Wohin treibt die Stadt das Verkehrsgeschehen auf der Rüttenscheider Straße – oder sollte man besser fragen: Wohin lässt sich das Rathaus treiben? Nachdem vor gut einem Jahr Essens vielleicht wichtigste, jedenfalls am besten funktionierende Einkaufs- und Gastronomie-Straße zur Fahrradstraße erklärt wurde, steht in diesen Tagen eine Entscheidung an: nämlich ob Autofahrern weitere Restriktionen in Form von Abbiegezwängen auferlegt werden.

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Das eigentlich längst fällige Votum der Stadt lässt immer noch auf sich warten, weil hinter den Kulissen heftig gerungen wird. Das weiß auch die Deutsche Umwelthilfe, die nicht zufällig vergangene Woche den Oberbürgermeister per offenen Brief in den Senkel stellte und aus dem fernen Radolfzell in gewohnt gebieterischem Ton Verschärfungen auf der Essener Rü verlangte. Auch die hiesige Fahrrad-Lobby wird nicht müde, mit öffentlichen Aktionen die Dinge in ihrem Sinne voranzutreiben.
Bisher hielten sich die Einzelhändler nach außen zurück - das scheint sich gerade zu ändern
Im Vergleich dazu übten sich die Einzelhändler zumindest nach außen hin eher in Zurückhaltung, was sich allerdings gerade zu ändern scheint. Womöglich ist das klug. Denn tatsächlich könnte sich die Hoffnung als voreilig erweisen, dass der gewöhnlich vernunftbegabte Oberbürgermeister und die CDU es schon richten werden. Die von den Grünen motivierte, von Initiativen forcierte verkehrspolitische Experimentierlust hat zunehmend auch in der städtischen Fachverwaltung eine Heimstatt.
Auf dem Spiel steht einiges. Rüttenscheid und die Rüttenscheider Straße – das wurde in den letzten zwei, drei Jahrzehnten eine Erfolgsgeschichte, wie es sie in Essen nicht annähernd ein zweites Mal gibt. Wirtschaftlicher Erfolg und Aufenthaltsqualität gehen hier eine für hiesige Verhältnisse glückliche Verbindung ein, was selbstverständlich dazu führt, dass es auch mal richtig voll und quirlig wird auf Straßen und Gehwegen.
Wenn alles so schlimm ist – warum ist Rüttenscheid eigentlich so beliebt?
Dennoch oder gerade deshalb erfreut sich der Stadtteil auch als Wohnort großer Beliebtheit. Wenn hier also alles so furchtbar katastrophal ist, wie es die Missionare der Verkehrswende behaupten, dann fragt man sich, warum die Menschen nicht in Scharen Rüttenscheid fernbleiben oder verlassen. Tatsächlich passiert nach wie vor das Gegenteil – und in mancher Sommernacht ist beim Andrang sogar des Guten zu viel erreicht.
Rüttenscheid funktioniert – und zwar so wie es ist. Das heißt nicht, dass sich nie etwas ändern darf, es verbieten sich aber radikale Schritte, die negative Folgen für das erfolgreiche Wirtschaftsleben haben könnten. Um diese Schritte dennoch politisch durchzusetzen, wird gerne zum Mittel der Dramatisierung gegriffen. Die Fahrradstraße Rü mag nicht der reinen Lehre entsprechen, aber das stets und immer hier das reine Chaos herrschen würde, ist schlicht übertrieben.
Die Rü kann keine Radautobahn sein, weil hier viele Bedürfnisse zusammenkommen
Ja, es stimmt: Auch Radfahrer können hier nicht durchpreschen wie auf einer Radautobahn. Das mag lästig sein, doch ist das in einem urbanen Umfeld mit Zehntausenden Anwohnern und Besuchern sowie unterschiedlichen Mobilitätsbedürfnissen kaum zu ändern. Jedem hätte das klar sein müssen als die Fahrradstraße eingerichtet wurde, und natürlich war es auch vielen klar. Tatsächlich soll ja mit dem Klagen vor allem die Salami-Taktik befeuert werden, um Autonutzer Stück für Stück zu verdrängen.
Fakt ist, dass sich unterm Strich für Radnutzer einiges verbessert hat, was man auch daran sieht, dass ihre Zahl auf der Rü eindeutig gestiegen ist. Sicherlich gibt es Konflikte, und sie mit zumutbaren Mitteln zu minimieren, ist eine wichtige Aufgabe. Völlig zu vermeiden sind Konflikte nicht, wo so viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen. Es empfiehlt sich als goldene Regel die gute alte Rücksichtnahme statt Ausgrenzung und Abtrennung.
Quer durch die Republik gibt es zu viele kommunale Beispiele für eine Verkehrspolitik, die mit gut gemeinten Beruhigungsmaßnahmen den Einzelhandel abgewürgt hat und einst lebhaften Straßen einen leicht verspießerten Bullerbü-Anstrich verpasste. Die Politik sollte sich gut überlegen, ob sie diesen Weg auch in Rüttenscheid beschreiten will. Es könnte das Ende einer Erfolgsgeschichte sein.




