat der Arbeitgeberverband der privaten Banken mit der Gewerkschaft Verdi und anderen namhaften Institutionen eine Initiative gestartet, um die Mitarbeitenden in Banken für das Thema Fake News zu sensibilisieren. In Schulungen erfahren sie, wie sich Desinformationen im Netz verbreiten – und wie diese zu erkennen sind. Zahllose Beschäftigte deutscher Institute haben bereits an den Seminaren teilgenommen.
Initiative von Banken-Arbeitgebern und Verdi gestartet
Könnten nicht „von oben“ verordnete Schulungen das Gegenteil dessen bewirken, was Sie erreichen möchten?
Lange: Es ist ein Angebot, nicht mehr und nicht weniger. Und das Gute ist: Es wird angenommen, gerade von jüngeren Menschen. Offenbar trifft es den Nerv und vermutlich auch die Sorgen vieler. Das zeigt: Engagieren lohnt sich. Dies umso mehr, als insbesondere die Spitzen der Wirtschaft eine Vorbildfunktion in der Gesellschaft haben.
Welche anderen Ansatzpunkte gibt es?
Lange: Indem wir die Menschen in Unternehmen bewusst, und nicht betriebliche Themen betreffend, während der Arbeits- und nicht in der Freizeit miteinander ins Gespräch bringen. Das schafft neue kommunikative Ebenen und Inhalte, die zu einem gesellschaftlichen Vertrauen beitragen, das für jede Demokratie unverzichtbar ist. So ermöglicht die National-Bank, ebenso wie andere Mitgliedsinstitute des Arbeitgeberverbands der privaten Banken, zeitliche Räume, in denen Mitarbeitende beispielsweise über ihr ehrenamtliches Engagement berichten. Ziel ist es zu zeigen, dass sich der Einsatz für die Gesellschaft nicht nur lohnt, sondern Freude bereitet und Sinn stiftet. Auch das ist gelebter Zusammenhalt.
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An welche Ehrenämter denken Sie?
Lange: Beispielsweise kann ein Beschäftigter, der in seiner Freizeit bei der Freiwilligen Feuerwehr arbeitet, sich als Pfadfinder für die Jugendbetreuung einsetzt oder für die Brauchtumspflege eintritt, für sein Engagement während der Arbeitszeit werben. Das gilt für alle Ehrenämter, denn sie sind der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Sie stärken uns und die Demokratie.
„Wir müssen den Kern unserer Demokratie schützen“
Melden Sie sich bewusst vor der NRW-Kommunalwahl am 14. September zu Wort?
Lange: Es ist eine Zufälligkeit, für die ich dankbar bin. Das Thema, um das es geht, wird jedoch weit über den Wahltag hinaus virulent bleiben. Ich befürchte, dass wir weitere Zuspitzungen in gesellschaftlichen Debatten sehen werden. Daher müssen wir den Kern unserer Demokratie schützen: die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge, Fakten und Fiktion.
Die deutsche Gesellschaft hat sich in den zurückliegenden Jahrzehnten stark an den Vereinigten Staaten orientiert. Ist dies angesichts der Vorgehensweise von US-Präsident Trump aus Ihrer Sicht noch sinnvoll?
Lange: Die Vereinigten Staaten sind nicht Trump, und Trump steht nicht für die Vielfalt Amerikas. Sie sind ein großartiges Land mit vielen Errungenschaften – technologisch, wissenschaftlich und auch sonst. Und dennoch – das Wahlergebnis ist ein Weckruf. Trump steht für das Ungefähre und verleugnet Tatsachen. Er umschreibt sie mit dem Begriff „alternative Fakten“, mit dem er die Unwahrheit legitimiert und auf dieselbe Stufe stellt wie die Wahrheit. Es ist nicht nur ein Irrweg, sondern eine Lüge.
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Was bedeutet das für Deutschland und Europa?
Lange: In Anbetracht der Unberechenbarkeit der US-amerikanischen Administration, des kriegerischen Überfalls Russlands auf die Ukraine und neuer politisch-militärischer Allianzen nicht-demokratischer Staaten müssen wir mutig und zuversichtlich unseren eigenen Weg gehen. Es gilt, Haltung zu zeigen und konsequent die Demokratie zu verteidigen. Sie ist die beste aller Staatsformen. Die große Mehrheit der Weltbevölkerung möchte in ihr leben. Europa ist insofern mehr als eine Schicksalsgemeinschaft. Es ist unsere Zukunft und die unserer Kinder.
Aber Europa wirkt oft uneinig.
Lange: Wir müssen zusammenrücken und unser nationalstaatliches Denken überwinden, denn eine neue Zeit erfordert ein Umdenken. Diese Kraft sollten wir aufbringen. Der deutsche Bundeskanzler Adenauer und der französische Präsident de Gaulle haben es in den 1960er-Jahren vorgemacht. Sie haben sich vertraut – auf Basis von Fakten und Wahrheit. Ehrlichkeit ist eine Währung. Das sollte die Richtschnur unseres Handelns und jeder Wahlentscheidung sein.





